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GOETHE-SERIE III: Goethe zwischen Lust und Lava

In Italien, dem Land, wo die Zitronen blühn, wird aus dem Minister Goethe endlich ein Künstler. Er zeichnet Akte und dichtet 'Iphigenie'. Er reist, besteigt den Vesuv, sucht die Ur-Pflanze.

In Italien, dem Land, wo die Zitronen blühn, wird aus dem Minister Goethe endlich ein Künstler. Er zeichnet Akte und dichtet 'Iphigenie'. Er reist, besteigt den Vesuv, sucht die Ur-Pflanze, lässt sich von Rom bis Neapel feiern - und schläft mit 38 Jahren zum ersten Mal mit einer Frau

Nachts um drei besteigt ein 37-jähriger Mann in Karlsbad die Postchaise. Er hat nur einen Ranzen mit Papieren und einen Mantelsack bei sich. Er nennt sich Jean Philippe Möller. Maler. Es ist der 3. September 1786. Der Mann ist auf der Flucht. Es geht nicht anders. Zehn Jahre war er in Weimar. Pendelte zwischen Geist und Macht, und die Waage senkte sich mit Macht. Das Resultat des Geistes - niederschmetternd. Nichts veröffentlicht. Was er geschrieben, blieb Fragment: Egmont, Tasso, Faust, Iphigenie, Wilhelm Meister, alles unvollendet. Hier ein Akt, da ein Kapitel, wenig Gedichte und viel Krimskrams für den Hof.

Goethe ist in Panik. Er sucht alle literarischen Bruchstücke zusammen und will die drucken lassen. Sein Name muss doch mal wieder außerhalb von Weimar ins Gespräch kommen. Als ich mir vornahm, meine Fragmente drucken zu lassen hielt ich mich für todt, schreibt der entflohene Minister an seinen Herzog, der Goethe irgendwo in den Böhmischen Wäldern vermutet. Nun erfährt er von dessen Lebenskrise, die eine Art von Kranckheit wurde. Goethe bittet also herzlich um eine Atempause, um Urlaub aus dem Kabinett - auf unbestimmte Zeit.

Wie lebte er denn zuletzt? Allein in einem schönen Haus mit fünf Dienstboten.

Nur wer die Sehnsucht kennt, / Weiß, was ich leide! / Allein und abgetrennt / Von aller Freude, / Seh ich ans Firmament.

Ja, er wollte weg. Weg aus dieser Enge Weimar. Weg auch von Charlotte von Stein. Sie wurde in der letzten Zeit doch immer schwieriger. Jede meiner Minen hast du kontrollirt, meine Bewegungen, meine Art zu seyn getadelt. Jahre später wird er ihr das so offen schreiben.

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, lässt Goethe sein wundersames Kind Mignon in 'Wilhelm Meisters Lehrjahre' singen. Da will er nun hin. Nach Italien. Er begleitet die Freundin noch nach Karlsbad. Sie macht eine Kur. Und er flieht. Nachts um drei. In der Postchaise, unter falschem Namen.

Wo ist Goethe? Desertiert, schreibt eine preußische Adelige süffisant an Carl August. Goethes Ziehsohn Fritz von Stein ist verzweifelt. Schreibt flehentlich an Goethes Mutter: Wo ist er? Aber die weiß auch noch nichts. Das geheimnisvolle Verschwinden spricht sich in ganz Deutschland rum. Goethe ist weg. Wer hat ihn gesehen? Nicht mal Frau von Stein? Frau von Stein wird ihm das nie verzeihen.

Goethe ist in Regensburg. Ein Buchhändler erkennt ihn. Ich hab es ihm aber gerade ins Gesicht, mit der größten Gelassenheit, geleugnet, daß ich's sei. Im Tal von Bozen samtweiche Luft und zirpende Grillen. Man glaubt wieder einmal an einen Gott. Er kauft Papier und zeichnet, wo er geht und steht, zeichnet unaufhörlich, zeichnet mit solcher Lust, dass er sich fragt, ob er nicht eigentlich ein Maler sei.

Goethe wird beobachtet. Was skizziert der da dauernd? Spioniert der etwa? Geheimberichte gehen an den Vatikan. Der Gesandtschaftssekretär des Heiligen Stuhls wird später in Rom sogar Maler Möllers Zimmer durchsuchen lassen. Die magere Ausbeute: ein harmloser Brief von Frau Rat Goethe, die sich herzlich freut, dass ihr Sohn endlich nach Italien gereist sei.

Wie bitte? Goethe ist das? Dieser Kultautor vom 'Werther'? Ein teuflisches Werk. Steht in Italien auf dem Index. Also man möge auch weiterhin ein wachsames Auge auf diesen gefährlichen Burschen haben.

Goethe merkt von all dem nichts. Er fährt nach Venedig, ist beglückt vom herrlich theatralischen Piazza-Leben. Alles ist doch offen hier. Die Türen, die Menschen. Man lebt auf der Straße, und es ist warm, und die Frauen flirten mit ihm. Ach, da könnte er schon schwach werden, wenn die französischen Einflüsse nicht auch dieses Paradies unsicher machten. Also wieder diese Angst vorm Anstecken.

So bleibt es beim Träumen, beim Schlendern, und weiter geht's nach Ferrara, in Bologna jagt er mit einem Lohndiener durch die Stadt, bleibt gerade mal drei Stunden in Florenz, er will weiter, Perugia, Assisi, und dann ist er am 29. Oktober endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! In Rom. Im selbstgewählten Exil. So wird man es später im 'Tasso' lesen. Denn auch Tasso wählt bei Goethe das römische Exil, weil er sich dem Hofleben von Ferrara nicht anpassen kann.

Goethe steigt am Tiber im uralten Gasthof dell'Orso ab. Da wartet er auf den jungen Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Der wird die erste Begegnung später so beschreiben: Sie saßen in einem grünen Rock am Kamin, gingen mir entgegen und sagten: ich bin Goethe!.

Tischbein nimmt ihn mit in die kleine Künstlerkolonie am Corso 20. Nur Maler leben da. Sehr bescheiden. Der Gemeindepfarrer führt die Wohnlisten. Er trägt den neuen Mieter, der gut Ialienisch spricht, so ein: Filippo Miller, tedesco, pittore, 32. Das sind fünf Jahre geschmeichelt.

Rom. Der Traum seines Lebens. Das große Einatmen kann beginnen. Er wandert zum Tiber und zum Pantheon, schlender zur Cestius-Pyramide und zum Forum, wo Hirten ihre Kühe und Ziegen weiden.

Alles skizziert und aquarelliert Goethe. Er wird über 800 Zeichnungen mit nach Weimar bringen. Tischbein begleitet ihn oft. Wir passen zusammen als hätten wir zusammen gelebt, schreibt er über den Freund, der auch sein Lehrer ist. Und mittags sitzen sie auf dem Petersplatz unterm Obelisken und essen Trauben.

Goethe darf in der Sixtinischen Kapelle mit einem permesso Michelangelos Fresken ansehen. Er ist erschöpft vom vielen Rumlaufen und döst ein bisschen ein. Auf dem Stuhl des Papstes. Am Abend erzählt er das den Malerfreunden, und die lachen sich weg beim Gedanken, der Heilige Vater hätte einen Protestanten auf seinem Platz vorgefunden.

Dann essen sie gemeinsam Pasta und Polenta, trinken Valpolicella, und unter ihnen rauscht das Leben, ziehen junge Leute in Scharen über den Corso, bis tief in die Nacht. Und die Läden sind offen, es wird gerufen, geröstet, geraucht und gebraten und zur Mandoline gesungen. Nie wieder wird Goethe sich so wohl und lebendig fühlen. Und am Morgen, wenn er die Fensterläden aufklappt, sieht er nur Sonne, Dächer und die Pinien des Pincio. Tischbein wird ihn so am Fenster zeichnen, in Schlappen und Unterhosen.

Goethe in Rom, das ist Goethe in neuer Haut. Geldsorgen hat er keine. Sein großzügiger Herzog Carl August lässt das Ministergehalt weiterlaufen. Schiller, der damals gerade nach Weimar zieht, findet das unsittlich: Während er in Italien malt, schreibt er, müssen die Voigte und Schmidts für ihn wie die Lasttiere schwitzen. Er verzehrt in Italien für Nichtstun eine Besoldung von 1800 Thalern und sie müssen für die Hälfte des Geldes doppelte Lasten tragen.

So ist es. Und es bedrückt Goethe nicht. Er genießt und lebt und blendet Weimar aus. Schreibt Briefe, natürlich, auch an die verschnupfte Frau von Stein, die bekommt sogar ein italienisches Tagebuch. Ich erhole mich nun hier nach und nach von meinem salto mortale, schreibt er, und studiere mehr als daß ich genieße.

Was natürlich nicht stimmt. Und natürlich liest Goethe Zeitungen. Doch als er vom Tod Friedrichs des Großen hört, notiert er nur: Man werde sich einen schönen Tag machen.

Ihn interessieren auch nicht die politischen Zustände in Italien. Auch nicht das barocke Rom, nicht Bernini und Borromini, nicht Giotto und Raffael, und in der Sixtina war er ja sogar eingeschlafen. Nein, Goethe interessiert nur die Antike.

Jetzt holt er auch seine 'Iphigenie' aus dem Ranzen, seine Antike im doppelten Sinne. Er hat das Stück ja nie als vollendet angesehen. Und alles so lang her. Ist er denn überhaupt noch ein Dichter? In Weimar hat er Iphigenie zwischen Rekrutenaushebung und den Ritten zur Strumpffabrik in Apolda geschrieben. In Prosa. Immer so zwischen der Arbeit, immer, wenn mal Zeit war. Immer nur Skizzen, klagt er. Und notiert: Thoas soll reden, als ob kein Strumpfwirker in Apolda hungerte.

Also hier in Rom muss er das jetzt ausprobieren, ob er wirklich noch ein Dichter ist. So, wie er das einmal gespürt hat, als sein Pferd 'Poesie' mit ihm durchging und er glaubte, dem Gaul wüchsen Flügel, und er flöge auf Pegasos mitten in die Poesie hinein.

Er holt also 'Iphigenie' aus dem Ranzen und gießt die Prosa wie im Rausch in Verse um, in Marmorverse auf die reinste aller Seelen. Es geht. Und schreibt am 'Tasso' weiter und am 'Egmont'. Ja, es geht besser als je zuvor.

Und Freund Tischbein setzt ihn in eine antike Landschaft. Tischbein mahlt mich jetzo Lebensgröße, in einen weisen Mantel gehüllt, in freyer Luft auf Ruinen sitzend und im Hintergrunde die Campagna di Roma. Ein herrliches Gemälde, findet er, nur zu groß für unsre Nordischen Wohnungen. Er schreibt nach Weimar, dass Tischbein sogar ein kleines Modell von ihm aus Ton hat anfertigen lassen, welches gar zierlich mit einem Mantel drapiert worden. Danach malt er fleißig. Es wird das berühmteste Bild von Tischbein werden und von Goethe auch.

Goethes Pseudonym kriegt langsam Sprünge. Es spricht sich rum, wer da in Rom lebt. Jeder Teutsche schreibt nach Hause daß ich hier bin, sagt Goethe. Und natürlich ist er stolz, dass so viele das fremde Murmelthier sehen wollen. Er lässt also sein Inkognito wie einen Kokon fallen. Er ist ja längst ein neuer Mensch.

Der fährt im Februar 1787 mit Freund Tischbein nach Neapel. Neapel ist ein Paradies, wird er nach Weimar schreiben, jedermann lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum.

Alles wimmelt und wühlt, trägt die verrücktesten Kleider, und hier ein Pulcinell mit Äffchen, dort ein Wunderdoktor, und junge Weiber, die sich anbieten, und alte Weiber mit Frittenpfannen, und Kinder und Köche, und alle schrien. Und der König ist auf der Jagd, die Königin guter Hoffnung, und so kann's nicht besser gehn.

Von den wahren Zuständen Neapels bemerkt er - wie schon in Rom - überhaupt nichts. Er romantisiert das Elend, sieht überall nur Fröhlichkeit und heiteres Dulden. Und meist ist er ja auch in feiner Gesellschaft, umgeben von genießenden Menschen, wie dem Ritter Hamilton, dem englischen Gesandten. Der ist einer der reichsten und einflussreichsten Männer der Stadt. Manchmal sieht man ihn körbeweise Antiken von Ausgrabungsplätzen wegschleppen. So hat er sich eine der größten Sammlungen ergattert.

Bei ihm ist Goethe zu einem Abend besonderer Art geladen. Hamilton hat eine 20-jährige Schönheit aus London mitgebracht, Emma Hart, die für ihn und ausgesuchte Gäste Marmorfiguren nachstellt. Also so was hat Goethe noch nicht gesehen. Mit aufgelöstem Haar und griechischen Gewändern ist sie abwechselnd Ariadne und Atalanta, Aphrodite und Artemis, Helena und Hera.

Mal kniet sie, mal sitzt sie, mal liegt sie. Neckisch, ausschweifend, bußfertig, lockend, drohend, ängstlich, wie Goethe im Tagebuch schreibt. Und der alte Ritter hält zu jeder Position das Licht. Goethe hat Riesenspaß an diesem Theater und schaut sich die Vorstellung noch ein zweites Mal an. Hamilton wird Lady Emma Hart Hamilton eines Tages an Lord Nelson verlieren.

Der Ritter hatte dem Dichter übrigens erzählt, dass er den Vesuv schon 22-mal bestiegen habe. Das ist doch mal wieder ein Vorschlag. Also los. Einmal war Goethe ja schon oben. Da war aber so dicke Luft vor Dampf und klatschnassen Wolken, dass er nicht mal mehr seine Schuhe, geschweige denn den Krater hatte sehen können.

Tischbein soll nun mit. Aber der hat keine Lust, er möchte lieber Emma Hart malen. Kann er später noch. Jetzt muss er mit hoch. Zwei Führer binden die beiden an ledernen Riemen fest und ziehen sie nach oben. Es grummelt im Inneren des Kegels. Tischbein hat die Nase voll und steigt ab. Goethe steigt auf und sieht zum ersten Mal in den Rachen des Kraters, sieht, wie es dort aus tausend Ritzen dampfte.

Beim dritten Mal erlebt Goethe dann einen richtigen Ausbruch. Erst ein gewaltiger Donner, und dann schießen sie hoch, die Steine, kleine und große, Tausende.

Das muss Geologe Goethe doch mal unter die Lupe nehmen. Er wagt sich mit seinem jungen Führer weiter übers heiße Geröll, wagt sich bis an den Rand des Kraters. Und schon fliegt eine feurige Ladung an ihnen vorbei. Und wilde Rauchwolken hüllen sie ein. Und nach jedem neuen Schuss aus dem Ofen regnet Asche auf ihre Hüte. Nun aber nix wie weg. Sie fliehen haarscharf am Rande des glühenden Lavastroms vorbei, laufen bis ins Tal hinunter. Und Gott Goethe erklärt den entsetzten Freunden: Da wo ich gehe, ist nicht mehr Gefahr als auf der Chaussee nach Belvedere.

Tischbein malt nun Emma Hart, und Goethe reist allein weiter. Nach Sizilien. Italien ohne Sizilien macht kein Bild in der Seele, schreibt er. Hier ist der Schlüssel zu allem. Der Schlüssel zur 'Odyssee'. Hier atmet Goethe Homer zwischen Oleander und Zitronenbäumen ein, zwischen Golf und Buchten, Strand und Felsen, Klippen und Weiden.

Er reitet von Palermo aus quer über die ganze Insel bis nach Messina. Verspeist rohe Artischocken und Puffbohnen, hört Nachtigallen zu, guckt sich Gewürm und Blutegel an, Tempel und Palazzi, hofft, auf seinen einsamen Pfaden die Ur-Pflanze zu finden, will auch 'Nausikaa' bedichten, das schöne, nackte Königskind, das mit seinen Freundinnen Ball spielt, als Odysseus an Siziliens Strand gespült wird. Seine Nausikaa bleibt Fragment, schreibt Richard Friedenthal, die Ur-Pflanze wird sein Traum und seine Plage für Jahrzehnte.

Die Abreise machte mir einige Pein, schreibt er im Tagebuch. Er wird den herrlichen Süden wie eine gewaltige Lavaschleppe hinter sich herziehen - bis nach Rom. Dort bleibt er noch fast ein Jahr. Er wird geehrt, lässt sich in die Gesellschaft der Arkadier wählen, eine Marmorbüste wird angefertigt: Goethe als geistiger Eroberer. Nachempfunden einer Büste Alexanders des Großen mit Lockenpracht und Feldherrenmantel.

Goethe wird auch von Angelika Kauffmann porträtiert. Sie ist die berühmteste Malerin ihrer Zeit, ein Wunderkind aus London. Berühmt und geliebt und immer erfolgreich. Nur einmal gab's da ein kleines Malheur. Da hatte sie einen Lakaien geheiratet, der sich als Edelmann ausgegeben. Der starb gottlob recht bald. Seither lebt das Kind der Sonne auf großem Fuß in Rom. Jeder, der es sich leisten kann, hängt eine Kauffmann auf. Ihre Porträts sind romantisch und seelenvoll - wie durch Nebel gemalt.

So sieht sie auch Goethe. Und der erkennt sich nicht wieder. Es ist ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir, sagt er, als er den scheuen Menschen da aus dem Öl lächeln sieht. Er hat sich in Italien doch so verändert, ist breiter und voller geworden, sieht braun und gesund aus, ist strahlend und kräftig wie Apoll. So hat Tischbein den Freund am Golf von Neapel gemalt, in Werther-Kluft, mit festem Blick in Richtung Ewigkeit.

Hunderte von Seiten hat er nun schon im Reisetagebuch gefüllt, alles beschreibt er darin ausführlich und vergnüglich für Charlotte von Stein. Aber ist das tatsächlich alles? Kein Liebeserlebnis in den vielen Monaten? Das glaubt ihm doch niemand, nicht mal seine prüde Freundin. Und schon gar nicht glaubt man ihm, dass er sich ausgerechnet in Italien im Soliden gefestigt haben will und auf dem engen Pfad der Enthaltsamkeit gewandelt ist.

Also gut. Goethe gesteht. Er habe eine Mailänderin kennen gelernt, 22 Jahre, sehr schön, sehr ehrbar, aber leider, leider schon verlobt.

Das kann doch nicht wahr sein. Schon wieder das alte Lied? Goethe entflammt, betet an, entsagt und verabschiedet sich nach allen Regeln der Poesie! Das kennt man ja nun. Und doch: Die reizende Amour ist mal wieder so hübsch erzählt und gerade genügend breit ausgeführt, schreibt Klaus Seehafer in seiner Goethe-Biografie, um dem Heimkehrenden mögliche Fragen nach einer weitergehenden Affäre zu ersparen. Dabei hat es eine gegeben. Endlich die erste richtige in seinem Leben. Und die krempelt Goethe völlig um.

Seit seiner Ankunft in Italien hofft er auf ein sexuelles Abenteuer. Schon in Vicenza schreibt er ins Tagebuch, er habe alle Frauen recht scharf angesehn. Und in Venedig freut er sich, dass ein feiler Schatz ihn bey hellem Tage beym Rialto angeredet.

Und in Rom geht es dann gleich weiter. Goethe lernt durch die Malerfreunde Modelle kennen. Und zum ersten Mal zeichnet er Körper nach der Natur. Also erst zwei Monate Köpfe, und mit dem ersten Januar stieg ich vom Angesicht aufs Schlüsselbein, verbreitete mich auf die Brust und soweiter. Schließlich müsse man doch die antiken Formen in der Natur überprüfen. So weit geht er. Weiter geht er nicht.

Er schreibt seinem herzoglichen Freund Carl August: Die öffentlichen Mädchen der Lust sind unsicher wie überall und die Unverheirateten keuscher als irgendwo. Fragen immer nur gleich: E che concluderemo? Also wohin führt das? Zur Hochzeit natürlich. In die Ehe. Also lässt man lieber die Hände davon.

Hier in Rom wagt Goethe zum ersten Mal, einen nackten Körper lustvoll zu betrachten und zu zeichnen. Und hier in Rom passiert es, dass Goethe im 39. Lebensjahr zum ersten Mal mit einer Frau schläft. Alles, was er bisher erlebt hat, sind harmlose Neckereien, Misels, wie er das von Straßburg her noch nennt. Die Lust floss ihm immer nur aus der Feder: in die Leipziger Briefe an seinen Freund Behrisch, in den Werther, in die Gedichte für Lili.

Frau von Stein hat ihn dann in Weimar zurückerzogen. Lustfeindlich bis zur Bigotterie. Hätte Goethe dort ein Verhältnis gehabt, schreibt Richard Friedenthal, die unbeschreiblich neugierigen Weimarer hätten es rausgekriegt. Doch in keinem der noch so intimen Briefe steht etwas über ein solches Ereignis. In Eisslers analytischer Beweiskette ist sogar Charlotte von Stein eine Kronzeugin für Goethes Jungfräulichkeit. Als sie nämlich von dessen Verhältnis erfährt - es ist nun bereits das zweite, vom ersten in Rom wird sie nie etwas erfahren -, sagt sie: Goethe sei ein so vorzüglicher Mensch, und wenn er nun auch schon 40 Jahre alt sei, wäre es doch schrecklich mit anzusehen, daß er sich zu den Andern so herabwürdigt.

Was aber passiert nun in Rom? Er trifft Faustina Antonini. Und Faustina nennt er auch die Geliebte in den 'Römischen Elegien'. Die junge Frau ist 24, Witwe und hat einen dreijährigen Sohn. Sie hilft ihren Eltern in der Osteria alla Campana. Goethe ist dort Stammgast, trinkt den köstlichen Falerner Wein, isst Maccheroni und Fritti, sie bedient ihn - und da funkt es.

Goethe wird nie etwas über diese Liebe erzählen oder schreiben. Nur einmal macht er einem jungen Italienreisenden, der ihn 1827 in Weimar besucht, eine Andeutung. Dieser Herr Zahn zeigt Goethe Kopien der Pompeji-Fresken. Pompeji! Vierzig Jahre ist das her, da ist er doch mit Freund Tischbein durch Pompeji gelaufen.

Goethe wird ganz redselig, erzählt dem jungen Gast von den glücklichen Zeiten in Rom. Und Zahn fragt ihn, ob er denn auch die Osteria alla Campana kenne. Aber sicher!, sagt Goethe. Hier traf ich die Römerin, die mich zu den Elegien begeisterte. Und wenn sie sich für die Nacht verabredeten, so erzählt er weiter, tauchten sie ihre Finger in den verschütteten Wein und schrieben die Stunde der Lust auf den Tisch.

Uns ergötzten die Freuden des echten, nacketen Amors / Und des geschaukelten Betts lieblicher, knarrender Ton.

So hat Goethe noch nie geschrieben. All seine Abenteuer waren doch immer von Unruhe begleitet, von Angst und Verzicht. Und am Ende stand die Flucht. Aber dieses Verhältnis macht ihn selig, befreit und beflügelt ihn. Nichts von Panik. Sie lieben sich und wissen, dass es eine Liebe auf Zeit ist. Nur der Augenblick zählt. Ein neues Wort taucht in Goethes Wortschatz auf: Er fühlt sich behaglich.

Oftmals hab ich auch schon in ihren Armen gedichtet / Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand / Ihr auf den Rücken gezählt.

Nun erst entstehen die großen Liebesszenen zwischen Graf Egmont und Klärchen, dem Mädchen, das weit unter seinem Stand steht. Wie Faustina bei Goethe. Alle Provinzen beten ihn an, sagt Klärchen zur Mutter, und ich in seinen Armen sollte nicht das glücklichste Geschöpf von der Welt sein? Die Mutter sieht klarer. Eine Liebe zu so einem hohen Herrn könne nicht gut sein. Egmonts Geliebte verworfen?, fragt sie. Nie! diese Stube ist ein Himmel, seit Egmonts Liebe darin wohnt.

Charlotte von Stein wird diese Szenen degoutant finden, bekommt aber eine klare Antwort von Goethe: Ich sehe wohl, daß dir eine Nuance zwischen der Dirne und der Göttin zu fehlen scheint. Für ihn ist Egmonts Liebe wie ein Probelauf für das große Verhältnis seines Lebens, in das er sich bereits ein paar Tage nach seiner Rückkehr stürzen wird.

Die schönen Tage von Rom gehen zu Ende. Der Herzog erwartet seinen flüchtigen Minister wieder in Weimar. Bis Ostern hatte er ihm bezahlten Urlaub gegeben. Nun wird es langsam Zeit.

Und Goethe? Stellt Forderungen. Will künftig nur noch Künstler sein, Dichter, Schriftsteller, Naturforscher, Universalmensch, wie er das nennt. Und von allem Mechanischen der Politik möchte er befreit sein.

Der Herzog, großzügig wie immer, akzeptiert bei vollen Bezügen. Da antwortet Goethe sogleich mit einem fröhlichen: ich komme!

Er ist Carl August unendlich dankbar. Das Angebot ist für mich bis zur Beschämung ehrenvoll, schreibt er dem Freund und fügt feierlich und untertänig hinzu: Ich kann nur sagen: Herr hie bin ich, mache aus deinem Knecht was du willst. Da ist er wieder, Antonio aus 'Tasso'. Auch der ist, wie Goethe, klug genug, sich seinem Herzog zu beugen, der überzeugt, indem er uns gebietet.

Der Abschied von Rom fällt schwer. 14 Tage vor der Rückfahrt, so wird Goethe später Herders Frau erzählen, habe er täglich wie ein Kind geweint. Über seinen Bankier Reifenstein lässt er fünf Tage vor der Abreise 400 Scudi auf ein Sonderkonto überweisen, rund ein Drittel dessen, was er im Jahr vom Herzog bekommt. Faustina Antonini scheint er also versorgt zu haben.

Mit einem Ranzen und einem Mantelsack war er losgezogen. Nun wird gepackt: Er hat Kunstwerke eingekauft für die Herzogin, für sich selbst die großen Gipsköpfe Jupiter und Juno besorgt. Die eigenen Zeichnungen verstaut er in Mappen, und drei Theaterstücke sind im Gepäck: Iphigenie, Egmont, Tasso. Der noch nicht ganz. Tasso, schreibt er, wächst wie ein Orangenbaum sehr langsam.

Dann kommt die letzte lange Nacht. Allein wandert er bei Vollmond noch einmal den Corso hinunter, besteigt zum letzten Mal das Capitol, das wie ein Feenpalast in der Wüste dastand.

Dann steigt er die hintere Treppe hinab, geht durch die stockfinstere Via Sacra vorbei am Forum, hin zum Colosseum. Ganz geisterhaft liegt es da im kalten Licht des vollen Mondes. Und als er durchs Gitter ins schwarze Innere sieht, überfällt ihn ein letzter, herrlicher Schauer.

Am 23. April 1788 reist Goethe in aller Frühe ab, zurück ins enge Weimar. Rom wird er nie wiedersehen. Und noch als alter Mann wird er sagen: Seit ich über den Ponte molle heimwärts fuhr, habe ich keinen rein glücklichen Tag mehr gehabt.