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Somnambulismus: Wenn Schlafwandeln zur Gefahr wird

Manche büchsen nachts aus und setzen sich nackt auf ihr Motorrad, andere essen rohe Spaghetti oder stürzen vom Balkon. Forscher suchen immer noch nach den Ursachen des Schlafwandelns. stern.de hat sich auf die Spuren der nächtlichen Spaziergänger begeben.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Mitten in der Tiefschlafphase verlassen Schlafwandler oftmals ihr Bett, um seltsame Dinge zu tun

Mitten in der Tiefschlafphase verlassen Schlafwandler oftmals ihr Bett, um seltsame Dinge zu tun

Der Schauplatz: eine Hotel-Lobby. Menschen ziehen Rollkoffer hinter sich her, andere plaudern fröhlich in einer der Sitzgruppen miteinander, die Empfangsdamen lächeln, Drinks werden serviert, Handys klingeln. In diesem Trubel fällt er kaum auf: ein Mann, der aussieht, als sei er aus der Zeit gefallen. Seine Bewegungen sind seltsam steif, als wäre er ferngesteuert, die Augen blicken starr. Auch Jürgen Zulley hätte den Mann fast übersehen, doch er stutzt, als er dessen Outfit sieht: ein Schlafanzug. Der Mann nähert sich langsam, dann aber dreht er sich abrupt um, geht - wieder langsam aber schnurstracks - zum Lift, drückt auf den Knopf und steigt ein.

"Der Mann war ohne Zweifel ein Schlafwandler", sagt Jürgen Zulley, einst Zeuge dieses seltsamen Vorganges in der Hotel-Lobby. Ihm sind solche Szenen bestens vertraut. Zulley ist Schlafforscher am Schlafmedizinischen Zentrum der Universität Regensburg. Warum die einen nächtlich ausbüchsen, während andere friedlich im Bett schlummern, ist für Wissenschaftler immer noch ein Rätsel. Fest steht: Schlafwandler bleiben im Schlaf quasi "hängen". Sie wachen unvollständig auf: das Gehirn "schläft" noch, die Muskulatur aber ist bereits wach. Experten sprechen deshalb von einer Aufwachstörung und ordnen das Schlafwandeln (medizinisch: Somnambulismus) unter den so genannten Parasomnien ein. Darunter versteht man ungewöhnliche körperliche Phänomene oder Verhaltensweisen, die den Schlafprozess unterbrechen.

Introvertierte Menschen besonders betroffen

Dass Schlafwandeln mit unvollständigen Reifungsprozessen im Gehirn zusammenhängt, ist eine beliebte Annahme. "Eine mögliche Ursache für Somnambulismus ist eine partielle Unreife des zentralen Nervensystems", sagt auch Zulley. Das würde unter anderem erklären, warum Schlafwandeln sehr viel häufiger bei Kindern auftritt als bei Erwachsenen. Auch genetische Einflüsse spielen eine Rolle. "Viele Schlafwandler-Karrieren sind vererbt", sagt Zulley. In Familien, in denen es Schlafwandler gibt, ist die Wahrscheinlichkeit für Somnambulismus zehnmal höher. Stress, Schlafentzug, Schichtarbeit, Fieber, Medikamente (Neuroleptika), Depressionen oder Drogen können Schlafwandeln ebenfalls provozieren. Auch an der Persönlichkeit kann abgeschätzt werden, ob eventuell eine Neigung zum Schlafwandeln besteht. "Aggressionsgehemmte und introvertierte Menschen sind häufiger betroffen", sagt Zulley.

Eltern sollten sich nicht verrückt machen, wenn ihr Kind schlafwandelt. Ungewöhnlich ist es nicht: 15 Prozent der Fünf- bis 12-Jährigen sind mindestens schon einmal auf nächtlicher Tour gewesen. Meistens liegen weder körperliche noch psychiatrische Störungen vor. Gewöhnlich wächst sich nächtliches Ausreißertum in der Pubertät aus, spätestens mit dem 20. Lebensjahr. Nur in Ausnahmen setzt es sich bis ins Erwachsenenalter fort oder tritt in dieser Altersphase überhaupt erst auf. Laut Schätzungen sind ein bis zwei Prozent der Erwachsenen betroffen. In Deutschland wären das immerhin zwischen 800.000 und 1,6 Millionen potenzielle Fälle. Und nicht immer harmlos. "Wer erst im Erwachsenenalter anfängt mit Schlafwandeln, sollte sich von einem Neurologen untersuchen lassen", rät Zulley.

Meistens findet Schlafwandeln im ersten Drittel des Nachtschlafs statt und zwar während der Tiefschlafphasen. Das zentrale Nervensystem hat in dieser Zeit alle vitalen Funktionen heruntergefahren: die Gehirnaktivität ist verringert, Blutdruck und Muskelspannung abgesenkt, Herzschlag und Atmung verlangsamt. Bewegungen können zwar ausgeführt werden, das Gehirn hat darüber aber keine Kontrolle. Anders als die traumreiche REM-Phase ("rapid eye movement") bleibt die Tiefschlafphase traumlos.

Schlafwandler ist nicht gleich Schlafwandler

Die Ausflüge der Schlafwandler dauern wenige Minuten an, in seltenen Fällen bis zu einer Stunde. Allderdings lässt sich beim Phänomen Somnambulismus selten generalisieren. Schlafwandler ist nicht gleich Schlafwandler. Manche setzen sich einfach nur im Bett auf, schauen sich verwirrt um, zupfen an der Decke oder schieben das Kissen hin und her. Andere verlassen das Bett, öffnen Türen und Fenster, gehen Treppen auf und ab, wühlen in Schubladen oder Schränken. Typisch für einen Schlafwandler: Er führt in seinem Zustand Handlungen aus, die ihm durch den Alltag vertraut sind.

Aber auch da gibt es Ausnahmen. Schlafwandelnde Männer beispielsweise, die sonst nie zum Lappen greifen, putzen plötzlich wie wild Küche und Bad. Übrigens: hofft die Ehefrau im wachen Zustand auf Wiederholung, hofft sie vergebens, denn beim Erwachen besteht typischerweise keine Erinnerung mehr an das Geschehene. So wusste auch der Elfjährige Michael Dixon aus Illinois nicht, was im Sommer 1987 mit ihm geschah. Er hatte nachts einen Güterzug bestiegen und war 160 Kilometer weit gefahren. Das Fernweh packte auch einen schlafwandelnden Franzosen: Er setzte sich nackt auf sein Motorrad und brauste los.

Wenn der nächtliche Ausflug vor Gericht landet

Manchmal landet die Eskapade eines Schlafwandlers sogar vor Gericht. Bekannt ist folgender Fall aus Großbritannien: Ein 27-Jähriger kletterte zu seiner Nachbarin, legte sich zu ihr unter die Decke und küsste sie - angeblich im Schlaf. Als sie schreiend erwachte, flüchtete der unerwünschte Besucher durch die Küche, über eine schmale Brüstung und rutschte dabei ab, drei Etagen tief, und erlitt Kopfverletzungen. Ein Gericht sprach den Mann später der sexuellen Belästigung schuldig. Die Urteilsbegründung: Niemand könne im Schlaf eine solche Klettertour bewältigen. Anders urteilte ein Richter im Fall des Kenneth Parks. Der 23-Jährige aus dem kanadischen Toronto fuhr im Mai 1987 mit seinem Auto zu seinen Schwiegereltern - deren Haus lag 23 Kilometer entfernt. Dort tötete er seine Schwiegermutter mit einem Messer, angeblich ohne zu wissen, was er da tat. Schlafforscher überprüften, ob Kenneth Parks die Tat tatsächlich während einer schlafwandlerischen Episode begangen haben könnte und bestätigten diese Annahme später. Gutachter erklärten Parks für schuldunfähig, er wurde freigesprochen.

Leiden Schlafwandler eigentlich unter ihren nächtlichen Touren? "Fast alle sehen das locker, sie denken ihnen könne nichts passieren", sagt Zulley. Doch was auch immer der Schlafwandler tut, ungefährlich ist es für ihn keineswegs. "Die schlafwandlerische Sicherheit gibt es nicht", sagt Zulley. Möglich sind Stürze vom Balkon, aus dem Fenster, von Mauern oder Treppen hinunter. Da sich der Schlafwandler meistens geradeaus bewegt, tut er es auch dann, wenn seine begehbare Unterlage endet - und stürzt ab.

Bitte nicht wecken!

Schlafwandler müssen natürlich nicht gleich ins Erdgeschoss ziehen. Um Stürze zu verhindern, sollte man Fenster und Schlafzimmertür fest verriegeln. Begibt sich der Schlafwandler trotzdem in Gefahr, so gilt: bitte nicht wecken! Würde man ihn wachrütteln, wäre er so verwirrt, dass er erst recht aus dem Gleichgewicht gerät. Am besten man steuert den nächtlichen Spaziergänger langsam und behutsam zurück ins Bett. Ist Stress der Auslöser, helfen Entspannungstechniken. Auch Autosuggestion und Psychotherapie sind bei Erwachsenen bewährte Methoden, um Somnambulismus in den Griff zu kriegen. Therapien durch Medikamente sind hingegen ein zweischneidiges Thema, wie Jürgen Zulley erklärt: "Die Medikamente verhindern den Tiefschlaf, was wiederum einen erholsamen Schlaf verhindert."

Auch grelles Licht im Schlafzimmer kann verhindern, dass der Schlafwandler loslegt. So wird vermutet, dass Schlafwandler sich auf eine Lichtquelle zu bewegen, wie beispielsweise auf den Mond: "Beweise, dass er Schlafwandeln tatsächlich begünstigt, gibt es aber nicht", sagt Zulley. Ohnehin ist der Mond längst nicht mehr die wichtigste Lichtquelle in der Nacht. Der moderne Schlafwandler würde sich deshalb eher von Reklametafeln oder Straßenlaternen leiten lassen. Oder sich vielleicht gar nicht erst auf die Suche machen, wenn bereits im Schlafzimmer Festbeleuchtung herrscht.

Oder ist es Hunger, der Nachtwandler aus den Federn treibt? Heißhungerattacken während des Schlafwandelns sind besonders häufig. Gegessen wird dann alles, was essbar ist, allerdings ohne Rücksicht auf Verpackung oder Zustand. Spagetti werden roh, Schokolade mit Papier hinuntergeschlungen. Legt man einem Schlafwandler schon früh etwas Essbares in den Weg, ließe sich die Episode abkürzen. Auch das wäre laut Experten therapeutisch nutzbar. Pauschale Tipps lassen sich aber nicht ableiten.

  • Sylvie-Sophie Schindler