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"Mass Effect": Masse und Klasse

Die Vorbilder sind offensichtlich: "Star Wars" und "Blade Runner" lassen grüßen. Trotz kleinerer Schwächen liefert die Space-Opera "Mass Effect" großes Sci-Fi-Kino auf der Xbox 360.

Bioware - das ist ein Name, bei dem Gamer genussvoll mit der Zunge schnalzen. Zu Recht, schließlich gelang bisher kaum einer Entwicklerfirma das Kunststück, mit jedem ihrer veröffentlichten Titel einen Klassiker zu kreieren. "Baldur's Gate", "Knights Of The Old Republic", "Jade Empire" - und nun "Mass Effect"? Die Erwartungen waren enorm, was nicht zuletzt an den beeindruckenden Vorab-Bildern des exklusiven Xbox-360-Titels lag, die zum Teil am Fotorealismus kratzten und die Frage aufwarfen, ob da etwa nachgeholfen wurde.

Zumindest das lässt sich schon nach den ersten Spielminuten mit einem klaren "Nein" beantworten. Wenn Commander Shepard - frei erstellbarer Held der Geschichte - zum Dialog mit der Raumschiff-Crew ansetzt, staunen selbst verwöhnte Next-Gen-Zocker erst einmal Bauklötze. Selten wurden Computerspiele-Figuren so lebhaft in Szene gesetzt - bei manchen außerirdischen Rassen erreicht der Detailgrad sogar fast Filmniveau.

Holpernde Grafikpracht

Dass sich der Hang zum optischen Pomp jedoch auch rächen kann, beweist die instabile Bildwiederholungsrate. Immer wieder gerät das Geschehen ins Ruckeln. Dabei greift "Mass Effect" ohnehin schon tief in die Techniktrickkiste und lädt die hochauflösenden Texturen nach und nach in den Speicher der Xbox 360. Die Folge: Die volle Grafikpracht entfaltet sich schrittweise - was vor allem in den Zwischensequenzen für ein wenig Ernüchterung sorgt.

"Mass Effect" ist trotz ellenlanger Gesprächmarathons ein actionlastiges Rollenspiel, das in seiner Spielmechanik dem Quasi-Vorgänger "Knights of The Old Republic" frappierend ähnelt - nur eben ohne "Star Wars"-Thematik. Die Geschichte, die hier in gut 35 Stunden erzählt wird, ist jedoch nicht minder episch. Unheilvolles braut sich in der Galaxie zusammen - und ausgerechnet ein Mensch, nicht gerade die angesehenste Rasse im "Mass Effect"-Universum, soll die Dinge wieder ins Lot bringen. Im Auftrag des Galaktischen Citadell-Rates reist Shepard zum Planeten Eden Prime, um dort ein uraltes Artefakt zu untersuchen. Doch kaum dort angekommen, eskaliert die Situation. Böse Überraschungen und abrupte Storywendungen gehören fortan zu Shepards ständigen Begleitern - von den eigenen Teammitgliedern einmal abgesehen.

Sechs Charaktere schließen sich ihm während des Sternentrips an, nur zwei sind jedoch stets an seiner Seite. Wer das ist, bestimmt der Spieler, die Steuerung übernimmt der Computer. Dennoch können einfache Befehle wie "Deckung suchen" oder Richtungsanweisungen erteilt werden. Leider bleiben die Mitstreiter des Öfteren an Hindernissen hängen oder rennen wie aufgescheuchte Hühner durch feindliches Kreuzfeuer.

Zum Glück arbeitet das Navigationssystem der "Normandy" zuverlässiger. Mit dem schicken Raumschiff steuert der Spieler während seiner Nachforschungen über 100 Planeten an, wenngleich die meisten nur Kulisse für einen orbitalen Anrufbeantworter sind. Lediglich auf zwei Dutzend Welten lässt es sich auch landen, wobei größere Distanzen mit dem Schützenpanzer "Mako" zurückgelegt werden.

Bionik-Fähigkeiten und jede Menge Waffen

Außerhalb des Vehikels sind Shepard und seine Kollegen auf sich gestellt, dürfen aber auf ein gewaltiges Arsenal von upgradefähigen Waffen und sogenannten Bionik-Fähigkeiten zurückgreifen. Das Kampfsystem von "Mass Effect" orientiert sich deutlich an Taktik-Shootern wie "Ghost Recon: Advanced Warfighter", lässt den Charakterwerten aber noch genügend Einfluss. Durch das Sammeln von Erfahrungspunkten steigen Shepard und Co. im Level auf und bauen so ihre Talente aus.

Schweigen die Waffen, wird geredet. Ziemlich viel sogar, aber das auf Kinoniveau. Darüber hinaus wurden die Gespräche - und hier punktet "Mass Effect" auf ganzer Linie - auf eine erfrischende Art und Weise neu konzipiert. Befindet sich Shepard im Dialog, werden statt des genauen Satzlauts lediglich "gefühlsbetonte" Richtungen angezeigt. Ob Shepard dabei auf Kuschelkurs geht, um an wichtige Informationen zu gelangen, oder den harten Space-Cowboy gibt, hat mitunter weitreichende Folgen.

"Mass Effect" begeistert von der ersten Sekunde an mit einer intensiven Atmosphäre. Die virtuelle Space-Opera wirkt wie eine gelungene Mischung aus "Star Wars" und "Blade Runner" - vor allem musikalisch wurde von Ridley Scotts Klassiker gnadenlos abgekupfert. Die Synthie-Sounds mögen zwar auf den ersten Blick nicht mehr zeitgemäß wirken, passen aber perfekt zum Geschehen.

Mass Effect

Hersteller/Vertrieb

Bioware/Microsoft

Genre

Rollenspiel

Plattform

Xbox 360

Preis

ca. 60 Euro

Altersfreigabe

ab 16 Jahren

Fazit: Die erhoffte Offenbarung ist "Mass Effect" am Ende doch nicht geworden. In puncto Umfang kann es mit Konkurrenten wie "Oblivion" bei Weitem nicht mithalten. Auch an der Steuerung, der Künstlichen Intelligenz und der Technik darf noch gefeilt werden. Dafür hat Bioware allerdings die nächsten Jahre genügend Zeit - "Mass Effect" ist schließlich auf eine Trilogie ausgelegt.

Michael De Meyer/Teleschau / TELESCHAU
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