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Splinter: Die 700 PS-Seifenkiste

In North Carolina bastelt ein junger Designer an einem 700PS-starken Supersportwagen, der selbst dem Lamborghini Revanton das Fürchten beibringen soll. Sollte das nicht ganz hinhauen, kann man das Ding einfach verbrennen. Es ist aus Holz.

Von Helmut Werb

Früher zogen kleine Jungs ihr Holzauto an einem simplen Strick hinter sich her. Heutzutage versetzt so ein Ding den (etwas grösseren) Jungs einen gewaltigen Tritt in den Hintern. Vorausgesetzt allerdings Joe Harmon macht sein Versprechen wahr, den "Splinter" in Serie zu bauen. Was sich anhört wie ein schmerzliches Stück Holz im Stinkefinger, ist in Wirklichkeit ein 700 PS starkes Ungetüm, das den Lambos und Ferraris und Porsches dieser Welt einen gehörigen Schreck einjagen soll. Jedenfalls wenn es nach dem jungen Designer geht, der im US-Bundesstaat North Carolina seinen Renner baut. Solche Versprechungen haben schon viele gemacht, und manche haben ihr Wort sogar gehalten, was aber Joe Harmon von den vielen anderen unterscheidet, ist Holz. Der Splinter, englisch für Holzsplitter (und ganz nebenbei der Name einer Ratte, die den “Teenage Mutant Ninja Turtles” das Zuschlagen beibrachte), ist ein Supersportwagen, der fast vollständig aus dem Wald kommt.

"Im 2. Weltkrieg gab es einen Kampfflieger, den Moskito, der nur aus Holz gefertigt wurde", erklärt Mr Harmon leicht achselzuckend in seiner Garage, "und der Moskito war eines der schnellsten Flugzeuge, das damals serienmässig hergestellt wurde." Warum, so räsoniert der junge Unternehmer, soll so etwas heute nicht auch bei einem Sportwagen funktionieren. Vor etwa zwei Jahren stellte sich Joe Harmon genau diese Frage, nachdem er mehrere Bücher über die Verwendung von Holz für alle möglichen Fortbewegungsmittel gelesen hatte, unter anderem eben auch für den Bau eines Autos. Der nächste Schritt für Harmon war, die Universität von North Carolina davon zu überzeugen, den "Splinter" als Abschlussprojekt seines Studiums zuzulassen - und der Rest ist, um im Jargon zu bleiben, "history".

Einhundertundsechs Zentimeter hoch und mickrige 1134 Kilo schwer ist das hölzerne Geschoss, das aussieht wie ein Balsa-Modell auf Steroiden und das Harmon mit einem 700PS starken, Turbo-befeuerten 4,6 Liter Achtzylinder ausgestattet hat, der den geschwinden Holzklotz in grade mal drei Sekunden auf die Hundert jagt. Damit bei einer anvisierten Höchstgeschwindigkeit von knapp unter 390km/h das Laminat nicht von der Spanplatte reisst, verwendet Harmon zwanzig verschiedene - und modernste - Holz-Komposit-Werkstoffe, die mit IKEAs Billy-Regal so viel zu tun hat wie schnödes Karosserie-Blech mit High-Tech-Kohlefaser. EWir können ein unglaublich steifes Chassis bauen", behauptet unser Joe in aller Ernsthaftigkeit. "Unser Holz hat eine besseres Festigkeit-zu-Gewicht-Verhältnis als die meisten Werkstoffe, die in der Automobilindustrie heute verwendet werden."

Seit der industriellen Revolution, so fährt er unverdrossen fort, würden wir Metall mit industrieller Fertigung assoziieren, dabei habe der Werkstoff Holz - hätte man nur ähnlich viel Forschung in die Weiterentwicklung des natürlichen Materials investiert wie in Metall oder Kunststoff - ungleich grössere Vorteile als das ach-so-beliebte Stahlblech. Einer dieser Vorzüge sei die Umweltverträglichkeit. Für die Herstellung der Holzbestandteile benötigte man bei industrieller Fertigung eintausendmal weniger Energie als bei der Verwendung von Metallen, meint er und fügt hinzu: "Ausserdem ist Holz im Gegensatz zu Metall und Kunststoff ein erneuerbarer Grundstoff und voll und ganz biologisch abbaubar. "Das ist gut zu wissen, sollte einer der zukünftigen Käufer den "Splinter" zu Kleinholz fahren.

Bei den Käufern hakt es allerdings noch ein bisschen. Einen Preis nämlich, so gibt er zu, könne er beim besten Willen nicht nennen, der rasende Holzsplitter sein ein "one-off project car", eine Serienfertigung sei noch nicht mal angedacht, fahrbereit sei das Ding sowieso erst Ende dieses Jahres. Das ist auch gut so, denn trotz der revolutionären Bauweise habe sich noch kein potenzieller Käufer bei ihm gemeldet. Vielleicht wird die Markeeting-Projektion noch ein wenig rosiger, wenn Joe Harmon seinen wildgewordenen Holzscheit im August in Atlanta ausstellen wird. Auf der internationalen Möbelmesse.

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