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"Mord im Orient Express": Wegdämmern im Bummelzug

Mit "Mord im Orient Express" wagt sich AWE Games an die Spielumsetzung von Agatha Christies berühmtesten Thriller heran und macht mutig auch noch Sidney Lumets Verfilmung Konkurrenz.

Es ist die Standard-Konstellation bei Agatha Christie: Eine kleine Gruppe mondäner Schickimickis kommt an einem Ort zusammen, ein Mord geschieht und jeder der Überlebenden hätte ein Motiv für die Tat. Bei "Mord im Orient Express", dem bekanntesten Fall des scharfsinnigen Schnüfflers mit dem belgischen Schurrbart, ist es nicht anders. Fans angestaubter Kriminalliteratur und der genialen Kinoversion des Stoffs wissen natürlich schon, wie das Abenteuer endet. Doch AWE Games hat das Finale der Vorlage noch um ein paar Elemente erweitert. Ob man das als gelungen empfindet, bleibt Geschmacksache.

Der Spieler löst den Mordfall im Zug von Istanbul nach Paris nicht als Hercule Poirot, der ja wegen einer Verletzung in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Stattdessen nimmt man als Antoinette Marceau, ihres Zeichens Bahnangestellte und Hobby-Detektivin, die Ermittlungen auf. Bevor es jedoch zum Mord kommt, muss die Dame ein wenig steif über den Istanbuler Bahnhof staksen, in banalen Worten die einmalige Architektur bewundern und so aufregende Rätsel lösen wie den Schirm der Prinzessin Dragomiroff hinter einer Ziege finden. Erst im späteren Spielverlauf wird's kniffliger, wollen Schuhabdrücke mit Kuchenteig und Eis genommen und Strom durch eine Schüssel mit Orangensaft gejagt werden.

"Agatha Christie: Mord im Orient Express"

Hersteller/Vertrieb

AWE Games/CDV

Genre

Adventure

Plattform

PC

Preis

zirka 40 Euro

Altersfreigabe

ab 6 Jahren

Alles wie im Film

Die Umgebung präsentiert AWE Games dabei mit viel Liebe zum Detail, während die Charaktere eher wie Knetgummi-Männchen wirken und sich auch so bewegen. Wer das Buch oder den Film kennt, ist mit den Personen trotzdem sofort vertraut - der eiskalte Schurke Ratchett, sein beflissener, aber frustrierter Sekretär Hector, die religiöse Miss Ohlsson. Selbst die Dialoge lehnen sich teilweise eng an den Kinostreifen an.

Apropos Dialoge: Antoinette muss nicht nur an den Kabinentüren des Schlafwagenabteils lauschen, sondern auch die Zugpassagiere ausführlich befragen. Leider hat man als Spieler dabei trotz Multiple-Choice keine echte Wahl: Die einzelnen Fragen werden einfach abgearbeitet und führen linear immer zum selben Ergebnis - sobald man das System erkannt hat, klickt man sich eher gelangweilt durch die Liste und sucht sich den kürzesten Weg durch die stellenweise recht belanglosen Konversationen.

Klassischer Spielablauf

Bis auf wenige Ausflüge nach draußen - um beispielsweise am Belgrader Bahnhof Speck für den Koch zu besorgen - spielt sich "Mord im Orient Express" tatsächlich in den Abteilen der Zugwagons ab. Trotzdem legt Antoinette beim Hin und Her mit dem Sammeln von Beweisen und Indizien etliche Kilometer zu Fuß zurück. Was sie per Point&Click findet, legt sie in ihrem Inventar ab, das so umständlich ist wie Miss Ohlsson: Wer Gegenstände miteinander kombinieren will, muss dazu erst in einen entsprechenden Unterordner wechseln.

Die Fin-des-Siecle-Atmosphäre der Vorlage hat AWE Games im Spiel stilsicher getroffen - einer der großen Pluspunkte dieses ansonsten eher biederen Adventures. Die Soundkulisse ist mit den wenigen Zuggeräuschen vielleicht etwas sparsam ausgefallen, und die Sprecher der deutschen Version machen keinen allzu motivierten Eindruck.

Fazit

"Mord im Orient Express" dürfte Gelegenheitsspieler begeistern, die die Buch- oder Kinovorlage einmal am PC "nachspielen" möchten. Adventure-Profis haben sowohl in Sachen Präsentation als auch in puncto Puzzle-Qualität schon Besseres gesehen. Sie sollten lieber zu aktuellen Genre-Highlights wie "Geheimakte Tunguska" greifen.

Herbert Aichinger/Teleschau / TELESCHAU
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