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Verdrängte Gefahr

Sie ist eines der größten sozialen Risiken, aber nur wenige sind gegen Berufsunfähigkeit ausreichend versichert. Diese zehn Punkte sollten Sie kennen.

1. Warum sollte man sich gegen Berufsunfähigkeit versichern?

Das Risiko, aus gesundheitlichen Gründen die erlernte Tätigkeit nicht mehr ausüben zu können, ist enorm: Jeder dritte Arbeiter und jeder fünfte Angestellte in Deutschland muss wegen Krankheit seinen Beruf vorzeitig aufgeben. Das betrifft mehr als 100.000 Menschen im Jahr. Berufsunfähigkeit, im Branchenjargon BU genannt, ist eines der gefährlichsten sozialen Risiken, und die staatlichen Hilfen sind gering. Eine Berufsunfähigkeitspolice sollte daher zu den Standardversicherungen für jeden Arbeitnehmer gehören. Nach einer Erhebung des Marktforschungsinstituts Psychonomics in Köln sind aber vier von fünf Deutschen privat nicht dagegen versichert.

2. Was führt zu Berufsunfähigkeit?

Die Gründe, den Job nicht mehr ausüben zu können, haben sich im Laufe der Zeit verändert. Eine Studie der Allianz Lebensversicherung zeigt, dass Psychokrankheiten im Laufe der vergangenen 20 Jahre zum Spitzenreiter bei BU-Gründen wurden (siehe Grafik).

3. Wie viel zahlt der Staat, wie viel die private Versicherung?

Die gesetzliche BU-Rente, die aus Mitteln der Rentenversicherung gezahlt wird, liegt im Schnitt zwischen 600 und 700 Euro. Sie hängt ab von Dauer und Höhe der Einzahlung, liegt aber nur selten über Sozialhilfeniveau. Eine private Versicherung zahlt ebenfalls eine monatliche Rente, im Branchenmittel zuletzt gut 400 Euro. Die gewünschte Höhe der privaten Zusatzrente legt der Kunde bei Abschluss der Versicherung selbst fest. Je höher der Betrag sein soll und je älter der Versicherte ist, umso höher sind die monatlichen Beiträge. Voraussetzung für die typischerweise bis zum Renteneintritt dauernde BU-Auszahlung ist, dass der Versicherte durch Krankheit oder Unfall im vertraglich festgelegten Umfang (in der Regel ab 50 Prozent) berufsunfähig ist, also seinen zuletzt ausgeübten Beruf auf Dauer nicht mehr ausüben kann.

4. Wer sollte sich versichern?

Die Risiken sind ungleich verteilt: Eine Untersuchung des Fachinformationsdienstes "map-report" zeigt, dass in den Jahren 1993 bis 1999 die Wahrscheinlichkeit, berufsunfähig zu werden, bei Arbeitern im Handwerk (besonders in der Bauwirtschaft) am höchsten war. Dagegen hatten Akademiker in Lehr-, Heil- und Technikberufen sowie Staatsdiener besonders geringe BU-Risiken. Im Mittelfeld rangierten kaufmännische, soziale und Dienstleistungsberufe. Diese Statistik sollte Büro-Arbeiter jedoch nicht in Sicherheit wiegen. Während in handwerklichen Berufen die physische Belastung der Arbeitnehmer zurückging, belegt der Anstieg psychischer Erkrankungen, dass der Leistungsdruck größer geworden ist. Das BU-Risiko hat sich immer mehr von der körperlichen Schwere der Arbeit abgekoppelt. So nahm zuletzt die Berufsunfähigkeit bei jungen, gut ausgebildeten Frauen um 35 deutlich zu.

5. Wie steht es um die Zahlungsmoral der Versicherungen im Schadensfall?

Nicht jede Versicherung zahlt im Falle einer Berufsunfähigkeit bereitwillig und schnell. Wenn es darum geht, ob und in welchem Umfang die Gesellschaften ihren Verpflichtungen nachkommen müssen, werden oft die Gerichte bemüht. Es gibt allerdings Unterschiede in der Prozessfreudigkeit der Versicherer, und die sollte man berücksichtigen, bevor man einen Vertrag unterzeichnet. Tipp: Schließen Sie Ihre Berufsunfähigkeit nicht bei dem Versicherer ab, bei dem Ihr Rechtsschutz läuft. So vermeiden Sie im Klagefall Interessenkonflikte.

Folgende Anbieter zeichneten sich laut "map-report" durch eine besonders niedrige Prozessquote aus: Öffentliche Braunschweig, CiV, Hamburg-Mannheimer, Neue Leben, Victoria, Allianz, Karlsruher Leben, Deutscher Ring, Provinzial Nord und Debeka. Die meisten Prozesse führten in der Vergangenheit Provinzial Rheinland, Stuttgarter, Dialog, LVM, Inter, Huk-Coburg, Aspecta, Gothaer, Süddeutsche und DEVK Allgemeine. Diese Statistik lässt zwar keine Vorhersage über zukünftige Prozessquoten zu, gibt aber einen Eindruck von der bisherigen Geschäftspolitik der Anbieter.

6. Bekomme ich eingezahlte Beiträge zurück, wenn ich nicht berufsunfähig werde?

Nein. Eine BU funktioniert wie eine Risikolebensversicherung oder eine Kfz-Haftpflicht. Solche Versicherungen zahlen nur im Schadensfall. Dafür sind die monatlichen Beiträge verhältnismäßig gering.

7. Wer bietet die günstigsten Tarife?

Ein Preisvergleich lohnt sich: Auch bei preiswerteren Versicherungen lassen sich monatlich je nach Alter und Geschlecht schnell bis zu 35 Euro sparen. Frauen können sich in der Regel dabei etwas günstiger gegen Berufsunfähigkeit versichern als Männer (siehe Tabelle).

8. Je billiger, desto besser?

Nein, wichtig ist auch, dass sich die Versicherung im Schadensfall kundenfreundlich verhält, also die Rente ohne langes Prozessieren auszahlt. Und: "Der eine oder andere Billigheimer könnte sich bei seinen BU-Tarifen verkalkuliert haben, wenn er etwa Kosten neuerer Risiken wie Psychokrankheiten unterschätzt hat", warnt "map-report"-Chef Manfred Poweleit. "Umso unwilliger wird er dann zahlen." Der Branchenexperte rät daher zu finanzstarken Anbietern. Einen Anhaltspunkt hierfür liefern Bewertungen der Finanzkraft von Lebensversicherungen. Tipp: Fragen Sie den Versicherungsverkäufer einfach danach.

9. Was ist eine Berufsunfähigkeitszusatzversicherung?

Häufig bieten Finanzvertreter Berufsunfähigkeitsversicherungen in Kombination mit einer Lebensversicherung an. Der Name: Berufsunfähigkeitszusatzversicherung, kurz BUZ. Verbrauchern wird dabei vorgerechnet, dass der "BUZ-Einschluss" in eine Lebensversicherung kostengünstiger sei als der separate Abschluss. Das mag im Einzelfall stimmen. Sicher ist aber auch, dass die Provision deutlich steigt, wenn der Vertreter statt einer simplen BU eine Lebensversicherung plus BUZ an Mann oder Frau bringt. Doch nicht jeder will eine Lebensversicherung als Teil der privaten Altersvorsorge. In solchen Fällen lohnt es zu vergleichen, um wie viel billiger die Zusatzversicherung gegenüber einem reinen Berufsunfähigkeitsangebot wirklich ist.

10. Wie kommt man an eine Police?

Sie können sich an einen Vermittler der Versicherungsgesellschaft Ihrer Wahl wenden. Nachteil: Der Vermittler vertritt ausschließlich sein Unternehmen. Konzernunabhängige Beratung gegen Honorar bieten gerichtlich zugelassene Versicherungsberater und - auf Provisionsbasis - Versicherungsmakler. Letztere können Sie zudem haftbar machen, wenn Sie falsch beraten wurden. Wichtig: Der Makler sollte eine Vermögensschadenshaftpflicht haben. Die deckt Schäden durch Falschberatung ab.

Frank Donovitz/Joachim Reuter/print
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