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"Shared Space"-Projekt: Bohmte gegen den Schilderwald

Seit Mitte Mai geht man in der niedersächsischen Kleinstadt Bohmte nahe Osnabrück in einem Teil des Verkehrsraums alle Schilder beseitigt. Und das obwohl diese Straße täglich von über 12.600 Autos und Lkws befahren wird. Wie gehen die Einwohner mit der Neuerung um?

Von Matthias Lauerer

Der rote Erdbeer-Pavillon, aus dem frische Erdbeeren in zwei Kilogramm schweren Kartons verkauft werden, liegt direkt an der Bremer Straße. Von hier aus hat Nina Tieker, 20, einen guten Blick auf das Straßen-Geschehen. Der Abiturientin ist nach wenigen Wochen Beobachtung der umgebauten Straße aufgefallen, dass die Verkehrsteilnehmer auf der Straße nun deutlich "vorsichtiger fahren, als zuvor." Fünf Stunden täglich verkauft die junge Frau im Pavillon ihre Erdbeeren und arbeitet im neuen Verkehrsraum namens 'Shared Space'. Hinter dem übersetzt titulierten 'geteilten Raum' verbirgt sich die Verkehrs-planerische Überlegung, die übliche strikte Trennung von Fußgängern Pkw-und Lkw-Fahrern und Radfahrern im Verkehrsraum und auf städtischen Straßen aufzuheben. So soll ein Ort entstehen, in dem alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt handeln.

Innerhalb von nur acht Monaten baute man in Bohmte alle Ampeln und Verkehrsschilder auf der Bremer Straße zwischen der Leverner Straße bis zum 'Am Schwaken Hofe' zurück. Die Stelle galt zuvor als Unfallschwerpunkt. Selbst Bürgersteige existieren dort heute nicht mehr, da Straßenfläche und mögliche Fußgänger-Wege auf gleicher Ebene verlaufen. Weiter entfernten die Straßenbauer den ehemaligen Asphaltboden und verlegten stattdessen rote Steine. So signalisiert man allen Verkehrsteilnehmern den Beginn des 'Shared Space'.

Erhöhte Aufmerksamkeit führt zu vorsichtigem Verhalten

Erfunden wurde das Konzept von dem niederländischen Verkehrswissenschaftler Hans Mondermann. Er legt darin im Straßenverkehr den Schwerpunkt auf die "soziale Kommunikation zwischen den Menschen". Damit ließe sich ein sozialeres Miteinander schaffen, weil Rücksichtnahme für das unfallfreie Gelingen hilfreich sei. Weiter kam der Wissenschaftler zu dem Schluss, dass 'Shared Space' Entschleunigung verursacht." Denn nur wer im freien Raum auf den anderen aufpasse, verhindert Unfälle. Die erhöhte Aufmerksamkeit führt zu vorsichtigem Verhalten auf den Straßen. Weiter wollte der Forscher mit seiner Vision, die er in den 1970er Jahren entwickelte etwas gegen den sich ausbreitenden Schilderwald ausrichten. Selbst an die Mitsprache der Bürger hatte der im Januar 2008 verstorbenen Mondermann im Blick. In Bürgergruppen sollten diese sich intensiv am Umbau ihres Lebensraumes beteiligen, um so ihre Städte schöner und lebenswerter zu machen.

Also handelt im 'Shared Space' jeder Teilnehmer nach seinem Gusto, herrscht gar Anarchie im niedersächsischen Städtchen? Nein, denn immerhin zwei Regeln gelten auch im Konzept des 'Shared Space': alle Verkehrsteilnehmer bewegen sich auf der rechten Straßenseite und wer von Rechts kommt, der hat Vorfahrt.

Keine Unfälle mehr

Im September 2007 begannen die Bauarbeiten. Gute acht Monate später, am 19. Mai 2008 gab man die für 2,35 Millionen Euro umgebaute Straße für den Verkehr frei. Fast 1,17 Millionen Euro der Summe stammen aus Eigenmitteln, die fehlenden 1,18 Millionen Euro wurden aus Mitteln des EU-Förderprogramm 'Interreg 3B' aufgebracht. Dieses Programm legte die Europäische Kommission vor acht Jahren auf, um eine "harmonische und ausgewogene Entwicklung des europäischen Raumes zu fördern." Seitdem unterstützte 'Interreg 3B' 129 Projekte im Nord- und Ostseeraum. Außer Bohmte nutzen den 'Shared Space' europaweit sechs Partner. In der belgischen Stadt Oostende, den Gemeinden Haren und Emmen, der niederländischen Provinz Fryslân, dem dänischen Ejby und im englischen Ipswich brach man alte Strukturen im Straßenverkehr auf.

In Bohmte kommt der Umbau der Bremer Straße gut an. "Früher hat es auf dieser Straße oft gekracht. Nun gibt es keine Unfälle mehr", sagt der Wirtschafter des Hauses Nummer 59 an der Bremer Straße, der seinen Namen nicht verraten möchte. "Ich glaube, dass von Bohmte Impulse für die Verkehrssicherheit in Deutschland ausgehen werden", fügt er an und beschneidet mit seiner Gartenschere weiter die verblühten Rosenstauden im Vorgarten. Seine auch im Garten werkelnde Mitarbeiterin sieht den Nutzen etwas skeptischer: "Wir haben das bislang nur im Sommer erlebt. Aber wie wird das im Winter werden, wenn es nass auf der Straße ist und es schnell dunkel wird? Achten dann auch alle weiterhin auf ihre Mit-Verkehrsteilnehmer?"

Zwischenmenschliche Rücksichtnahme

Von einem weiterhin gut funktionierenden Projekt geht Sabine de Buhr-Deichsel aus: "Wir haben sehr gute Erfahrungen mit dem 'Shared Space' gemacht. Ein Gewinn an Lebensqualität für unsere Bürger, ein Gewinn an Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer und die Rückkehr zur zwischenmenschlichen Rücksichtnahme haben wir erreicht", sagt die erste Gemeinderätin. Und spricht anschließend über 41 Unfälle, die es dem vor dem Umbau im Bereich der Bremer Straße jährlich gegeben hätte. Anders klingt die Zahl für die Monate nach dem Umbau der Straße: Null Unfälle zählte man bislang. Die 46-Jährige erklärt sich das Ausbleiben der Unfälle so: "Vorher verließen sich die Menschen zu sehr auf regelnde Systeme. Dem Verkehr ist die neue Gelassenheit deutlich anzumerken."

An die gefährlichen Straßen-Verhältnissen erinnert sich auch Andrea Stubbe. Denn die Kauffrau im Einzelhandel arbeitet im Geschäft "Trendpoint Young Fashion", das an der Bremer Straße liegt: "Früher gab es zu den Stoßzeiten an den Ampeln oft lange Pkw-Rückstaus und der Verkehr verlief zähflüssiger. Selbst eine Fußgängerin fuhr ein Lkw an, der die Kurve nicht richtig nahm." Ihr Chef hatte sich wegen des Fußgänger freundlichen Umbaus positive Auswirkungen auf den Geschäfts-Umsatz erhofft. "Er wünscht sich eine höhere Kundenfrequenz." Doch ob diese bereits eingetreten ist, kann die 23-Jährige nicht sagen. Doch etwas anderes ist ihr besonders wichtig: "Heute sieht unsere Hauptstraße viel schöner aus, als vorher." Andrea Stubbe sagt es und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.
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