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Surface Duo Darum ist Microsoft bei seinem wichtigsten Produkt seit Jahren merkwürdig zurückhaltend

Das Surface Duo ist Microsofts Rückkehr in den Smartphone-Markt - mit einem komplett neuen Konzept
Das Surface Duo ist Microsofts Rückkehr in den Smartphone-Markt - mit einem komplett neuen Konzept
© Microsoft / PR
Mit dem Surcafe Duo will Microsoft endlich einen Fuß in den so wichtigen Smartphone-Markt bekommen. Doch obwohl das Gerät zu den spannendsten Modellen des Jahres gehört, ist Microsoft auffällig zurückhaltend.

Es ist eine ungewöhnliche Strategie: Im letzten Herbst kündigte Microsoft überraschend seine Rückkehr in den Mobilfunkmarkt an. Das Surface Duo genannte Smartphone erregte nicht nur mit einem spannenden Konzept Aufsehen, sondern auch mit einer ungewöhnlich frühen Enthüllung: Erst ein Jahr später solle es erscheinen, machte Microsoft damals klar. Jetzt hat der Konzern erstmals den Verkaufsstart und technische Details verraten. Ohne viel Buhei, per Blogpost. Doch die Zurückhaltung dürfte gute Gründe haben.

Dabei wirkt sie zunächst wenig angebracht. Das Surface Duo ist das wichtigste Produkt der letzten Jahre für den Konzern, das Feedback bei der Vorstellung war rundum positiv. Doch der vermeintliche Widerspruch zwischen dem Gewicht des Gerätes für den Konzern und das vorsichtige Vorgehen ist angesichts der Geschichte des Konzern auf dem Mobilfunkmarkt absolut nachvollziehbar. Microsoft weiß: Dieser Schuss muss sitzen.

Ein letzter Versuch

Denn das Surface Duo dürfte die letzte Chance des Konzerns sein, den Fehler auszubügeln, den Bill Gates den größten seiner Karriere nannte: Microsoft hatte die Computer-Revolution durch das Smartphone unterschätzt und sie den Konkurrenten Apple und Google überlassen. Als man das Wanken des Betriebssystem-Monopols bemerkte, war es schon zu spät. Nach einem verzweifelten letzten Versuch, mit Windows 10 Smartphone und PC zu vereinen, musste Microsoft seit Scheitern eingestehen. Seit 2017 ist Windows Phone offiziell eingestellt, selbst der Smartphone-Chef benutzte öffentlich Android-Geräte. Auch auf dem Surface Duo läuft nun Android.

Dass es trotzdem in der Branche Wellen schlug, liegt am ungewöhnlichen Konzept. Das Surface Duo ist zwar ein Falt-Smartphone, anders als die Konkurrenz-Modelle von Samsung oder Huawei setzt es aber auf zwei separate Bildschirme, die durch ein Scharnier getrennt sind. Auf den ersten Blick mag das wie ein Trick wirken, um die bekannten Probleme von flexiblen Displays zum umgehen. Und auch wenn das tatsächlich ein Faktor sein mag, gewinnt das Surface durch die Idee tatsächlich hinzu. Denn die beiden Bildschirme ändern auch die Art, wie man das Smartphone - das Microsoft übrigens nicht so nennt - bedient.

Surface Duo: Darum ist Microsoft bei seinem wichtigsten Produkt seit Jahren merkwürdig zurückhaltend

Microsoft setzt auf seine Stärken

Bei der Benutzung kommt nämlich Microsofts wahre Stärke zum Vorschein. Während Huawei und Samsumg vor allem von Seiten der Hardware denken, steht beim Software-Konzern die Bedienung im Vordergrund. Obwohl im Kern auch das Surface mit Android läuft, hat Microsoft es aufwändig an die eigenen Bedürfnisse angepasst. So lässt sich auf jedem der Displays etwa eine eigene App im Vollbildmodus launchen, Multitasking wirkt dadurch nach Berichten enorm intuitiv. 

Benutzt man oft dieselben beiden Apps nebeneinander, lassen sie sich auch als Paar definieren - und starten dann immer gemeinsam. natürlich lassen sich Apps auch in den Vollbildmodus über beide Bildschirme bringen. Zudem kann man dank des 360-Grad-Scharniers auch einen Bildschirm nach hinten klappen, das Surface wie ein Smartphone benutzen oder es auf den Unterkannten wie ein Stativ hinstellten. Und es lässt sich auch wie eine Art Mini-Laptop aufstellen und kann dann in der unteren Hälfte eine Tastatur anzeigen.

Fokus aufs Arbeiten

Dem Konzern gehe es vor allem darum, die Produktivität der Nutzer zu erhöhen, erklärte Microsofts Produktchef Panos Panay gegenüber "Fast Company". Mit diesem Prinzip hatte der Konzern auch seine anderen Surface-Geräte zu Verkaufsschlagern im Business-Bereich gemacht. "Es ist ein Surface", erklärt Panay selbstbewusst die Philosophie hinter dem Gerät. "Uns geht es dabei immer darum, wie man die Gesamtheit von Microsoft 365 (also Office und Windows) in Hardware verwirklichen können, egal welches System darauf läuft, um Menschen produktiver zu machen."

Das habe auch beim Design des Surface Duo im Vordergrund gestanden. Das Falt-Smartphone sollte robust sein, aber leicht genug, um es überall hin mitzunehmen. Aufgeklappt sei es zudem mit 4,3 Millimetern das dünnste Smartphone, freut sich der Manager. Man habe sich Unmengen an Fragen gestellt. "Wie dünn muss es sein, muss es in die Tasche passen?" Besonders stolz sei Panay auf die Entscheidung, beide Bildschirme nach Innen zuzuklappen. Anders als beim Smartphone falle so in Meetings auch der Reiz weg, mal eben auf das Display zu schielen. "Wenn man es schließt, ist es zu", erklärt er.

Vorsichtiger Start

Obwohl man von dem Gerät überzeugt ist, bleibt der Konzern beim Marktstart ab dem 10. September vorsichtig. Zunächst ist das ab 1399 Dollar erhältliche Gerät nur in den USA verfügbar und dort nur für Firmenkunden. Microsoft dürfte damit die Fehler der Vergangenheit vermeiden wollen. Mit dem langsamen Start lässt man Kunden und Entwicklern Zeit, die Vorteile des Gerätes auszutesten und produktive und andere Apps speziell für den Doppelscreen zu entwickeln. Den größten Fehler von Windows 10 hat man aber bereits vermieden: Der Mangel an Apps des alten Systems ist durch die Nutzung von Android kein Thema mehr.

Die Zusammenarbeit mit Google und der dadurch mögliche Schritt zurück in den Mobilfunkmarkt ist ohnehin nur möglich, weil sich unter dem aktuellen Konzernchef Satya Nadella die Strategie des Unternehmens vollkommen gewandelt hat. Statt auf ein Monopol im Betriebssystem-Markt anzustreben, will man seit einigen Jahren mit seinen Office- und Cloud-Diensten auf allen Plattformen vertreten sein. "Wir fühlten uns nicht gezwungen, mit Google zu arbeiten", berichtet Mobile-Vizechef Shilpa Ranganatha. "Es ist das, was uns als Microsoft ausmacht. Wir treffen die Kunden da, wo sie sind."

Der Umbruch als Chance

Dass Microsoft sich noch einmal an einem Mobilgerät versucht, liegt laut Chef Nadella auch daran, dass der Konzern bei den Faltgeräten noch einmal einen Umbruch im Markt erwartet. "Ich bin nicht mit dem Gedanken ans Duo herangegangen, es nochmal auf dem Telefon-Markt zu versuchen oder die Zeit zurückzudrehen", erklärt Nadella. "Wir sehen es als das, was als nächstes kommt."

Auch Panay ist sich sicher, dass die Foldables einen neuen Markt darstellen. Und man es deswegen langsam angehen muss. "Man muss das klar sagen: Es gibt da eine Lernkurve, es ist etwas neues", versucht er, die Erwartungen zu moderieren. "Aber ich glaube auch, dass man nicht mehr zurück kann, wenn man einmal wirklich damit gearbeitet hat. Und so entsteht eine neue Produktkategorie."

Quellen:Microsoft, Fast Company


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