Wer abnimmt, kann viel mehr verändern als seine Figur: Denn wer überflüssige Pfunde verliert, gewinnt ein besseres Körpergefühl, ein robusteres Selbstbewusstsein, mehr Energie und Gelassenheit. Lesen Sie hier, wie andere die Verwandlung geschafft haben - und wie Sie selbst erfolgreich durchstarten. Von Helen Bömelburg

Bessere Ausstrahlung: Jochen Puls beim Flirt im Fitnessstudio© Edgar Rodtmann und Jens Neumann
Das neue Leben von Jochen Puls begann am 1. März 2005. An diesem Dienstag verzog er sich nicht aufs Sofa, um den Feierabend zu verdämmern, sondern trat in der Bonner Innenstadt durch eine Glastür. Hinein ins gleißende Neonlicht eines Fitnessstudios, wo junges Volk im Rhythmus der Charts trainierte, wo die Ausdauergeräte schnurrten und Langhanteln in ihre Halterungen krachten. Eine Viertelstunde hielt es Jochen Puls auf dem Crosstrainer aus. "Danach war ich völlig fertig", erzählt der 38-Jährige heute, "aber glücklich. Denn es war der Anfang." Der Anfang vom Ende des 101-Kilo-Mannes. Zu Silvester hatte sich Puls über seinen beträchtlichen Bauch zur Waage hinuntergebeugt und beschlossen, sich vom 1. März an weit zurück in den zweistelligen Bereich zu kämpfen. Weg mit dem Speck, schwor er sich. Weg mit dem Gefühl, von der Schwerkraft niedergedrückt zu werden. Und von abschätzigen Blicken.
Fettpolster, das weiß nicht nur Jochen Puls, belasten mehr als Kreislauf und Gelenke. Ob fünf überflüssige Kilo den Hosenbund spannen oder 15 oder gar 25: Viele Übergewichtige verlieren den Spaß an Sport und Bewegung, das gute Körpergefühl. Obendrein drückt sie das gesellschaftliche Ideal des schlanken Körpers. Da können Historiker noch so oft sagen, Schönheitsideale seien relativ, nämlich kulturund zeitabhängig. Was nützt es heute, dass schwellende Bäuche und walzenförmige Oberschenkel zur Barockzeit sexy waren? Es steckt wenig Trost darin, dass die Männer in den altarabischen Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" von ihren Angebeteten erzählten: "Ihr Bauchnabel fasste eine Unze Moschus, und ihre Schenkel waren prall wie mit Straußenfedern gefüllte Kissen."
Wie wir uns auch drehen und wenden: Viele heute lebende Dicke haben ein eher mageres Selbstbewusstsein. Eine Forsa-Umfrage für den stern zeigt: Mindestens jeder Dritte der über 16-Jährigen hierzulande möchte abnehmen. Die meisten erhoffen sich davon, dass es ihnen gesundheitlich besser geht. Gleichzeitig aber lockt die Aussicht auf eine neue Leichtigkeit des Seins: 77 Prozent erwarten ein besseres Körpergefühl, 57 Prozent hoffen auf mehr Freude an körperlicher Aktivität. Mehr als die Hälfte der Befragten glaubt, durchs Abnehmen besser auszusehen. Und ein Drittel verbindet mit der Gewichtsreduktion die Hoffnung auf ein selbstbewussteres Auftreten. Unter den Befragten bis 25 Jahre meint sogar die Hälfte, dass ihre Selbstsicherheit mit schwindenden Kilos wächst.
Jeder kennt Frauen und Männer, die gescheitert sind: Für sie ist Abnehmen ein Lebensthema geworden, der Jo-Jo-Effekt ein nicht endender Albtraum. Aber: Etwa jeder vierte Übergewichtige schafft es, sich dauerhaft von der Last der Pfunde zu befreien, schätzt Professor Hans Hauner vom Zentrum für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. Nach und nach erkennen Ernährungswissenschaftler, Psychologen und Hirnforscher, was Menschen zu dick macht und wie sie dagegen angehen können. Und während schwer Adipöse in der Regel professionelle Hilfe brauchen, können die meisten anderen es allein schaffen, sich sichtbar und spürbar zu entlasten.
Wie sehr es sich lohnt, in ein leichteres Leben aufzubrechen, zeigt das Beispiel derer, die bereits angekommen sind. In der stern-Umfrage berichten 72 Prozent der Deutschen, die mehr als drei Kilo abgenommen haben, von einem deutlich besseren Körpergefühl. Jeder Zweite fühlt sich gesundheitlich besser, findet sich attraktiver und hat mehr Lust auf Bewegung. Ein Drittel tritt selbstsicherer auf. Jochen Puls beschreibt das Neue in seinem Leben mit drei Worten: "Dynamik, Attraktivität, Selbstbewusstsein." Er befreite sich von 20 Kilo Gewicht. "Vorher war mein Gesicht pausbäckig. Jetzt ist unter dem Speck mein wahres Ich zum Vorschein gekommen, ich schaue offener in die Welt", sagt er. Und die Welt schaut zurück, besonders die Frauen. In seinem Fitnessstudio fliegt ihm alle paar Minuten ein Lächeln zu. "Dick sein war einfach", meint Puls, "aber schlank sein macht viel mehr Spaß!"
In den kommenden sechs Wochen möchte der stern Sie einladen, sich neu zu entdecken. Er will Sie in Bewegung bringen. Ihnen helfen, Ihre individuellen Psychofallen aufzuspüren - und die besten Wege, sie zu umgehen. Sie können lernen, wie Sie mit den Tücken des Abnehmens in Ihrer Familie umgehen. Wie Sie aus der Diät in einen neuen Alltag finden, ohne wieder zuzulegen. Und was der Reiz des Fastens ist. Am Anfang der Verwandlung steht ein Sieben-Punkte-Programm, das auf den Empfehlungen von Ernährungs- und Sportmedizinern, von Psychologen und Motivationsforschern basiert. Lesen Sie auf den nächsten Seiten, wie Sie die Reise zum neuen Ich am besten vorbereiten. Finden Sie ein Diätkonzept, das zu Ihnen passt. Und dann: Starten Sie durch!
Hier wird Ihnen noch keinerlei Verzicht abgefordert: Erkunden Sie Ihr Essverhalten, und ziehen Sie Ihre Energiebilanz: Wie viele Kalorien nehmen Sie zu sich, wie viele verbrennen Sie? "Unser Körper ist nicht auf die moderne Lebensweise mit fettreicher Ernährung und wenig Bewegung eingestellt", sagt Joachim Westenhöfer, Professor für Ernährungs- und Gesundheitspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Wir nehmen zu, weil wir unserem Körper mehr Energie zuführen, als wir verbrauchen - und wir sind uns dessen oft nicht bewusst. Professionelle Ernährungsberatungen stellen Abnehmwilligen deshalb erst einmal die Aufgabe, sich zu fragen: Was esse ich und wie viel? "Dabei beschummeln sich die meisten zunächst. Sie unterschlagen die Handvoll Erdnussflips, vergessen den Schokoriegel - vor allem Dinge, die zwischendurch gegessen werden", sagt Westenhöfer. Deshalb ist es sinnvoll, ein Ernährungsprotokoll zu führen. Die klassische Variante ist eine Liste in der Hosentasche. Wer den ganzen Tag vor dem PC sitzt, kann ein elektronisches Dokument anlegen. Und diejenigen, die viel unterwegs sind, fotografieren einfach alles, was sie essen, mit dem Handy. Jede einzelne Praline, jedes noch so kleine Stück vom Geburtstagskuchen der Kollegin. Wie gut gerade Protokolle per Mobiltelefon funktionieren können, hat Ralf Schiel festgestellt. Der Chefarzt bei der Medigreif-Inselklinik in Heringsdorf auf Usedom leitet ein Projekt mit übergewichtigen Jugendlichen, die eine zukunftsweisende Handy-Software ausprobieren. "Die Software ermittelt aus den Fotos die Kalorienzahl der Mahlzeiten", sagt Schiel. "Sie erkennt sogar Größe und Dicke eines Schnitzels."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 03/2009
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