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Autofotografie: "Bonjour PS"

Autonärrin und Lebedame Francoise Sagan verpasste der Karriere des Schweizer Fotografen Peter Vann den nötigen PS-Schub: Im TV hielt die weltbekannte Autorin von "Bonjour Tristesse" und "Lieben Sie Brahms?" Peter Vanns "Automobiles extraordinaires" als aktuelles Lieblingsbuch in die Kamera. Von da ab ging’s bergauf.

"Ein Auto als Statussymbol, das ist doch eher ein Zeichen von Charakterschwäche", behauptet ausgerechnet der Mann, der sie alle vor der Linse hatte: Peter Vann, Schweizer Automobilfotograf mit der Lizenz zum Ablichten. Die großen Autohäuser standen bei ihm Schlange: Ein Foto von Peter Vann kommt der Erhebung in den Adelsstand der Automobilklassiker gleich. Dass der Schweizer selbst auf Prunkkarossen verzichtet und einen allradtauglichen Kleinwagen fährt, spricht für seinen künstlerisch unabhängigen Geist. Wer sich jahrzehntelang mit Porsches und Ferraris beschäftigt, für den verliert der bloße Besitz der teuren Geschosse manchmal an Reiz. Sein fotografisches Werk wurde in einem Prunkband veröffentlicht. Auf 176 Seiten im Format 34 x 41 cm huldigt Vann dem Mythos Auto. Die Bücher, in einer Auflage von 1000 Exemplaren gedruckt, sind auf einer Extraseite handsigniert und nummeriert.

Der endgültige Hintergrund

Peter Vann sucht für seine Autos nach dem definitiven Background, dem stimmigen Ambiente. Sein jeweiliges Fahrzeugmodell auf eine Blümchenwiese zu stellen, war ihm nie genug. So prunkt ein schwarzer Bugatti von 1939 auf einer Weide in Connecticut vor herbstroten "Indian Summer"-Bäumen. Auch ohne verträumtes Gemüt glaubt man, den großen Gatsby im nächsten Moment um die Ecke biegen zu sehen.

Ein 37er Talbot mit ornamentalen, floralen Chromleisten, die heute wieder en vogue sind, steht exakt horizontal am unteren Bildrand vor einer bizarren Felswand an der französischen Südküste. Ein größerer Kontrast ist kaum denkbar. Aber wurden nicht diese Landschaften durch die Jahre von Wind, Wasser und Wetter ebenso bearbeitet, wie eine windschnittige Autokarosse in den Werkshallen? Beide demonstrieren Stromlinienförmiges, Organisches und behalten doch Ecken und Kanten.

Landschaft plus Auto plus Fahrerpersöhnlichkeit ist eine weiteres Genre des umtriebigen Schweizers, der in seiner Jugend eine Karriere als Rock´n Roll Star angestrebt hatte. Aufnahmen von historischem Wert sind dabei entstanden. So sieht man einen der besten Rennfahrer aller Zeiten, den Argentinier Manuel Fangio, als seriösen älteren Herren mit Seidenschal und Einstecktuch und sein Erfolgpferd, den Mercedes 300 SLR vor der argentinischen Steppe in changierenden, helldunkel verlaufenden Grüntönen. Fangio war mit dem silbernen Benz von 53 bis 57 fünfmal Weltmeister. Dass der 24 fache Formel 1 Sieger zu seinen aktiven Zeiten "el chueco", der Krummbeinige, genannt wurde, lässt sich anhand des Fotos nicht überprüfen. Peter Vann stellte ihn hüftabwärts hinter die Karosserie.

Irrsinniges Überholmanöver

Die Träume eines Zeitalters

Eine andere Leidenschaft des großen Schweizers war die Architektur. Auch sie bot ihm großartige Hintergründe, half dem fotografischen Auge, die "Sprache eines Autos in Bilder zu packen".So präsentierte er den Ferrari 512 S Modulo in einem kongenialen Ambiente, das aussieht wie das Innere des "Todessterns" aus den alten "Starwars" Folgen. Der 59er Pontiac Firebird hatte nicht nur die größten Heckflossen der Automobilgeschichte, ein zusätzlich mittig angebrachte Düsenjägerflosse vermittelt den Rausch des "ultra sonic high speed" schon im Stand. Zur Not konnte das silberne Geschoss dann auch mit 390 km/h aufwarten. Peter Vann lichtete den silbergrauen Pontiac vor einer High-Tech Fensterfront ab. Eine Dame in silbernen Strechklamotten erinnert an die Astronautenmode der frühen Sechziger.

Fotos ohne schmückendes Beiwerk sind aus der Automobilfotografie nicht wegzudenken. Auch auf den Fotos von Peter Vann posiert so manch Herr oder Dame in oder neben dem Gefährt. Sexistische Anspielungen wird man bei dem besonnenen Schweizer vergeblich suchen, bestenfalls grüßt die Hübsche, wie bei dem 93er Bugatti EB112, träge vom Rücksitz, und das, obwohl sie doch erwartungsvoll rote Autofahrerhandschuhe trägt.

Frauen sind wankelmütiger als Autos

Mit den "Damen mit den Gardemaßen" hat Vann seine Erfahrungen gemacht. Anfang der Siebziger produzierte der damals frischgebackene Fotograf einige Modestrecken. Peter Vann konnte dieser Scheinwelt nichts abgewinnen: " Ich habe mich im Modekontext nicht so wohlgefühlt, und so entdeckte ich die Autos. Die beschwerten sich nicht, wenn sie morgens um fünf Uhr aufstehen mussten."

Dabei hat Peter Vann seinen Durchbruch als Autofotograf einer weltbekannten und autoversessenen Frau zu verdanken. Der Chef von "Automobiles Classiques" bot dem Fotografen das Buchprojekt "Automobiles extraordinaires" an. Francois Sagan, Autorin mit einer Vorliebe für schnelle Flitzer und schillernde Figuren, hielt das Buch in einer französischen Fernsehsendung als ihr neues Lieblingsbuch in die Kamera. Binnen weniger Tage war die Auflage ausverkauft.

Vom Chrom zur Landschaft

Peter Vann ist nicht nur ein fotografischer Handwerker, er ist ein Künstler. Schon in seiner Jugend schrieb er Texte für seine Songs, komponierte Lieder und stand mit seiner Band in Zürich auf der Bühne. Seinem Vater ist es zu verdanken, dass aus dem Musiker ein Fotograf wurde. " Er hat mir nie etwas verboten, mir nur aufgetragen, einen richtigen Beruf zu erlernen, also hab ich Fotograf gelernt." In den Wirren der Achtundsechziger Revolution zieht es den jungen Mann nach Paris. Die Sorgen seiner Mutter kontert er mit Humor: "Mama, ein paar Leute verändern hier gerade die Gesellschaft, sonst nichts!" Als Revolutionär sah er sich dennoch nie. Auch sein internationaler Erfolg hat den Familienvater, der heute zwei Fotogalerien im Schweizer Engadin betreibt, bescheiden bleiben lassen. Staunend und selbstkritisch blickt er zurück auf sein Lebenswerk: "Ich finde es am besten, wenn man sich an nichts festhält, jedenfalls nicht an Dingen." Soviel Gelassenheit ist selten.

Von den heutigen Automobilen hält der Schweizer nicht mehr all zu viel. "Heute ist das Auto ein Gebrauchgegenstand wie Waschmittel oder eine Sonnenbrille, obwohl ja in der Werbung sehr viel über Emotionen gesprochen wird. Alles ist clean, geliftet bis zum "Gehtnichtmehr", alles ist künstlich, ich mag das definitiv nicht." Der Künstler hat sich weiterentwickelt. Peter Vann fotografiert heute Landschaften, setzt sie ebenso emotional und grafisch durchkomponiert ins Bild wie früher seine Autos. Die Freude am Neuen hat er sich trotz aller Selbstzweifel bewahrt. Als er vor kurzem eines seiner Landschaftsbilder verkaufte: "da ist mein Herz vor Freude gerast." Wahrscheinlich aufgetunt wie ein Rennwagen.

Marina Kramper

Wissenscommunity