Hintergrund Keine Stromersparnis durch Sommerzeit


Zum 25. Mal werden die Deutschen ihre Uhren eine Stunde vorstellen. Was jedoch einst als Beitrag zur Energieersparnis gedacht war, ist mittlerweile eher lieb gewonnene Tradition, denn Strom spart die Sommerzeit nicht.

Der Sommer beginnt zumindest dem Kalender nach am kommenden Sonntag (28.). Bereits zum 25. Mal werden die Deutschen dann ihre Uhren eine Stunde vorstellen. Was jedoch einst unter dem Eindruck der Ölkrise als Beitrag zur Energieersparnis gedacht war, ist mittlerweile eher lieb gewonnene Tradition. Das vergangene Vierteljahrhundert hat gezeigt: Die Sommerzeit beschert uns längere Tage und eine verwirrte innere Uhr - Strom spart sie nicht.

"Was abends an Licht gespart wird, wird morgens mehr verheizt"

Dabei klang die Idee logisch: Die Sommerzeit wurde laut Zeitgesetz von 1978 zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit eingeführt. Für Unternehmen und Haushalte sollte eine Stunde mehr Tageslicht gewonnen und Strom für Beleuchtung gespart werden. Ein Trugschluss: "Was abends an Licht gespart wird, wird morgens mehr verheizt", sagt Thomas Hagbeck vom Umweltbundesamt. Der Anteil von Licht am Energieverbrauch eines Haushaltes sei mit einem Prozent mittlerweile zudem verschwindend gering, ergänzt Astrid Fischer vom Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW). Das mache sich nicht bemerkbar.

Bemerkbar macht sich die Umstellung dagegen beim Menschen. Der Organismus erfährt eine Art Mini-Jetlag, aber unter erschwerten Bedingungen, erklärt der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Universität Regensburg, Jürgen Zulley. Zwar gehe nur eine Stunde verloren, anders als beim Reise-Jetlag verändere sich aber die Umwelt nicht mit. Der inneren Uhr fehlen dadurch wichtige Signale für die Umstellung. Besonders problematisch sei dies in den ersten zwei Tagen. Da passieren nach Ansicht Zulleys mehr Autounfälle als sonst. Der Körper sei einfach noch nicht auf wach gestellt.

Landwirtschaft beklagten Störung des Melkrhythmus'

Die Landwirtschaft hat sich nach anfänglichem Widerstand mit der Sommerzeit angefreundet. Die Befürchtung, dass es Probleme in der Milchproduktion gebe, bestätigte sich nicht. Zwar könne der Melkrhythmus durch die verlorene Stunde gestört werden, sagt Anni Neu vom Deutschen Bauernverband. "Die Tiere haben eine Stunde weniger Zeit, Milch zu produzieren." Das Problem sei aber mittlerweile gelöst: Die Bauern verteilten die Zeitverschiebung auf mehrere Tage und passten so die Melkzeiten schrittweise an.

Die Deutsche Bahn hat solche Übergangszeiten nicht - ihre Züge müssen in der Nacht zum Sonntag eine Stunde Verspätung aufholen. Dank großzügiger Zeitpuffer in den Fahrplänen der Nachtzüge gab es in den vergangenen Jahren jedoch nur wenig Verspätungen. Und auch die Umstellung der rund 120 000 Uhren in Bahnhöfen, Diensträumen und Automaten klappte bisher immer reibungslos. Wie alle Funkuhren in Deutschland werden auch sie automatisch umgestellt. Über den Sender DCF 77 in Mainflingen bei Frankfurt verbreitet die Physikalisch Technische Bundesanstalt (Braunschweig/PTB) das entscheidende Sommerzeit-Signal.

Seit 1996 EU-Synchronisation

Erst seit 1996 stellen alle EU-Mitgliedsstaaten die Uhren zum gleichen Zeitpunkt am letzten Sonntag im März eine Stunde vor und am letzten Oktober-Sonntag wieder zurück. Harmonisierung sei das schlagende Argument für die Angleichung gewesen, sagt der Sprecher der EU-Kommission für Verkehr und Energie, Gilles Gantelet. Bei Zügen zwischen Frankreich und Deutschland etwa müssten die Fahrpläne nun nicht ständig neu aufeinander abgestimmt werden.

Über das ursprüngliche Ziel der Energieersparnis spricht auch bei der EU-Kommission keiner mehr: Eine Studie von 1998 hat bestätigt, dass die Sommerzeit dieses Ziel nicht erfüllt. Sie zeigte aber auch, dass die Länder das Vor und Zurück beibehalten wollten. Hagbeck vom Umweltbundesamt meint: Die Menschen mögen die Sommerzeit. Sie können den Tag besser nutzen, wenn es abends länger hell ist. Für Tourismus und Freizeitveranstalter sei die Sommerzeit ein Gewinn, bestätigt auch Gantelet. Er glaubt daher nicht, dass die Regelung nach einer neuen EU-Studie im Jahr 2006 abgeschafft werden soll.

Kathrin Schulte-Bunert, DPA


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