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Mobilfunk-Gigant aus China: Wie gefährlich ist Huawei?

Der chinesische Konzern Huawei steht unmittelbar davor, Weltmarktführer bei Smartphones zu werden. Da passt der Konflikt mit den USA um den Ausbau der 5G-Netze gar nicht. Das traditionell verschlossene Unternehmen wirbt um die Gunst Europas.

Huaweis Konflikt mit den USA und deren Sorge vor Spionage aus China

5G soll alles vernetzen – vom selbstfahrenden Auto bis zur intelligenten Mülltonne. Huawei betreibt ein eigenes Sicherheitslabor (r.) mit fest angestellten Hackern. Sie sollen die eigenen Produkte attackieren und potenzielle Einfallstore für Cyberangriffe identifizieren.

Glaubt man unseren mächtigsten Verbündeten, droht Deutschland eine Invasion – die bevölkerungsreichste Nation der Erde greife offensiv nach globaler Dominanz. Nicht mit Kanonen und Kolonnen allerdings rücke China vor, verbreiten die Trump-Regierung und ihr Berliner Botschafter Richard Grenell. Es greife mittels beigegrauer Kästen an, die der Elektronikkonzern Huawei auf deutsche Dächer pflanzen will.

Es geht um den neuen Mobilfunkstandard 5G. Derartige Sendeanlagen, so die Erwartung, bringen günstig ultraschnelles Internet, sichern Deutschlands digitale Zukunft, gestatten intelligente Mobilität und autonomes Fahren. Gut für Deutschland sei das und gut für China, seinen größten Handelspartner.

Wer ist Huawei?

Die Lesart der USA hingegen lautet: Peking will euch belauschen, vielleicht gar sabotieren. Huawei sei ein potenzieller Diener der Kommunistischen Partei und ihres Überwachungsstaats.

Der Konflikt mit Washington, der Bundesregierung und Parlament spaltet und in dieser Woche auch den EU-Gipfel beschäftigt, ist nicht über Nacht entstanden: Bereits 2012 wurde öffentlich, dass US-Geheimdienste den Konzern im Blick hatten, der damals nur Branchenkennern ein Begriff war. Eine in einem Huawei-Router entdeckte Sicherheitslücke könnte eine Hintertür für Spione sein, fürchtete das FBI – ein Kalter Krieg ums Netz brach los.

Jetzt, da die Trump-Regierung im offenen Wirtschaftskrieg mit China steht, läuft der Konflikt heiß. Seit Dezember wird die Tochter des Firmengründers und Finanzchefin von Huawei in Kanada festgehalten wegen des Verdachts, gegen Iran-Sanktionen zu verstoßen. Washington drängt auf ihre Auslieferung. Und verlangt von seinen Verbündeten, Huawei aus ihren Zukunftsnetzen zu verbannen. Sonst, so hat es Botschafter Grenell an Wirtschaftsminister Peter Altmaier geschrieben, könne man die Geheimdienstkooperation mit Berlin nicht fortsetzen.

Shenzhen ist das Schaufenster des chinesischen Tech-Wirtschaftswunders

Shenzhen ist das Schaufenster des chinesischen Tech-Wirtschaftswunders

Und die Chinesen? Sie sind empört – und verweisen darauf, dass die FBI-Untersuchung ergebnislos verlief. Dass 2014 der Whistleblower Edward Snowden enthüllte, dass umgekehrt die USA Huawei systematisch ausspioniert haben.

Aber wer ist Huawei? Das Unternehmen, bei uns dem breiten Publikum vor allem durch Smartphones mit Leica-Kamera bekannt, möchte ein freundliches Gesicht zeigen. Der stern ist Huaweis Einladung gefolgt, das Unternehmen an seinem Geburtsort und Hauptsitz im südchinesischen Shenzhen zu besuchen.

"Die USA betreiben eine Schmierenkampagne"

Vor dicht bewaldeten Bergen reiht sich Hochhaus an Hochhaus. Geschätzt 23 Millionen Menschen sollen hier leben, angezogen von den Laboren, Fabriken und Büros der Tech-Branche. Auf dem Markt der Metropole kann man verarbeitungsfertige Mikrochips auf Filmrollen kaufen und Computer-Platinen – säckeweise.

Hier spürt man Bitterkeit über die Attacken aus Washington: "Die USA betreiben eine Schmierenkampagne, ohne Beweise zu liefern", zürnte kürzlich der Aufsichtsratsvorsitzende Guo Ping. Huawei hat in den USA gegen die Regierung geklagt, die den Einsatz seiner Technik in Behörden verboten hat. Bleiben die US-Ermittler vor Gericht den Beweis für ihre Vorwürfe schuldig, so das chinesische Kalkül, komme das einem Freispruch gleich, selbst wenn die Klage gegen den Bann abgewiesen wird. Und solche Beweise gebe es nicht, sagt Chefjurist Song Liuping: "Wir wurden nie von einer Regierung – auch nicht von der chinesischen – aufgefordert, eine Hintertür in unsere Produkte einzubauen. Und wir würden einer solchen Anfrage auch nicht nachkommen." Skeptiker dagegen, wie etwa eine Mehrheit im Europäischen Parlament oder der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, sind überzeugt, dass sich Huawei im Zweifel den Begehrlichkeiten von Staat, Partei oder Armee nicht entziehen könnte. Sie teilen die amerikanische Bedenken.

Huaweis Fertigung ist extrem automatisiert, die Menschen überwachen sie lediglich

Huaweis Fertigung ist extrem automatisiert, die Menschen überwachen sie lediglich

Um welche Technik geht es? Auf einem Hochhausdach in Shenzhen lässt sie sich aus der Nähe betrachten: Mit acht unscheinbaren Antennenmasten testet Huawei gemeinsam mit dem Provider China Mobile die Zukunft. Bis zu 1,5 Gigabit pro Sekunde sendet die Installation mittels 5G an einen speziell ausgerüsteten Kleinbus – dafür braucht der deutsche Durchschnittsnutzer sonst mehrere Tage. Während der Busfahrt kann der Gast ultrahochaufgelöste TV-Sendungen ruckelfrei anschauen.

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Und die Vision reicht weiter. Von der Straßenlaterne über Haushaltsgeräte, von einzelnen Bauteilen bis hin zu Großmaschinen sollen bald zahllose Dinge mittels winziger 5G-Sender kommunizieren. Abfalleimer werden melden, wann die Müllabfuhr kommen muss. Maschinen ordern ihre Ersatzteile selbst.

Sicherheitsbedenken

Keine Industrienation will sich bei 5G abhängen lassen. In Deutschland hat in dieser Woche die staatliche Auktion der dafür nötigen Frequenz-Lizenzen begonnen. Doch die Gefahr wächst, ausgespäht oder gar durch Hackerangriffe gelähmt zu werden, sollte es böswillige Zugriffe auf die immensen Datenfluten von 5G geben. Dabei geht es weniger um private Whatsapp-Chats als um ein gigantisches Potenzial für Industriespionage.

Für Huawei sind Zweifel an seiner Vertrauenswürdigkeit bedrohlich: Kerngeschäft und Stolz des Unternehmens war stets die Netzwerktechnik. Nachdem die deutschen Mobilfunkbetreiber ihrem chinesischen Lieferanten lange die Treue gehalten hatten, ist der Ton nun vorsichtiger geworden. "Die Deutsche Telekom nimmt die globale Diskussion über die Sicherheit von Netzelementen chinesischer Hersteller sehr ernst", heißt es beim Bonner Konzern, der in den USA mehr Mobilfunkkunden hat als in ganz Europa. Man habe zwar schon in der Vergangenheit bewusst auf die Technik verschiedener Hersteller gesetzt – neben Huawei sind das Nokia, Ericsson und Cisco –, "dennoch bewerten wir derzeit unsere Beschaffungsstrategie neu".

Von O2-Betreiber Telefónica kommt ebenfalls keine Solidaritätsadresse: "Wir beobachten die Diskussion sehr genau, werden uns aber an den aktuellen Spekulationen nicht beteiligen." Und auch bei Telefónica betont man, dass Huawei nur einer von mehreren Zulieferern sei.

Im Showroom zeigt der Konzern gern seine Technik für die smarte Stadt

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Einzig Vodafone, seit Langem Huawei-Stammkunde, zeigt sich entschlossen treu: Kontinuierliche Kontrollen hätten "keine Sicherheitsbedenken oder Hinweise auf Missbrauch des Netzes durch Huawei ergeben".

In Shenzhen gibt man sich um Transparenz bemüht, Huawei will zeigen, wie groß Sicherheit geschrieben werde. So beschäftigt man ein eigenes Team von Hackern, die die eigenen Produkte attackieren, um Schwachstellen und Sicherheitslücken zu finden. Ihr Chef, John Suffolk, berichtet direkt an den Unternehmensgründer Ren Zhengfei, bei schwerwiegenden Produktmängeln könne Suffolks Veto gar den Marktstart stoppen, heißt es bei Huawei.

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Keine Beweise für Spionage-Mechanismen

Ren Zhengfei allerdings, das ist ein wiederkehrendes Motiv der Huawei-Kritik, steht dem chinesischen Staat schon aus biografischen Gründen sicher nicht fern. So diente er in der Armee und ist Parteimitglied; der Konzern wird nicht an der Börse gehandelt, immer wieder ist die Rede von verdeckten staatlichen Beteiligungen. Ren Zhengfei bestreitet das, neben ihm besäßen nur Huawei-Mitarbeiter Anteile.

Der Konzern gilt als einer der innovativsten der Branche: Von knapp 180.000 Angestellten arbeiten etwa 80.000 in der Entwicklung. Längst treibt Huawei die Handy-Konkurrenz bei der Kamera- und Akku-Technik vor sich her. Mit dem Mate X hat man gerade ein Smartphone vorgestellt, das sich zum Tablet ausklappen lässt. Huaweis Technik gilt der des ähnlichen Samsung Fold als überlegen.

Für die USA ist das eine neue Erfahrung. Jahrzehntelang galt der Anspruch, aller Welt voraus zu sein, ernsthafte Konkurrenz kam allenfalls von engen Verbündeten, aus Südkorea etwa.

Der Bildschirm zeigt die Datenströme einer voll mit Funktechnik versorgten Metropole

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Linus Neumann, Sicherheitsexperte des gleichermaßen Konzern- wie regierungskritischen Chaos Computer Clubs, geht deshalb davon aus, dass wirtschaftspolitische Motive eine gewichtige Rolle bei der jüngsten Eskalation spielen: "Unsere Mobilfunknetze bestehen schon heute bis zu 30 Prozent aus Huawei-Equipment. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass es sonderlich unsicherer sei als das Equipment anderer Hersteller – generell sieht es in dem Gebiet nicht besonders gut aus." Auffällig sei, dass noch immer keine Beweise für Spionage-Mechanismen in Huawei-Technik vorgelegt wurden.

Neumanns Position ist nicht weit entfernt von der des Bundesverbands der Deutschen Industrie, dessen Chef Dieter Kempf Rechtssicherheit einfordert – etwa in Form einheitlicher europäischer Standards, die dann für alle Netztechnik-Lieferanten gleichermaßen gelten würden. "Falls ein Verdacht auf Spionage oder Manipulation besteht, müssen die zuständigen Stellen die Vorwürfe selbstverständlich eingehend prüfen", sagt Kempf.

Globaler Player

An einem allerdings gibt es keinen Zweifel: Huawei tritt offensiv als globaler Player auf, das Unternehmen greift nach den Märkten der ganzen Welt. Einstweilen hat es sie schon einmal nachgebaut – auf dem Unternehmenscampus am Songshan-See.

Huaweis neuer Campus wirkt höchst traditionell – er ist eine Imitation europäischer Architektur 

Huaweis neuer Campus wirkt höchst traditionell – er ist eine Imitation europäischer Architektur 

Plötzlich steht man in Heidelberg, ausgestiegen aus einer Schweizer Bergbahn. Während der alte Campus mit seinen schicken, aber schlichten Bürogebäuden auch im Silicon Valley stehen könnte, ist der neue eine Hommage an Europa. Die gute Viertelstunde Fahrt führt die Bahn durch Verona, Oxford, Brügge und Granada – und schließlich an den Neckar. Zwischen akkurat gemähten Wiesen erhebt sich das Heidelberger Schloss.

Beim Gang durch die Heidelberger Altstadt ist rasch vergessen, dass man in China ist. Nur die Touristen fehlen, dabei könnte doch womöglich die geteilte Heidelberg-Liebe Amerikaner und Chinesen einen. Man wolle, erklärt einstweilen der Konzern aus Shenzhen, mit den Sehenswürdigkeiten die Weisheit und Zurückhaltung des europäischen Kontinents ehren.