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Neue Technologie: Ein Jahr Faltsmartphones: Kannste knicken?

Als vor einem Jahr die ersten faltbaren Smartphones vorgestellt wurden, war das Staunen noch groß. Seitdem gab es Rückschläge und eine Menge Ernüchterung. Ist die Zukunft des Smartphones schon wieder vorbei?

Die Wahrnehmung von Klappsmartphones wie dem Motorola Razr hat sich im letzten Jahr verändert

Picture Alliance

In einem abgedunkelten Raum im chinesischen Shenzhen war die Aufregung im März vor einem Jahr noch groß. Kann man das nun wirklich einfach knicken? Als ein kurzer Kopfdruck das Scharnier entriegelte und das Smartphone-Display sich durch sanftem Druck zum überraschend stabil wirkenden Tablet ausklappte, löste das eine Begeisterung aus, wie lange keine technische Neuerung mehr. Eine Brise von Zukunft wehte durch den Raum.

Ein Jahr später ist die deutlich abgeflaut. Als Huawei letzte Woche den deutschen Tech-Journalisten den Nachfolger seines Mate X präsentiert, ist der Andrang zwar weiter groß, die kindliche Freude aus dem letzten Jahr ist aber aus den Gesichtern verschwunden. Die Stimmung ist dieselbe wie bei jeder anderen Smartphone-Neuvorstellung auch. Ja, das neue Mate Xs ist schneller und stabiler, eine Revolution ist es nicht mehr. Ist die Zukunft des Smartphones schon wieder vorbei?  

Die Entzauberung des Faltbildschirms

Nach der überschwänglichen Anfangs-Phase wurden die Faltsmartphones im vergangenen Jahr überraschend schnell entzaubert. Von den anfänglichen Rufen der Presse, dass Apple ganz schnell ein Klapp-iPhone vorstellen müsste, war bald nichts mehr zu hören. Vor allem Samsung legte einen regelrechten Bauchplatscher hin. Kurz vor dem geplanten Start seines Galaxy Fold im letzten Frühjahr blies der Konzern alles ab. Schon bei den ersten Testern hatte das Klappsmartphone gleich mehrere fatale Designfehler offenbart, durch die das flexible Display auch bei sachgerechter Nutzung beschädigt werden konnte. Erst im Herbst ging Samsung mit einer stark überarbeiteten Version in den Handel.

Kein Wunder, dass auch die Neuvorstellungen der letzten Wochen und Monate in der Fachpresse deutlich verhaltener aufgenommen wurden. So löst die nun nach Deutschland kommende Neuauflage der Klappikone Motorola Razr bei einem ersten Anfassen in einer Hamburger Partylocation zwar ein wenig Nostalgie, aber kaum noch Augenleuchten aus. Man hat das Prinzip einfach schon mal gesehen, der Aha-Effekt beim ersten Aufklappen ist der Frage gewichen, warum man das neue Razr nun mit zwei Händen aktiv aufhebeln muss, statt es wie das alte lässig mit dem Daumen aufzuflippen.

Motorola setzt auf Nostalgie

Die Hersteller wollen kein nachlassendes Interesse bemerken. "Die Kunden sind sehr neugierig. Wie geht das auf? Wie funktioniert das? Selbst bei Menschen, die den Vorgänger nicht kannten, gibt es da noch immer einen wahnsinnigen Reiz. Weil sich das Novum fast von selbst erklärt. Es gibt einen Hinguckeffekt", erklärt ein Motorola-Sprecher. Die Fragen seien andere als bei den anderen Modellen. "Die Kunden fragen eher, ob das Gerät dann auch dieselben Funktionen hat wie ein klassisches Smartphone. Es ist ein anderer Erklärungsbedarf."

Für Motorola erschien die Neuauflage als logischer Schritt. "Mit dem Razr knüpfen wir an unsere eigene Geschichte an. Das damalige Razr war bahnbrechend, hatte Millionen Käufer", erläutert Albrecht. Nicht umsonst kann man den unteren Teil des Bildschirms in eine T9-Tastatur umwandeln. Es gehe aber nicht nur um Nostalgie: "Bei Smartphones ist ja auch ein haptisches Erlebnis dabei und ein Klapp-Modell  fühlt sich eben anders an, ist bedienfreundlicher. Die Smartphones werden auf der einen Seite immer größer, andererseits gibt es den Wunsch nach etwas Kleinerem - das dann aber doch groß ist, wenn ich das brauche."

Frau zeigt Mann etwas auf dem Smartphone

Teurer Spaß

Genaue Verkaufszahlen der Geräte verrät keiner der Hersteller. Einige Hunderttausend Geräte soll Samsung verkauft haben, erklärte eine Sprecher im Januar. Huawei hüllt sich in Schweigen, das Razr ist erst in einigen Wochen erhältlich. Ein Massenphänomen sind die Geräte also noch nicht. Das verhindern schon die Preise, die von 1500 Euro für das Galaxy Z Flip bis zu 2500 Euro für das Mate Xs reichen. 

Günstiger sind die Geräte aktuell aber schlicht noch nicht umsetzbar. "Die größte Herausforderung für einen Erfolg im Massenmarkt ist aktuell der Bildschirm. Die Technologie ist noch zu komplex für eine echte Massenproduktion. Der Screen besteht aus zahlreichen Schichten, muss sich Hunderttausende Male schließen und öffnen lassen", so Huaweis Deutschland-Chef William Tian. Erst in ein paar Jahren sieht er auch Mittelklasse-Geräte mit der Technologie. "Es ist aber schwierig einzuschätzen, wann die Technologie auch in anderen Preissegmenten ankommen wird", glaubt auch der Motorola-Sprecher. "Auch bei anderen Features war es schließlich so, dass sie zuerst im Premiummarkt auftauchten und erst dann in andere Preisbereiche heruntersickerten" 

Pionierzeit

Der Grundsatz, ein kleines Gerät zu einem großen ausklappen zu können, vereint alle Foldables. Die Umsetzung ist aber höchst unterschiedlich. Die ersten Modelle von Huawei und Samsung ließen sich vom Smartphone zum Tablet ausklappen, mit dem Motorola Razr und dem ebenfalls vor kurzem vorgestellten Galaxy Z Flip gibt es nun auch die ersten klassischen Klapphandys mit Touchscreen im Handel. Auch bei der Umsetzung der Geräte gibt es noch große Unterschiede. Während sich das Galaxy Fold um das Display schließt, bestehen Huaweis Modellen zusammengeklappt vorne und hinten aus Bildschirm. In einer Zeit, in der Smartphones sich immer ähnlicher sehen, gibt es beim Falt-Smartphone noch viel Raum für Experimente.

Und auch viel Verbesserungspotenzial. Noch fühlen sich alle Geräte an wie ein Kompromiss. Kommt man von den schicken Glas-Touchscreens der klassischen Smartphones, wirken die Plastikfolien der Faltbildschirme weniger edel. Drückt man zu fest, erspürt man schnell die unterschiedlichen Komponenten unter dem Display, ertastet Kanten und Scharniere. Bei einigen Modellen wie dem Galaxy Z Flip springt eine gut sichtbare Knickfalte im Display stets ins Auge. Auch die Akkulaufzeit ist wegen der Bauweise geringer als bei klassischen Smartphones. Und das alles für einen saftigen Aufpreis.

Schnelle Ernüchterung

Das Feedback von Testern zu den ersten Geräten fiel entsprechend nüchtern bis enttäuscht aus. Sie bemängeln den fehlenden Zusatznutzen, der die zahlreichen Kompromisse rechtfertigen würde, ärgern sich über den im Vergleich zu klassischen Klapphandys unpraktischen Klappmechanismus. Und: Viele fürchten eine geringere Stabilität der Geräte. Sowohl die leichter zerkratzbaren Plastikfolien als auch die komplexen Scharniere werden als leichter abnutzbar und fehleranfällig wahrgenommen. 

"Jeder hat diese Wahrnehmung, dass Foldables fragil sind", bestätigt William Tian. Auf den verpatzten Ersteindruck durch Samsungs verschobenen Marktstart will er das aber nicht zurückführen. "Ich glaube nicht, dass der erste Eindruck des Galaxy Folds dem Markt geschadet hat." Huaweis erst später erschienenes Mate X habe sich in China so gut verkauft, dass man mit der Produktion nicht hinterhergekommen sei

Das erst später erschienene Motorola Razr könnte ebenfalls eine Rolle spielen. In einem in Bezug auf die Aussagekraft umstrittenen Test von "Cnet" gab es in einer Klappmaschine nach nur 27.000 Mal auf- und zuklappen den Geist auf. Da nach einer Studie von 2017 Smartphones im Schnitt 80 Mal am Tag entsperrt werden, entspräche das einer Lebensdauer von nur 337,5 Tagen. Motorola wollte sich zu dem Test nicht äußern, verwies aber darauf, dass es auf die Geräte zwei Jahre Garantie gäbe. Mittlerweile ist "Cnet" zurückgerudert., erklärte selbst, dass der Test nicht repräsentativ sei. Der Schaden in der Wahrnehmung bleibt.

 "Wir haben festgestellt, dass die größte Sorge der Kunden die Zuverlässigkeit bei langer Benutzung ist", berichtet auch Huawei-Manager Tian. Beschwerden wie bei der ersten Variante des Fold oder Testpannen wie beim Razr gab es zu Huaweis Gerät in der Presse nicht, auch von Kunden war laut Tian nichts zu hören. Als erster Hersteller hatte der Konzern die Möglichkeit, bei einem Nachfolgemodell auch die Reaktion der Kunden zu berücksichtigen – und dabei auch deren Sorgen ernst zu nehmen. "Daher entschieden wir uns auch, den Faltbildschirm und das Scharnier noch weiter zu verstärken. Jetzt ist es eben noch stabiler."

Wozu falten?

Auch die Frage, wozu man die Klappscreens eigentlich braucht, ging Huawei dabei an. "Die Kunden spiegelten uns, dass das Mate X noch nicht genug Nutzen aus dem Faltscreen zog", berichtet Tian. Der Nachfolger erlaubt es nun stärker, über mehrere parallel geöffnete Apps hinweg zu arbeiten, um die zusätzliche Fläche des aufgeklappten Displays auch zu nutzen. "Der typische Nutzer ist viel unterwegs, schätzt die Flexibilität. Meine Tochter etwa ist eine ganz andere Generation, die nutzt viel mehr Apps gleichzeitig, da laufen während der Hausaufgaben Musik und Soziale Medien nebenbei mit. Das ist die Zukunft, fast eine neue Spezies."

Dass sich die Novität des Klapp-Bildschirms bald abnutzt, beobachtete auch Tian. "Der Reiz des Neuen hielt vielleicht zwei Monate an", beichtet er nach vier Monaten Dauernutzung. Sehr schnell sei das Faltdisplay einfach normal gewesen. Schlimm sei das aber nicht. "Die echten Vorteile bei der Nutzung für E-Mail, beim Lesen oder bei Videokonferenzen blieben. Ich will nicht mehr zu einem normalen Telefon zurück." 

Quelle: Cnet, The Verge