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12. Oktober 2006, 10:00 Uhr

Träumen, wie's im Drehbuch steht

Mit etwas Geduld können Sie lernen, Ihre Träume zu lenken - wie Filme, in denen Sie Regie führen. Das kann gegen Albträume helfen, vielleicht auch gegen Phobien und Süchte. Von Ulrich Kraft

Jeder Vierte hat schon bewusste Momente im Schlaf erlebt© Illustration: Anne Lück

Christina Hemmen geht nachts gern fliegen. Oder sie marschiert mitten durch massive Mauern, als wären es Kulissen aus Pappmaché. Auch Sex "der sich übrigens absolut real anfühlt", steht gelegentlich auf dem Programm, wenn die Studentin in Morpheus' Armen liegt. Morpheus, der Gott der Träume, bringt nach der griechischen Mythologie die oft so bizarren Bilder in den Kopf der Schlafenden. Weil der Mensch aber in einer Art bewusstlosen Dämmerzustand vor sich hin schlummert, kann er sich an seine Träume oft nicht einmal erinnern. Geschweige denn, deren Inhalt beeinflussen.

Bei Christina Hemmen ist das anders. Auf ihren Reisen in Morpheus' Reich, gestaltet sie das Geschehen nach ihren eigenen Vorstellungen. Die 30-Jährige ist Klarträumerin. "Beim luziden Träumen, wie es in der Fachsprache heißt, weiß der Träumende, dass er träumt", erläutert die Psychologin Brigitte Holzinger. "Durch diese Bewusstheit kann er dann frei entscheiden, was im Traum passiert." Die Leiterin des Wiener Instituts für Bewusstseins- und Traumforschung gehört zu den wenigen Experten, die sich mit dem Phänomen wissenschaftlich beschäftigen.

Für viele Menschen nichts Unbekanntes

Dabei sind Klarträume für viele Menschen nichts Unbekanntes. In einer repräsentativen Umfrage gab jeder vierte Österreicher an, im Schlaf schon einmal bewusste Momente erlebt zu haben. Von den mehr als 400 befragten Studenten der Universitäten Mannheim, Heidelberg und Landau konnten sich gar 82 Prozent an mindestens einen luziden Traum erinnern. Lange tat die Forschung die Berichte vom Träumen bei klarem Verstand als esoterisches Gespinst ab. Bis es Stephen LaBerge von der Stanford University in Kalifornien Anfang der 1980er gelang, den so paradox anmutenden Zustand im Schlaflabor dingfest zu machen. Seine Versuchspersonen, allesamt erfahrene Klarträumer, sollten, sobald sie luzide sind, ihre Augen zweimal hintereinander erst nach links und dann nach rechts rollen.

Eigentlich zappeln die Sehorgane in der traumreichsten Phase der Nacht, dem REM-Schlaf, vollkommen unkontrolliert hin und her. Doch auf dem Elektrookulogramm (EOG), das die Bewegungen aufzeichnet, erkannte der Psychophysiologe inmitten der wirren Zuckungen unverkennbar das vereinbarte Zeichen. Alle sonstigen Daten wie die Muskelspannung oder die Hirnströme belegten aber, dass die Probanden sich im REM-Schlaf befanden. "Regelmäßige Augenbewegungen treten in REM-Phasen nicht auf. Dass die Schlafenden eindeutig die bewusste Kontrolle über ihre Augenmuskeln besaßen, konnte nur bedeuten, dass sie luzide träumen", erklärt Brigitte Holzinger das Revolutionäre an LaBerges Experiment.

Die Forschung liegt brach

"Danach boomte die Forschung ein paar Jahre lang", sagt Daniel Erlacher. "Heute liegt sie wieder völlig brach." Der Sportwissenschaftler von der Universität Heidelberg hat sich daran gemacht, dies zu ändern - mit Unterstützung von Christina Hemmen. Allerdings durfte die Studentin schlafen, während Erlacher nebenan auf einem Monitor Kurven mit verschiedenen Körperparametern betrachtete. Erst in der dritten Nacht schlug das EOG zweimal heftig aus, einmal nach links, einmal nach rechts. Das ersehnte Signal: Kontakt mit der Traumwelt hergestellt.

Rundflüge über New York standen diesmal aber nicht auf Hemmens Traumprogramm. Zehn schnöde Kniebeugen sollte sie machen, damit Daniel Erlacher untersuchen konnte, wie der schlafende Körper auf geträumte Leibesübungen reagiert. 14 solche Klarträume hat er mittlerweile ausgewertet, und fast immer stiegen Puls und Atemfrequenz der Probanden signifikant an. "Die rein virtuelle Bewegung führt zu den gleichen physiologischen Veränderungen wie die real ausgeführte, wenn auch etwas gedämpft."

Ein erster Beleg für seine eigentliche These: Erlacher will zeigen, dass der Körper unter Umständen ganz verzichtbar ist, wenn es darum geht, bestimmte Bewegungsabläufe zu üben. "Viele Sportler betreiben heute mentales Training, weil feststeht, dass sich ihre Leistungen durch das bloße Vorstellen einer Bewegung verbessern." Er glaubt, dass sich die Freistoßtechnik oder der Golfschwung weitaus effektiver verfeinern lassen, wenn man im Klartraum trainiert.

Golf-Training im Traum

Hirnphysiologisch spricht einiges dafür. Zwar feuern bestimmte Nervenzellen der Großhirnrinde beim Gedanken-Golf so, als schwinge der Übende tatsächlich den Driver. Doch diese Aktivität beschränkt sich auf den kleinen Bereich des Gehirns, der die Bewegung entwirft. Im Traum hingegen wird die neuronale Signalübertragungskette erst kurz vor dem Rückenmark unterbrochen. "Das Gehirn kann den Übungsprozess umfassender durchlaufen", erläutert der 33-Jährige. "Wenn mehr aktive Hirnareale mehr Lernerfolg bedeuten - und das legen Studien nahe -, müsste Klartraumtraining deutlich wirkungsvoller sein."

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