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Widerstand gegen Große Koalition Die Entzauberung der tapferen Hannelore


Es war einmal eine tapfere, kluge, listige Frau. Sie hieß Hannelore und zog aus, um das Land vor einer Großen Koalition zu bewahren. Doch der mächtigen Magierin Merkel war sie nicht gewachsen.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Es war einmal… So beginnen Märchen. Märchen handeln von Feen und mächtigen Herrschern, von harten Prüfungen und glücklichen Enden. Gäbe es sie nicht schon viel länger, man könnte Märchen für eine Erfindung der SPD halten. Zumindest sind Sozialdemokraten allzeit bereit, in ihren Reihen ein neues Fabelwesen zu entdecken, das sie und die Welt vom Bösen befreien - oder wenigstens vor Schlimmeren bewahren könnte.

Es war also einmal eine tapfere, kluge, listige Frau. Sie hieß Hannelore. Sie hatte es schon geschafft, mit List und ein wenig Tücke das Fürstentum Nordrhein-Westfalen vom sinistren Arbeiterverführer Rüttgers zu erlösen. Danach glaubten ihre Anhänger, Hannelore wäre so gewieft und stark, dass sie einst auch das ganze Land befreien könnte, das sich die mächtige Magierin Merkel untertan gemacht hat. Und sie selbst von ihrem unfähigen Anführer Sigmar, den die Merkel schon so verhext hat, dass er ihr helfen will, die Macht zu sichern und auszubauen bis in alle Ewigkeit, amen.

Wer den Schaden angerichtet hat ...

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat… So beginnen andere Märchen. Und die Sozialdemokraten erleben gerade, dass diese märchenhaften Zeiten leider vorbei sind – und nicht jedem und jeder jener große Zauber innewohnt, den sie gerne unterstellen. Hannelore Kraft beispielsweise, der großen Zukunftshoffnung der SPD, jener Frau, die viele in der Partei lieber gestern als morgen an die Spitze gehievt hätten, ist zwar in den vergangenen Wochen ein großes Kunststück gelungen. Nur leider nicht das, was von ihr erwartet wurde, sondern eher das Gegenteil. Zwischen Verzauberung und Entzauberung liegen manchmal nur vier Wochen.

Ihr Widerstand gegen die Große Koalition? Zusammengefallen wie ein Kartenhaus beim leisesten Luftzug. Ihre Erklärung dafür? Sehr bescheiden. Die SPD dürfe sich nicht verweigern, wenn sie für die Menschen etwas erreichen könne – ja nun, zu dieser Erkenntnis hätte sie auch schon früher kommen können. Waren andere ja auch. Stattdessen hatte sie die Gegner einer Zusammenarbeit mit der Union noch weiter auf die Bäume getrieben. Jetzt muss vor allem Hannelore Kraft versuchen, die Widerstrebenden und Widerspenstigen zurück auf den harten Boden der Tatsachen zu holen. Er wird ihr nicht leicht fallen. Politisch nicht, persönlich schon gar nicht. Geschieht ihr auch Recht. Wer den Schaden angerichtet hat, darf sich über Hohn und Spott nicht wundern.

Kraft hat sich in Merkel getäuscht

Nun rätseln alle, wie ihr das passieren konnte. Die Erklärung ist simpel. Sie dachte, Angela Merkel denke wie sie. Sie hatte bei ihren Sondierungsgesprächen in NRW zuerst die eingeladen, mit denen es nichts werden sollte. Merkel lud zuerst die SPD ein. Daraus schloss Hannelore Kraft, die Kanzlerin wolle ohnehin ein Bündnis mit den Grünen. Deshalb konnte sie relativ gefahrlos gegen eine Große Koalition zu Felde ziehen – und gegen den angeschlagenen Parteichef Sigmar Gabriel gleich mit. Dachte sie. Dummerweise denkt Merkel anders. Man könnte auch sagen: Sie denkt in einer anderen Liga. Jedenfalls gilt das vorläufig noch. Das hat Hannelore Kraft in den letzten Tagen schmerzhaft erfahren.

Hoffnungsträger ist ein harter Job in der deutschen Sozialdemokratie. Die hat in den vergangenen Jahren schon viele Einhörner gesehen, die sich bei näherer Betrachtung doch nur als Pony erwiesen. Das muss bei Hannelore Kraft nicht so enden. Sie kann sich auch schnell wieder von ihrer Schlappe erholen. Zumindest kann man sie jetzt vielleicht ein wenig realistischer beurteilen. Sie hat eine Menge Potenzial. Aber auch Luft nach oben.

So. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann hoffen sie noch heute …


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