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CO2-neutrales Autofahren Mit gutem Gewissen Gas geben


Niemand muss auf Elektroautos warten. Umweltzertifikate ermöglichen schon jetzt klimaneutrales Fahren, auch mit einem alten Spritfresser. Ein Euro pro Tankfüllung soll den Klimakiller CO2 und auch das schlechte Gewissen verschwinden lassen - für Umweltschützer ist diese Methode ein Ärgernis.
Von Lisa Reggentin

Das Prinzip vom umweltfreundlichen Fahrspaß ist einfach: Mit der sogenannten Arktik-Karte zahlt der Kunde beim Tanken an Jet-Tankstellen pro getankten Liter 2 Cent drauf, Jet gibt weitere 2,5 Cent pro Liter dazu. Der gesamte Beitrag wird an Klimaschutzprojekte weitergeleitet. Auf diese Weise soll der CO2-Ausstoß beim Autofahren komplett kompensiert werden. Arktik-Geschäftsführer Florian Skiba erklärt, wie CO2-freies Autofahren möglich wird: "Mit den insgesamt 4,5 Cent, die pro Liter 'gespendet' werden, unterstützen unsere Kunden Klimaschutzprojekte. An anderer Stelle wird genau die Menge an CO2-Emissionen eingespart, die beim Autofahren entsteht. Für das Klima ist es schließlich nebensächlich, wo die CO2-Emissionen eingespart werden. Hauptsache, sie nehmen in Summe ab."

Kleiner Betrag, große Wirkung?

Ein TÜV-Zertifikat garantiert dem Arktik-Kunden, dass sein Klimabetrag von rund einem Euro pro Tankfüllung tatsächlich auch 100 Prozent des CO2-Ausstoßes beim Autofahren ausgleicht. In der Industrie ist die Kompensation von schädlichen Emissionen üblich und anerkannt. Auch Politiker verlautbaren regelmäßig, nur klimaneutral zu reisen. Dann zahlt Steuerzahler zusätzlich zum Flugticket entsprechende Ausgleichsmaßnahmen.

Umweltschützer stehen dem Konzept des CO2-Ausgleichs für Privatwagen aber kritisch gegenüber. Ob CO2-neutral oder nicht: Sie wollen, dass die Leute ihr Auto möglichst häufig stehen lassen. Mit der Arktik-Karte würde das Autofahren legitimiert werden, fürchten Kritiker wie Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Hilgenberg bestreitet nicht die Vorteile der CO2-Zertifikate, zweifelt aber daran, ob der geleistete Betrag auch komplett bei den Projekten ankommt. Diesem Vorwurf tritt Arktik entgegen: Das Unternehmen unterstützt ausschließlich "Gold Standard Klimaschutzprojekte". Diese sollen sicher stellen, dass die Beträge sinvoll investiert werden. Der "Gold Standard" stellt hohe Ansprüche: Er wird nur an Projekte vergeben, die nachweislich zur Reduktion von Treibhausgasen führen und gleichzeitig gut für die lokle Umwelt und sozialen Belange der Bevölkerung sind. Auch eine von der UNO anerkannten Stelle prüft die Projekte.

Trotzdem ist Hilgenbergs Strategie: Man solle versuchen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, dann müsse man sie im Nachhinein auch nicht ausgleichen. "Wir müssen erreichen, dass das Autofahren vermieden wird, anstatt Möglichkeiten zu schaffen, wie die Gesellschaft weiter an ihrem privaten Pkw festhalten kann", so Hilgenberg. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde sieht das anders. Sie hat 20 Unternehmen, die den CO2-Ausgleich anbieten, getestet. Die Hamburger Klimaschützer bekamen das Testurteil "gut" und belegten den 2. Platz in einer aktuellen Studie der Verbraucherzentrale unter den Anbietern von CO2-Ausgleichsmaßnahmen.

Auch Arktik-Geschäftsführer Florian Skiba sagt, dass es für das Klima am besten wäre, das Auto ganz stehen zu lassen. "Fakt ist aber, dass die meisten Leute weiter Autofahren, weil sie nicht auf das Auto verzichten können oder wollen. Wir müssen anfangen, etwas für den Klimaschutz zu tun. Deshalb sollen auch diejenigen, die wir nicht vom Steuer wegkriegen, jetzt schon ihren Beitrag leisten können", erklärt Skiba. Das Arktik-Modell hat einen klaren Vorteil: Den Aufschlag zum Spritpreis können sich viele leisten, auch diejenigen, für die ein spritsparender Wagen oder ein Elektroauto unerschwinglich wäre.

"So werden wir das Klima nicht retten"

Verkehrsexperte Hilgenberg lässt dieses Argument nicht gelten. Auch klimaneutrales Autofahren ist für ihn schädlich, weil dies die Entwicklung anderer, umweltschonender Verkehrsformen verhindern würde. "Auch wenn an jeder Ecke ein Carsharing-Auto wartet und der Bus deutlich öfter fahren würde, würden die Leute diese Angebote nicht wahrnehmen, wenn das Fahren im eigenen Auto klimaneutral sein kann. So werden wir das Klima nicht retten", sagt Hilgenberg. Er befürchtet, dass die Arktik-Karte zum Freifahrtschein für ungehemtes Kilometer-reißen wird. Florian Skiba von Arktik hält dagegen, dass diejenigen, die mit der Arktik-Karte fahren, ihre persönliche Umweltverantwortung längst erkannt haben.

Die Arktik-Kunden schützen das Klima vielleicht nicht in dem Maße, wie es Umweltlobbyisten vorschwebt. Anstatt Fahrrad oder Bus zu benutzen, folgen sie dem einfachen Weg: Ein Euro pro Tankfüllung tut nicht weh. Und trotz der bequemen Fahrt mit gutem Gewissen wird die Arktik-Karte nicht als Legitimierung für rücksichtslose Raserei gesehen. Das sagen zumindets die Ergebnisse einer Kundenumfrage: 86 Prozent der Arktik-Kunden gaben an, genau so viel Auto zu fahren wie vorher, 12 Prozent der Befragten sind nun sogar weniger im Auto unterwegs.


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