Halbgötterdämmerung

27. Juli 2012, 17:45 Uhr

Auch Ärzte sind nicht vor Missverhalten gefeit, das zeigt der Göttinger Organspendeskandal. Und doch erwarten wir von ihnen mehr als Medizin: Hoffnung, Erlösung vielleicht. Zeit für eine Entzauberung. Von Frank Ochmann

Kopfwelten, Frank Ochmann,Göttingen, Organspendeskandal

In Göttingen soll ein Arzt Krankenakten gefälscht haben. Seine Patienten erhielten dadurch schneller ein Spenderorgan.©

Wir haben nichts Kostbareres als unser Leben. Nicht doch vielleicht unsere Lieben? Doch auch für Partner und Kinder können wir nur sorgen, solange unser Herz schlägt. Auch deshalb, einmal ganz abgesehen von uns selbst, ist unser leibliches Leben so kostbar. Und deshalb auch geraten wir in schwere Bedrängnis, sobald wir ernstlich krank werden. Wie hoch also müssen wir die schätzen, die dann unsere angeknackste Existenz zu heilen versprechen oder doch wenigstens unser Leiden zu lindern vermögen?

Spöttisch, vielleicht auch mal verächtlich sprechen wir von "Halbgöttern in Weiß". Das ist kein Zufall, nicht nur eine Floskel. Dahinter steckt, was wir von unseren Heilern insgeheim erwarten und was von ihnen gern mal feierlich in Szene gesetzt wird: Übermenschliches. Wenn Patient und Arzt aufeinander treffen, geht es um mehr als nur ein paar Tabletten oder den gekonnt gesetzten Schnitt eines Skalpells. Hoffnung ersehnen wir uns und schließlich gar so etwas wie die Erlösung von unserer Endlichkeit oder wenigstens all den körperlichen Lasten, die das irdische Sein nun einmal mit sich bringt. Natürlich werden wir das kaum so ausdrücken. Doch wenn wir in uns hineinhören, ist es genau das, worum wir flehen, wenn unsere Organe versagen und der Tod droht. Tiefe Verzweiflung und Hoffnung machen aus Heilern bald Heilsbringer.

Wer ihnen ausgeliefert ist, gibt schließlich alles für seine Rettung. Natürlich auch sein Vermögen. Damit aber geraten Ärzte zwangsläufig in Versuchung. Darf ich so pauschal denn denken? Durchaus. Denn wer wollte bestreiten, dass Menschen zu allem fähig sind, wenn die Versuchung nur groß genug wird? Für alle Menschen gilt das mal mehr, mal weniger. Natürlich auch für Ärzte. Und es brauchte nicht erst den jüngsten Transplantationsskandal in Göttingen, um das zu einzusehen.

Strengere Kontrollen nötig

Wir werden uns damit abfinden müssen, dass Menschen in Versuchung geraten. Wir müssen uns aber keineswegs damit abfinden, dass schwerer Schaden dort entsteht, wo sie der Versuchung nachgeben und zur persönlichen Bereicherung womöglich die einen leben und andere sterben lassen. Wer beispielsweise in einer Diamantenmine arbeitet, wird auf Schritt und Tritt kontrolliert und verlässt das Terrain nicht, bevor er nicht buchstäblich bis auf die Haut überprüft worden ist. Solches Vorgehen ist eine Selbstverständlichkeit, und niemand käme auf den Gedanken, das für entwürdigend zu halten. Warum aber sollte es dann ehrenrührig sein, wenn strengste Kontrollen auch dort eingeführt würden, wo es um so viel mehr geht als um Diamanten?

Das empörte Geschrei der ärztlichen Standesvertreter kann jeder gleich mitdenken, der so etwas vorschlägt: Natürlich seien das alles nur sehr seltene und natürlich auch sehr bedauerliche Ausnahmen, schwarze Schafe – und so weiter und so fort. Die alte Leier. Warum aber sollten wir davon ausgehen, dass Mediziner vertrauenswürdiger sind als Minenarbeiter oder sonst jemand, dem Kostbares anvertraut wird? Dafür gibt es schlicht keinen plausiblen Grund. Außer eben wir heben Mediziner doch wieder in den Himmel und verehren sie wie Halbgötter.

Es ist höchste Zeit umzudenken. Es müssen nicht nur die Verantwortlichen des jüngsten Skandals mit aller Härte bestraft werden. Vielmehr muss sich das System, muss sich der "medizinisch-industrielle Komplex" von Grund auf ändern. Die Erfahrung lehrt, dass er dazu vermutlich gezwungen werden muss. Das aber wird erst möglich sein, wenn wir auf breiter Basis anerkennen, dass auch im weißen Kittel nur durch und durch fehlbare Menschen stecken. Sie sind bestimmt nicht schlechter als der Rest von uns. Aber auch kein Deut besser. Und darum sollten sie doppelt und dreifach kontrolliert werden. Denn ihnen ist das Kostbarste anvertraut, das wir haben – unser Leben.

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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