Bangen um Tabea und Lea

12. September 2004, 16:45 Uhr

Nach der OP-Unterbrechung bleibt der weitere Verlauf der Trennungsoperation an den siamesischen Zwillingen Lea und Tabea unklar. Das Ärzteteam will den beiden bis zu 72 Stunden Zeit geben, sich zu erholen.

Die siamesischen Zwillinge Lea und Tabea vor der Operation in Baltimore mit ihren Eltern Nelly und Peter©

Schicksalsstunden für Lea und Tabea: Das Team, das am Johns Hopkins Children's Center in Baltimore die Trennungsoperation der siamesischen Zwillinge vornimmt, hat den Eltern mitgeteilt, dass der Eingriff für bis zu drei Tage unterbrochen werden müsse. Der Neurochirurg Benjamin Carson und die Anästhesistin Deborah Schwengel sagten, der Zustand der Kinder, die zur Zeit auf der Intensivstation versorgt werden, sei die Nacht über stabil gewesen. Die Operation war in der Nacht unterbrochen worden.

In nun folgenden Untersuchungen soll geklärt werden, ob die physische Stabilität der Zwillinge für eine Fortführung der Operation ausreichend erscheint. Das Team setzt für diese Prozesse sowie für eine Erholung der kleinen Patientinnen einen Zeitraum von maximal 72 Stunden an. Dann werde feststehen, wie die Fortsetzung des Eingriffes erfolgen soll. Die Eltern der Zwillinge, Peter und Nelly, werden von den deutschen Ärzten Tilman Polster und Martin Bruns begleitet, die bei dem Gespräch ebenfalls zugegen waren und übersetzten.

Operationsabbruch nach Komplikationen

Nachdem es im Verlauf der Operation bei einem der beiden siamesischen Zwillingen aus Lemgo in Westfalen zu einer instabilen Situation gekommen ist, hatte Professor Benjamin Carson, der leitende Neurochirurg der Trennungs-OP von Lea und Tabea, am Samstagabend den vorläufigen Abbruch des Eingriffs angeordnet.

Derweil bangten tausende Menschen in Deutschland mit den Eltern Nelly und Peter um das Schicksal der einjährigen Babys. Die Mädchen sind am Kopf zusammengewachsen. Lea und Tabea haben eine etwa 50-prozentige Chance, den schwierigen Eingriff zu überstehen. Sie waren bereits am Freitag unter Narkose gesetzt worden. Selbst wenn sie die Operation überstehen, wird es noch lange dauern, bis ersichtlich ist, ob und welche Folgeschäden sie erlitten haben. Von den weltweit 30 Kindern, die Trennungen an der Schädeldecke überlebt haben, sind 17 behindert.

Der spektakuläre Eingriff in der Johns Hopkins Universität in Baltimore war auf bis zu 48 Stunden geplant und gilt als äußerst riskant. Am Samstagmorgen Ortszeit gab es vor OP-Beginn zunächst Verzögerungen. Nach Angaben einer Krankenhaussprecherin waren weitere Vorbereitungen erforderlich. Um 12.30 Uhr Ortszeit (18.30 Uhr MEZ) wurde der erste Schnitt gemacht. Um 14.30 Uhr Ortszeit waren die Expander entfernt, die plastischen Chirurgen überließen ihren Kollegen das Feld. Am späten Abend folgte dann der vorläufige Abbruch der Operation.

Chirurg Benjamin Carson gilt als Kapazität

Eine Sprecherin der Johns Hopkins Universität in Baltimore sagte: "Wir wollen den beiden Mädchen ein gesundes und unabhängiges Leben schenken". Der federführende Neurochirurg Benjamin Carson gilt als einer der erfahrensten Ärzte weltweit für die Trennung Siamesischer Zwillinge am Oberkopf. Er hat die Operation bereits vier Mal ausgeführt - mit unterschiedlichem Ausgang. Im vergangenen Sommer starben Zwillinge, 29-jährige Frauen aus Iran, auf seinem Operationstisch.

Lea und Tabea teilen sich einen Schädelknochen und wichtige Blutgefäße. Beide besitzen unabhängige und gut ausgebildete Gehirne. Die Mädchen sind aufgeweckt, verspielt und bis auf ihre Verwachsung kerngesund. Eine Missbildung dieser Art kommt nach Angaben der Chirurgen am New York Montefiore Hospital ein Mal pro zehn Millionen Geburten vor. Die Klinik hatte erst im August zweijährige Jungen von den Philippinen getrennt - allerdings nach zehnmonatiger Vorbereitung. Carl und Clarence geht es ausgesprochen gut. Ihre Ärzte erwarten, dass sie spätestens zu Weihnachten laufen.

Allein mit rund 100 Spezialisten

Lea und Tabea sind vorher bereits einmal operiert worden, um die Haut am Schädel mit Silikonexpandern zu dehnen. Damit wollten die Chirurgen erreichen, dass genügend Haut zur Verfügung steht, um am Ende beide Schädeldecken bedecken zu können. An diesem Wochenende gehörte den kleinen Patienten aus Deutschland die Klinik der angesehenen Universität in Baltimore quasi ganz allein. Alle anderen Operationen wurden abgesagt.

Nach Angaben von Hoppe stehen mehr als hundert Spezialisten bereit, um im Schichtwechsel und für den Notfall einspringen zu können. Der komplizierte Eingriff, nach Aussage der New Yorker Spezialisten das kniffligste chirurgische "Kunststück" überhaupt, war immer und immer wieder an Modellen geübt worden.

DPA mit aktuellem Material von stern-Reporter Frank Ochmann in Baltimore/USA

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