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Weltweite Nummer eins Ausgerechnet wegen Corona: Huawei krallt sich den Smartphone-Thron

An einer Einkaufsstraße in Shenzhen hängt Werbung für das Huawei Mate 20
Vor allem in der Heimat China konnte Huawei mehr Smartphones verkaufen
© Malte Mansholt / stern.de
Eigentlich wollte Huawei schon eine Weile der größte Smartphone-Hersteller der Welt sein. Nun hat der Konzern wohl das erste Mal Samsung überholt. Und das trotz der Einschränkungen durch Trumps Handelsembargo. Doch der Erfolg hat einen großen Haken.

Es ist schon lange das erklärte Ziel von Huawei: Man wolle Samsung vom Thron stoßen und der größte Smartphone-Hersteller der Welt werden, kündigte Richard Yu an, der als Chef des Consumergeräte-Bereichs auch das Gesicht der Smartphone-Sparte ist. Im zweiten Quartal 2020 soll das nun erstmals gelungen sein. Doch zu früh sollte sich der chinesische Gigant wohl noch nicht freuen.

Dabei klingen die Zahlen zunächst gut: 55,8 Millionen Geräte soll Huawei zwischen April und Juni abgesetzt haben, Samsung lag mit 53,7 erstmals gut zwei Millionen Verkäufe zurück, berichten die Marktanalysten von "Canalys". "Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis, das man so vor einem Jahr noch nicht erwartet hatte", erklärte Analyst Ben Stanton. Zum ersten Mal seit neun Jahren hatte in einem Quartal ein anderes Unternehmen als Apple oder Samsung die Nase vorn.

Corona schiebt Huawei nach vorne

Doch ob sich das langfristig so hält, ist eine ganz andere Frage. Die Zahlen relativieren sich schnell, wenn man sie im Kontext betrachtet: Sie sind klar eine Folge der Corona-Krise. So konnte Huawei zwar im Vergleich zum ersten Quartal seine Absätze um knapp 7 Millionen Geräte steigern, das lag aber vor allem daran, dass die Krise den Konzern schon früher traf als andere. Während der Rest der Weltwirtschaft erst im März von der Pandemie erfasst wurde, war der wichtige Heimatmarkt des Konzerns schon in den ersten Monaten des Jahres im Lockdown. Und Huawei setzte so wenige Geräte ab, wie seit Anfang 2018 nicht mehr. 

Als Covid 19 dann den Rest der Welt erreichte, hatte China das Schlimmste schon wieder hinter sich. Sehr zum Vorteil von Huawei. Während sich der Heimatmarkt langsam erholte, brachen im Rest der Welt die Smartphone-Verkäufe über alle Hersteller hinweg immer weiter ein. Von der chinesischen Erholung konnte Platzhirsch Samsung nicht profitieren: Das koreanische Unternehmen spielt auf dem chinesischen Markt kaum eine Rolle. Dafür war es umso stärker von den eskalierenden Corona-Ausbrüchen in seinen wichtigsten Märkten in den USA, Brasilien, Indien und Europa betroffen.

Kein langfristiger Vorteil

Auf lange Sicht dürfte das Huawei aber nicht an der Spitze halten. Der Konzern hatte sich in den letzten Jahren mühsam in den Märkten außerhalb von China etabliert, erreichte Anfang 2019 knapp die Hälfte seiner Käufe im Rest der Welt. Und das obwohl er im wichtigen US-Markt gar nicht vertreten war. Dieses Gleichgewicht ermöglichte es dem Konzern deutlich schneller zu wachsen, als die rein auf China konzentrierten Konkurrenten aus dem eigenen Land. Nun ist das Gleichgewicht vollständig aus der Balance gekommen: Im letzten Quartal setzte Huawei in China fast dreimal so viele Geräte um wie im globalen Geschäft, nur noch 28 Prozent der Verkäufe wurden außerhalb der Heimat getätigt.

Dadurch verschärft sich für Huawei der Trend aus dem letzten Jahr noch weiter. Nachdem die Trump-Regierung den Konzern im letzten Frühjahr mit einem Handelsembargo belegt hatte, dürfen neu vorgestellte Geräte nicht mehr mit Googles Play-Services ausgestattet in den Handel kommen. Da auch der Play Store und damit der gängigste Zugang zu Apps zu diesen Diensten gehört, reagierten viele potenzielle Kunden verunsichert, die Verkaufszahlen außerhalb Chinas brachen ein. Mit großen Kampagnen versuchte Huawei, die Käufer von den eigenen Diensten zu überzeugen und konnte den Anteil an nichtchinesischen Verkäufen bis Ende letzten Jahres tatsächlich langsam wieder steigern. Der neue Rückschlag hat diesen Erfolg wieder zunichte gemacht.

Ob Huawei seinen Spitzenplatz halten wird, hängt daher stark davon ab, wie sich der Rest der Weltwirtschaft entwickelt. Das Wachstumspotenzial in China alleine ist für den Konzern zu begrenzt. Zwar liegt er dort unangefochten vorne, mit starken lokalen Unternehmen wie Vivo, Oppo oder Xiaomi ist die Konkurrenz aber groß. Sollte sich der globale Markt erholen, dürfte Huawei wegen der Google-Sperre davon nicht im gleichen Ausmaß profitieren wie in China. Der Platz auf dem Thron dürfte dann nicht lange zu halten sein.

Quellen: Canalys, Counterpoint Research


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