S-Klasse Am Steuer des Wellness-Mercedes


Forscher von Daimler-Chrysler prüfen mit wissenschaftlichen Methoden, ob sich die neue S-Klasse tatsächlich so entspannt fahren lässt, wie es die Kunden erwarten.

Harald Gusek ist einer von diesen ausgeschlafenen Mittfünfzigern. Hände und Gesicht leicht gebräunt, drahtige Figur in Polohemd und karierter Hose, völlig entspannt, als hätte er schon früh am Morgen einige Bahnen im Pool geschwommen. Gusek hat jahrzehntelang hart gearbeitet und gönnt sich jetzt, mit 56 Jahren, mehr Freizeit. "Segeln, Golf, ein bisschen Gymnastik und ein bisschen Eisenstemmen im Fitnessstudio", sagt er. Seit einer Ewigkeit schon fährt Gusek Mercedes, fast ausschließlich. Vor sechs Jahren kaufte er einen S-Klasse-Wagen.

Das neue Modell, das jetzt auf der IAA dem Publikum vorgestellt wird, durfte Harald Gusek schon vor fünf Monaten kennen lernen. Von Mitte April an nahm er an einer umfangreichen Versuchsreihe teil, wie sie die Berliner Forschungsabteilung von Daimler-Chrysler bereits seit 15 Jahren durchführt.

Gusek und 22 weitere Testpersonen spulten dabei innerhalb von sieben Wochen zusammengerechnet rund 35 000 Kilometer ab. "Die S-Klasse ist unser Langstreckenfahrzeug", beschreibt der Psychologe Goetz Renner von der Kundenforschung die hohen Ansprüche der Klientel. "Bei diesem Versuch müssen wir nachweisen, dass der Geschäftsmann nach einer langen Reise fitter aussteigt als bei anderen Fahrzeugen." Ein möglichst hoher Fahrkomfort - sanfte Federung, niedriger Geräuschpegel, bequeme Sitze, einfache Bedienung, zugfreie Klimatisierung - soll dafür sorgen, dass der S-Klasse-Fahrer sofort nach der Ankunft eine harte Verhandlung führen kann und nicht erst unter die Dusche muss. Konditionssicherheit heißt das im Fachjargon.

Den unterschwelligen Verdacht,

die hauseigene Abteilung im Werk Marienfelde würde für die Marke Mercedes ohnehin nur positive Ergebnisse liefern, weist Goetz Renner von sich. "Die Resultate müssen belastbar sein. Wenn Sie da nicht sauber argumentieren können, haben Sie keine Chance." Heißt: Wäre das Forschen reiner Selbstzweck, würden die Kostenkontrolleure den Laden dichtmachen.

Der Stammkunde Harald Gusek ist ein Glücksfall für die Berliner Psychologen des Konzerns - nicht etwa, weil er schon einen Batzen Geld für die Autos des Hauses ausgegeben hat. Er erfüllt alle Kriterien der Wissenschaftler und hat deshalb einen sicheren Platz in ihrer Probanden-Kartei: Er ist topfit, hat gelegentlich Zeit und fährt eben S-Klasse. "Das ist unsere erste Prüfung, die wir bestehen müssen", sagt Goetz Renner. "Diese Kunden kennen unsere Autos bis ins letzte Detail." Schwachpunkte fallen ihnen sofort auf, und einen Stammkunden-Bonus für den Stern auf der Haube gibt's nicht. "So ein Auto darf nicht liegen bleiben", sagt Gusek. Mit der Betonung auf "darf". Der Kunde würde die Marke wechseln.

Auf subjektive Urteile der Probanden verlassen sich die Forscher aber nicht. "Wir messen das Wohlbefinden während der Fahrt mit physiologischen Methoden", sagt Lars Galley, ein Kollege von Goetz Renner. Das wichtigste Kriterium ist die Herzfrequenz. Je niedriger sie ist, desto entspannter fühlen sich die Fahrer. Zeitgleich zeichnen Messgeräte die Muskelspannung an den Armen der Teilnehmer auf - ebenfalls ein Indiz für Stress. Beide Parameter werden online an die Rechneranlage der Forscher gesendet.

Bevor die Probanden am Morgen zu einer 500 Kilometer langen Etappe aufbrechen, führt Galley zunächst einen Pupillographischen Schläfrigkeitstest (PST) durch. Mit einer speziellen Apparatur misst er an den Augen der Teilnehmer, wie gut sie in der Nacht zuvor geschlafen haben. Zittern die Pupillen nur schwach, war es ein geruhsamer Schlaf. Flackern sie dagegen nervös hin und her, war es eine unruhige Nacht. So kann Galley das Befinden der Fahrer schon vor Testbeginn überprüfen. Dann werden die Fahrer verkabelt und an die Messgeräte angeschlossen.

Im Abstand von 20 Minuten gehen drei Autos zwischen neun und zehn Uhr auf eine exakt festgelegte Strecke, die in das Navigationssystem programmiert ist: von Marienfelde aus auf die A9, bei Leipzig Richtung Dresden und von dort aus wieder nach Norden. Zwischendurch auch über Landstraßen. Mal malerisch durch Alleen wie bei Grimma auf der Bundesstraße Richtung Osten. Und mal stressig, wenn an der Ausfahrt Baruth/Mark nicht nur die Testwagen, sondern gleichzeitig Dutzende Lkws die Autobahn 13 verlassen.

Jeder Teilnehmer fährt diese Strecke in den sieben Wochen dreimal, insgesamt 1500 Kilometer; jeweils mit der S-Klasse sowie mit den Konkurrenzmodellen Audi A8 und BMW Siebener. Ein mächtiger Aufwand für die Testpersonen, jedes Mal gut fünf Stunden und ganz auf freiwilliger Basis. "S-Klasse-Kunden können Sie nicht mit einem Honorar ködern", sagt Goetz Renner. Sondern mit dem Reiz, einen neuen Wagen vor allen anderen zu fahren und bei einem wissenschaftlichen Experiment dabei zu sein.

Während die Fahrzeuge unterwegs sind, bricht über Lars Galleys Computer im Labor eine Flut von Daten herein. 90 Messungen pro Sekunde zeichnen nicht nur auf, wie die Testfahrer sich fühlen. Auch die Autos rollen unter Beobachtung. Die Satellitennavigation übermittelt die Position, dazu kommen Gas- und Bremspedalstellung, Geschwindigkeit - alles synchron. Kameras überwachen den Innenraum sowie die Verkehrssituation vor der Windschutzscheibe. So können die Psychologen jede Sekunde nachvollziehen. "Wenn die Probanden bei freier Strecke 20 Minuten lang mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs waren, wollen wir natürlich sofort wissen, wie es ihnen dabei erging", sagt Galley.

Sehr gut so weit.

Bei der Fahrt mit dem großem Mercedes werden durchschnittlich 79,6 Herzschläge pro Minute gemessen. Das sind rund sechs Prozent weniger als bei den Fahrzeugen der Konkurrenz, sagen die Forscher. Und gegenüber der S-Klasse, die zwischen 1979 und 1992 gebaut wurde, seien es sogar acht Prozent weniger. Nur einmal, da schoss der Puls von Harald Gusek in die Höhe: "Ich musste bei 250 Sachen eine Vollbremsung machen, weil vor mir plötzlich jemand ausscherte." Da fiel die Geschwindigkeit in wenigen Sekunden auf unter 90 km/h. Leicht zeitversetzt zeigte der Computer einen sprunghaften Anstieg von Guseks Herzfrequenz um etwa zehn Schläge pro Minute.

"Das ist eine Menge", sagt Lars Galley. Der Forscher blickt auf das Diagramm, das neben der Pulszunahme auch die gestiegene Muskelspannung in den Armen anzeigt. Etwa 30 Sekunden vergingen, bis sich Gusek wieder beruhigte und den Griff am Lenkrad lockerte. In derart kritischen Situationen hilft auch der Kuschelkomfort der neuen S-Klasse nicht mehr.

Frank Janssen print

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