5. Juni 2011, 14:14 Uhr

Auf dem Weg

Zu viel Arbeit, zu wenig Miteinander: Beinahe hätten sich die Ochsenkühns verloren. Beim Pilgern fand das Paar wieder zusammen. Von Felix Zimmermann

Partnerschaft, Beziehung, Ehe, Fremdgehen, Seitensprung, Pilgern, Wandern

Über ihre Erfahrungen beim Pilgern haben die Ochsenkühns ein Buch geschrieben©

Irgendwann an diesem sonnigen Frühlingsnachmittag im Garten der Ochsenkühns sagt Anton Ochsenkühn: "Du sitzt wie in einem Schifferl mit Loch und versuchst, das Wasser herauszuschöpfen, aber es kommt immer wieder Wasser nach. So fühlten wir uns." Und wenn "Schifferl" niedlich klingt, dann liegt das allein am bayerischen Idiom, in dem Anton Ochsenkühn redet. Niedlich war zu der Zeit gar nichts in seinem Leben und dem seiner Frau Simone. Es war bedrohlich. Nicht gesundheitlich, sondern für ihre Partnerschaft. Sie drohte zerrieben zu werden in einem Leben aus zu viel Arbeit und zu wenig Zeit füreinander.

Um im Bild mit dem Schifferl zu bleiben: Sie haben es dann doch geschafft, das Wasser hinauszuschöpfen und das Boot vor dem Kentern zu bewahren. Das war anstrengend, auch körperlich. Denn der 43-Jährige und seine 39-jährige Frau begaben sich auf eine Reise, die ihnen half, sich neu zu entdecken und ihre Beziehung zu justieren. Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie sie im Hochsommer 2008 den Franziskusweg liefen*, seinen südlichen Teil, von Assisi nach Rom, und irgendwo dort wieder zu sich zurückfanden; und wie sie an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gerieten, als sie in glühender Hitze die rund 250 Kilometer mit teilweise heftigen Steigungen innerhalb von 15 Tagen bewältigten.

Sie waren oft getrennt

Die Ochsenkühns scheinen genau das gesucht zu haben. Und: Sie haben es geschafft. Sonst säßen sie in diesem Moment nicht in ihrem Garten, hätten nicht kurz vorher in liebevoller Eintracht Eier von den eigenen Hühnern für einen ordentlichen Kaiserschmarren gesucht, den Simone zubereitet hat, während Anton den Tisch im Garten bereitete. Die reinste Idylle - vor einigen Jahren sah das noch ganz anders aus.

Da arbeiteten sie beide zu viel und sahen sich oft nur an den Wochenenden. "Wir waren beide viel unterwegs", sagt sie, und er findet dafür ein treffendes Bild, das in seiner Doppeldeutigkeit viel über den Zustand ihrer Beziehung erzählt: "Wir saßen oft in Zügen, die in entgegengesetzte Richtungen fuhren." Es sei ihnen vertrauter gewesen, am Telefon miteinander zu reden als zu Hause, wenn sie sich dort sahen. "Das machte mich stutzig", sagt Simone, "dieser Abstand zwischen uns."

"Es ging nicht mehr weiter"

Der war gewachsen in einem Leben, das Partnerschaft und Beruf unter einen Hut bringen sollte, ein Leben zwischen Computerschulungen und Kursen für Umschüler. Und dann, 2006: der eigene Buchverlag mit Büchern über die neuesten Computerprogramme. Er schrieb, sie - gelernte Grafikerin - layoutete. Das muss eine ziemliche Hatz gewesen sein, die Programme werden ja ständig aktualisiert, die Bücher müssen schnell hinterherkommen, Anwender wollen nicht lange warten. "Toni", sagt sie, sei sehr angespannt gewesen: "Er wartete wie ein verbissener Hund, der am Hosenbein zerrt und nicht mehr loslässt, auf jedes neue Apple-Programm." Und wenn es auf dem Markt war, musste drei Wochen später das Buch fertig sein. "Über 600 Seiten in drei Wochen", sagt er, "der frühe Vogel fängt den Wurm."

Das war die Zeit, als ein Mann ins Leben der Ochsenkühns kam, den sie nur den S. nennen. Das heißt: vorerst nur ins Leben von Simone Ochsenkühn. Ein gemeinsamer Bekannter, mit dem sie nun mehr und mehr Zeit teilte. "Es passte in die Situation: Toni und ich hatten uns aus den Augen verloren, und der S. war immer da", sagt Simone. Der sei "ein mental unheimlich forscher Mann, der wollte mich unbedingt haben". Und sie? Sagte nicht Nein. Ein väterlicher Typ, der Zeit hatte, wenn Anton, der ja irgendwie zur Telefonbekanntschaft geworden war, weit weg war. "Ich habe es verheimlicht, ich hätte es sofort sagen müssen", sagt Simone. Sie wollte ihn aber nicht verlieren und das Leben mit Anton auch nicht wegwerfen. Einige Monate lief es so, bis zum Februar 2008, da sagte Simone es Anton: "Es ging nicht mehr weiter."

Was folgte, war der Wendepunkt im Leben der Ochsenkühns. Nur zehn Minuten dauerte er, aber so haben das Wendepunkte an sich: Sie sind kurz und entscheidend. Der S. kam zu ihnen, Anton sagte ihm ins Gesicht, dass er der einzige Mann für Simone sei und dass er kämpfen werde. Eine Szene wie in einem Film. Aber wahr.

Der erste Schritt in ein anderes Leben

"Toni ist durch den Besuch vom S. aufgewacht", sagt Simone. Als wäre er gelandet. Der erste Schritt in ein anderes Leben, langsamer, weniger auf den Beruf fixiert, zweisamer. Plötzlich gab es Reisen, die sie beruflich unternehmen musste, und Anton kam mit. Einfach so, um mehr Zeit mit ihr zu verbringen.

Aber das konnte noch nicht alles sein. "Wir brauchten einen Schnitt", sagt sie, und er nickt. Sie lebten im selben Umfeld wie zuvor, im selben Haus; sie mussten da raus, wenigstens für kurze Zeit. Anton erinnerte sich an Assisi, da waren sie Jahre zuvor mit dem Wohnmobil gewesen. Seither wollte er dort immer mal wandern. In einer Buchhandlung fielen ihm Bücher über den Franziskusweg in die Hand, "da ging eine Tür auf", sagt er. Und dann ging alles schnell: Ende Juli 2008 packten sie Wandersachen - körperlich fühlten sie sich fit - und setzten sich in den Zug. Obergriesbach bei Augsburg-München-Bologna-Assisi. Zwei, die einiges zu klären hatten auf dem Weg in, nun ja, eine neue Gemeinsamkeit. Aber das wussten sie da noch nicht. Zweifel blieben: Würde die Beziehung zu retten sein, würde sie bei ihm bleiben, fragte er sich, und in ihrem Kopf spielte der S. noch eine Rolle, wohl auch in ihrem Herzen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Der Franziskusweg war nur der Anfang für die beiden. Man sollte nicht glauben, dass man in zwei, drei Wochen alles richten kann, was über Jahre in einer Beziehung ungeklärt geblieben ist, was es an Zweisamkeit nicht gegeben hat, dafür an gegenseitiger Vernachlässigung und Zwist. Eine Partnerschaftskrise ist eben kein Spaziergang. Und so sagt es Simone Ochsenkühn: "Der Franziskusweg war eine Startbahn für uns, ein Weg, auf dem wir Zweifel abbauen konnten."

Übernommen aus ... stern Gesund leben Ausgabe 03/2010
zum Heft

Das Buch Simone und Anton Ochsenkühn Leben atmen 352 Seiten Preis 24,95 € (42,– CHF) ISBN 978-3-940285-06-5

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