Den Schmerz verlernen

2. Mai 2009, 18:13 Uhr

Ob an Rücken, Nacken, Kopf oder Knie: Millionen Deutsche quält chronische Pein. Moderne Therapien bringen die Patienten so früh wie möglich in Bewegung - und behandeln auch die Seele. Von Nicole Heißmann

Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, chronische Schmerzen, Therapie, Wirbelsäule

Rosemarie Holm beim Biofeedback: Sensoren erfassen die Spannung ihrer Nackenmuskeln, sie sieht die Daten auf einem Bildschirm©

Am Anfang war das Getriebe. 50 Kilo schwer, keine große Sache für zwei kräftige Männer. Es lag auf dem Boden der Autowerkstatt, gleich neben Patrik Racky und seinem Kollegen, die unter der Hebebühne standen, über sich den VW Golf eines Kunden. Routiniert packten die beiden Autoschlosser den Brocken, wuchteten ihn hoch in den Motorraum und - Teufel!! Es war, als hätte jemand jäh eine glühende Nadel in Rackys Rücken gesenkt, ganz tief zwischen die Wirbel.

Der Chef schickte ihn nach Hause, wo er drei Tage über der Sessellehne hing wie ein nasses Laken auf der Leine. Dann humpelte er zurück in die Werkstatt. Einige Zeit versuchte er, die Schmerzen zu ignorieren, doch irgendwann war er Dauergast bei Ärzten. Sein Hausarzt erklärte dem damals 30- Jährigen, er habe einen Bandscheibenvorfall gehabt. Ein Radiologe sprach von Verschleiß an der Wirbelsäule. Racky schluckte Pillen, über Jahre. Er bekam Spritzen und Massagen. Aber nach zwei Jahren war er so weit, dass es ihm schwerfiel, aus einem Auto auszusteigen. Er konnte kaum noch allein seine Schuhe zubinden.

Bei einem sticht es, beim anderen brennt es, bei einem Dritten pocht es; das Gefühl kann belastend sein oder furchtbar oder kaum auszuhalten: Fünf bis acht Millionen Deutsche leiden nach Expertenschätzungen dauerhaft so stark unter Schmerzen, dass sie der Behandlung bedürfen. Ganz oben auf der Hitliste der Torturen stehen Rücken- und Kopfschmerz, Pein am Nacken und an den Schultern. Auch das Knie, wie überhaupt alle Gelenke, ist anfällig für chronische Qualen.

Selbstheilungsversuche

Viele der Leidenden kurieren über Wochen und Monate selbst an sich herum, mit Schmerzmitteln und Schonung der maladen Partien - eine Therapie, auf die jahrzehntelang auch die meisten Mediziner setzten. Aber inzwischen hat sich der Blick auf den chronischen Schmerz dramatisch gewandelt. Nach und nach begreifen Forscher, wie er entsteht und warum er mit der Zeit immer mächtiger wird. Eine Schlüsselrolle, so wissen sie heute, spielt die Psyche der Kranken. Der Kampf gegen den Schmerz ist auch ein Kampf gegen Stress und Angst. Bewegung birgt selten Gefahr, wohl aber furchtsame Unbewegtheit. Und so ist moderne Schmerztherapie eine interdisziplinäre Angelegenheit, die gemeinsame Aufgabe für Therapeuten unterschiedlicher Richtungen. Und für die Patienten selbst.

Patrik Racky ist inzwischen weit gekommen. In Trainingshosen und T-Shirt steht er in einem grellweiß gestrichenen Gymnastikraum, zusammen mit sieben anderen Rückenleidenden und einer Physiotherapeutin. Er hält die Beine ganz gerade und bückt sich nach vorn. Seine Knie zittern vor Anstrengung, die Finger ziehen nach unten. Am Ende erreichen sie den Boden, für Racky eine Revolution, fast ein Wunder. Auch weil er nach Jahren der Qual und der Angst vor jeder Bewegung keine drei Wochen gebraucht hat, um so weit zu kommen.

Das Schmerz-Zentrum, in dem sich der Autoschlosser in den Alltag zurückkämpft, liegt in Mainz und wird vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben. Mit 1700 stationären und fast 5000 ambulanten Patienten pro Jahr ist es das größte von einer Handvoll solcher Therapiezentren in Deutschland, und es nähert sich dem Schmerz aus drei Richtungen: Ärzte wie Orthopäden, Chirurgen oder Neurologen untersuchen, welche körperlichen Ursachen womöglich vorliegen und ob Medikamente oder OPs nötig sind, Physiotherapeuten stellen ein umfangreiches Bewegungsprogramm zusammen, und Psychotherapeuten forschen im Gespräch mit den Geplagten, welche psychischen Faktoren den Schmerz befeuern - und wie man verhindert, dass er irgendwann das Leben beherrscht.

Seelenkunde gegen Schmerzen

Vor allem die Seelenkunde ist für viele neu und vielleicht auch etwas unheimlich. "Wir bereiten unsere Patienten schon bei der Aufnahme darauf vor, dass sie auch Therapiegespräche haben werden, sonst wundert sich der eine oder andere und sagt: ‚Ich hab es doch nicht im Kopf, ich hab's im Rücken!‘", sagt Hans-Raimund Casser, Ärztlicher Direktor des DRK-Schmerz-Zentrums.

Jahrelang haben die Kranken gehofft, dass Tabletten, Spritzen, Massagen oder auch eine Operation ihnen helfen würden. Etwas, das andere mit ihnen machen. Etwas Handfestes. Denn schließlich hat es bei den meisten irgendwann mit Handfestem angefangen, mit den Verletzungen nach einem Unfall oder einem chirurgischen Eingriff, mit einem Bandscheibenvorfall, einer Zerrung oder einer hartnäckigen Verspannung. Die Nervenzellen in den betroffenen Regionen sandten damals Signale an das Rückenmark, von wo sie ins Hirn geleitet wurden und dort als Schmerz ins Bewusstsein gelangten. Warnzeichen waren das, sinnvolles Erbe der Evolution, das verhindert, dass der Mensch mit klaffenden Wunden herumspaziert und seinem Organismus dadurch den Rest gibt.

Es gibt Arthrosegeplagte oder Rheumakranke, bei denen die Ursprungsquelle des Schmerzes immer weitersprudelt. Bei sehr vielen Schmerzchronikern aber versiegt sie - und die Pein bleibt dennoch, wird sogar immer schlimmer. Das, so wissen Forscher heute, ist das Ergebnis eines paradoxen Lernprozesses (siehe Infografik auf Seite 122): Je länger Nervenzellen Schmerzsignale weiterleiten, desto aktiver werden sie. Sie neigen dazu, die Reize von sich aus zu verstärken, bis sie schließlich sogar ganz ohne Eingangssignal Alarm geben können. Gleichzeitig werden immer mehr Nachbarzellen einbezogen. Immer stärkere Botschaften pulsen Richtung Kopf. Dort wiederum macht das Dauerfeuer eine Art Filter im Hirnstamm besonders durchlässig, sodass immer mehr Schmerzimpulse im Gehirn eintreffen. Das Ergebnis: Es entsteht ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Der geplagte Leib brennt ein neues Bild von sich selbst ins Hirn. Ein Körpergefühl, zu dem der Schmerz so fest gehört wie die Beherrschung des Gleichgewichts oder der Sinn für die eigene Gestalt.

Psychischer Stress als Ursprung?

Bei diesem Prozess, so erfahren die Mainzer Patienten, spielt die Psyche eine bedeutsame Rolle. Wenn er lange genug fortschreitet, kann er schon ausgeglichene Gesunde zu Kranken machen. Deutlich härter jedoch trifft er Menschen, die unter seelischer Last leben. Stress, Angst und Depression führen dazu, dass das Gehirn den Schmerz besonders effektiv speichert - auch wenn Forscher noch nicht genau wissen, warum das so ist. Möglicherweise sendet das Gehirn dann seinerseits Signale über das Rückenmark "nach unten", die die Impulse "nach oben" verstärken - eine regelrechte Schmerzspirale.

Das klingt ziemlich komplex, nicht allzu lebensnah. In Gesprächen mit den Therapeuten hat Autoschlosser Patrik Racky aber erkannt, dass es viel mit seiner Geschichte zu tun hat. Ihm ist klar geworden, wie sehr er in all den Jahren unter Druck stand, beim Hausumbau, als das zweite Kind kam, als er sich schließlich selbstständig machte. Und auch die Patientin Angelika Welsch sieht heute, dass ihr Dauerschmerz viel tiefere Wurzeln hat, als sie lange dachte.

Sie war nie eine, die schnell jammert. Nachdem sie daheim auf einen Stuhl gestiegen und danach unglücklich auf den Rücken gefallen war, machte sie mit der Hausarbeit einfach weiter, als wäre nichts passiert. Am nächsten Tag jedoch spürte sie ein starkes Stechen und Reißen im Kreuz, und die damals 32-Jährige ging alarmiert zum Arzt. "Ich wollte gerade meine neue Stelle als Krankenschwester antreten. Da durfte ich doch nicht gleich ausfallen", sagt sie. Der Arzt röntgte, konnte aber keine Verletzung feststellen. Er verschrieb Tabletten und Krankengymnastik, und nach ein paar Wochen schwanden die Schmerzen. Dafür stand die junge Frau bald anderweitig unter Strom: In der Klinik fiel ein Kollege aus, "da musste ich unsere Station ganz allein schmeißen und hatte schnell viele Überstunden auf dem Konto". Dann fingen Angelika Welsch und ihr Mann an zu bauen, machten Schulden. Und schließlich war es wieder so weit: Nur ein kleiner Sturz, aber die Krankenschwester sah Sterne, so heftig fuhr ihr der Stich ins Kreuz. Von nun an trafen sie die Angriffe aus dem Hinterhalt regelmäßig - und steigerten ihren Stress immer weiter: "Weil ich während der Schmerzattacken nicht so belastbar war, habe ich mich an meinen guten Tagen übernommen", sagt sie heute. "Ich habe meinen Körper ignoriert und kriegte als Quittung dafür immer schlimmere Probleme."

Angst vor der Bewegung

Nicht jeder hat psychischen Stress, wenn der Schmerz ihn zum ersten Mal trifft - aber jeder kann durch den Schmerz in Seelennot kommen, vor allem in Angst. Der Mensch ist so gebaut, dass er erst einmal sucht, was ihm gute Gefühle beschert, und meidet, was sich schlecht anfühlt. Und darum wird ein Mann mit Bandscheibenvorfall Bewegungen ausweichen, die ihm Schmerz bereiten. "Ich bin voll in die Schonhaltung gefallen", sagt Patrik Racky. "Bloß nicht die Wirbelsäule beugen, habe ich gedacht." Er hob keine schweren Autoteile mehr, bückte sich nicht mehr nach Werkzeug, sondern ging mit gestrecktem Rücken in die Hocke. Beim Ausräumen des Geschirrspülers beugte er sich verkrampft mit geradem Rücken nach vorn, "immer eine Hand auf der Arbeitsplatte, und mit der anderen habe ich mühsam die Teller geangelt."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 18/2009

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