Bahnbrechend wie Newtons Entdeckung der Schwerkraft

5. Juli 2012, 22:11 Uhr

Die Physiker am Kernforschungszentrum Cern konnten ihre Freude kaum verbergen. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben sie das Higgs-Boson-Teilchen entdeckt. Die europäische Presse feiert die Leistung der Forscher unisono als bahnbrechend.

Jahrzehntelang suchten Physiker nach dem einen Boson-Teilchen, das als letzter unbekannter Baustein der Materie gilt. Nun haben sie passende Daten dazu gewonnen. Ganz sicher ist noch nicht, ob es sich bei dem Fund tatsächlich um das Higgs-Bosom, das sogenannte "Gottesteilchen", handelt. Die europäische Presse störte das wenig: Sie ließ das Forscherteam schon einmal hochleben.

"Saarbrücker Zeitung"

Die "Saarbrücker Zeitung" gleubt, dass mit der Entdeckung des neuen

"Nach allem, was bekannt ist, lässt sich ziemlich sicher sagen: Das Team des "Large Hadron Collider" hat den letzten Baustein im Standardmodell der Elementarteilchenphysik gefunden, das erklärt, warum unsere Welt so ist, wie sie ist. Diese Entdeckung markiert nun allerdings nicht das Ende der Physik, sondern lediglich den Beginn eines neuen Kapitels. Dort wird es darum gehen, die Eigenschaften des rätselhaften Teilchens zu erkunden. Mit anderen Worten: Gestern wurde mit Sicherheit weit mehr Arbeit geschaffen als erledigt."

"Südkurier" aus Konstanz

Der "Südkurier" aus Konstanz ist sich sicher, dass auch nach der wahrscheinlichen Entdeckung des Higgs-Boson der Wissensdurst der Menschheit noch lange nicht gestillt ist:

"Jetzt zeigen die Wissenschaftler der Welt, warum es sich lohnt, jahrelang den kleinsten Teilchen nachzuspüren. Es ist so gut wie sicher, dass es gelungen ist, den Bauplan aller Materie zu enträtseln. Der Mensch will wissen und mehr wissen. Er beschreibt immer kleinere und exotischere Teilchen. Das gefeierte Higgs-Teilchen ist das letzte Steinchen in einem Mosaik, das der Physik zur Beschreibung dessen dient, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wächst der Respekt vor der Schöpfung? Je tiefer wir blicken, desto größer wird unser Staunen. Die Forscher werden also weitere Fragen stellen - und Antworten suchen."

"Nürnberger Nachrichten"

Die "Nürnberger Nachrichten" erinnern daran, dass mit der Entdeckung des Teilchens auch ein Wettrennen zwischen europäischen und US-amerikanischen Forschern zuende geht:

"Das ist die ganz weltliche Seite des Wettrennens um das 'Gottesteilchen': Es ging und geht um viel Geld, das die Cern-Konkurrenten vom US-Beschleuniger Tevatron im vergangenen Jahr nicht mehr investieren wollten. Die Europäer hielten hingegen an der teuren Grundlagenforschung fest - und dürfen jetzt einen der seltenen Erfolge ihrer Wissenschaftspolitik feiern."

"El País" aus Madrid

Die spanische Zeitung "El País" beschwört dagegen den Geist der internationalen Zusammenarbeit:

"Die Entdeckung dürfte eine der wichtigsten der letzten Zeit sein. Sie löste in der Welt der Wissenschaft Begeisterung aus. Abgesehen von den praktischen Konsequenzen für die Forschung ist sie der Erfolg eines komplexen Vorhabens internationaler Zusammenarbeit. Die europäischen Staaten hatten zur Errichtung des Kernforschungszentrums Cern beigetragen.

Zahllose Universitäten und Wissenschaftler in aller Welt beteiligten sich. Gerade in Zeiten eiserner Sparpolitik ist es wichtig zu betonen, dass Investitionen in die Forschung sich lohnen. Nun bleibt nur zu hoffen, dass andere Bereiche der Forschung und der gesellschaftlichen Aktivitäten sich an diesem Kooperationsvorhaben ein Beispiel nehmen."

"Libération" aus Paris

Die Pariser "Libération" sieht es ähnlich und spricht - ganz ohne negativen Beiklang - von einem "Tunnel von Babel" in Genf:

"Auch wenn viele von uns von diesen Experimenten der Grundlagen-Physik nichts verstehen, so müssen wir doch zugeben, dass diese Wissenschaftler auch den Laien zum Träumen bringen. Denn was auf dem Spiel steht, ist ebenso metaphysisch wie physikalisch. Schließlich geht es um das Universum und die Materie. (...) Abgesehen von dieser historischen Entdeckung sind auch die Mittel, die dazu geführt haben, ein Symbol. Diese Entdeckung ist nämlich das Ergebnis einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern und Schulen aus unterschiedlichen Ländern, die aus dem unterirdischen Teilchenbeschleuniger des CERN einen Tunnel von Babel machen."

"Dernières Nouvelles d'Alsace" aus Straßburg

Die elsässische Zeitung "Dernières Nouvelles d'Alsace" vergleicht die Entdeckung im Cern mit der der Schwerkraft im 17. Jahrhundert:

"Die Entdeckung des Higgs-Boson, die eine vor mehr als 50 Jahren erarbeitete Theorie bestätigt, öffnet ein unendliches Feld. Das Teilchen ist winzig klein, was im Bereich der Quantenphysik paradoxerweise riesige Horizonte verspricht. Diese Entdeckung, so sagt man uns, sei vergleichbar mit der Erkenntnis von Newton, der im 17. Jahrhundert das universelle Gesetz der Schwerkraft definierte. (...) Die Wissenschaftler sprechen vom 'fehlenden Glied in einer Kette', vom 'Graal' und sogar poetisch und etwas blasphemisch vom 'Gottesteilchen'. Und so sind wir heute ganz kleinlaut. Wie oft sind wir aufgestanden und schlafen gegangen, ohne auch nur zu ahnen, dass um uns herum ein so geheimnisvoller Hauch schwebte."

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