Ist das wirklich die Wahrheit …? Diese Frage stellen wir uns dank der Flut an KI-Videos und Fake-News immer häufiger. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu kämpft nun mit einer ganz eigenen Variante der digitalen Verschwörungstheorien: Das Netz möchte ihm einfach nicht abnehmen, dass er noch am Leben ist. Seine Lebenszeichen werden von Skeptikern als Fakes abgelehnt.
Angefangen hatte alles mit einer Pressekonferenz am Freitag. Rasant machten Ausschnitte aus dem Livestream in den sozialen Netzwerken die Runde. Der Verdacht: Netanjahus rechte Hand solle in einem kurzen Moment plötzlich sechs Finger gehabt haben – ein bekannter Fehler KI-betriebener Bild- und Videogenerierung. Vielen Menschen reichte das offenbar als Beweis aus: Israels Premierminister müsse durch einen iranischen Raketenschlag getötet und durch einen KI-Klon ersetzt worden sein.
Netanjahu in der KI-Falle
Was zunächst ziemlich absurd klingt, zeigt ein sehr reales Problem in einer Welt, die immer häufiger von Nichtrealem durchdrungen wird. Wenn Bilder und auch Videos von KIs mit wenigen Klicks erstellt werden können und Politiker, Prominente und jeder andere Mensch beliebig in jede noch so abwegige Situation geschnitten werden können – was soll man dann noch glauben? Und wie kann man sich wehren, wenn diese vermeintlichen Beweisvideos und die durch sie verdrehten „Tatsachen“ erst einmal in der Welt sind?
Genau damit hadert jetzt auch Netanjahu. Dabei ist die Szene mit dem angeblichen sechsten Finger sehr leicht mit Lichteinfall oder einem Kompressionsartefakt zu erklären, wie jeder sie von Internetvideos kennt. Außerdem gibt es neben dem „Finger“ keine Hinweise, dass der Stream mit KI-Unterstützung bearbeitet wurde, wie „Snopes“ und „Politifact“ herausgearbeitet haben. Zumal aktuell keiner der bekannten KI-Videodienste 40-minütige Clips und erst recht keine Livestreams erstellen kann.
Wie beweist man, dass man nicht tot ist?
Benjamin Netanjahu selbst versuchte seither bereits, seine Lebendigkeit zu beweisen. Auf dem Kurznachrichtendienst „X“ postete er einen Clip aus einem Café, in dem er demonstrativ nacheinander beide Hände in die Kamera hält und dazu auffordert, seine Finger zu zählen. Auch dieser Clip ging viral. Und wurde – wen wundert es – rasch ebenfalls als angebliches KI-Fake „entlarvt“.
Dieses Mal geht es jedoch nicht um die Anzahl der Finger. Der Kaffeebecher sei zu voll, um ihn so schwungvoll zu bewegen, auch nach einem Schluck sei er noch bis zum Rand gefüllt, spekuliert ein Nutzer. Ein anderer entdeckte, dass das Kassensystem ein Datum aus 2024 anzeigt. Selbst der Griff des Premiers um den Pappbecher wurde bis ins Detail analysiert. „Das ist jetzt die Bestätigung“, wird der Clip vom Lebenszeichen zum Beweis für den Tod Netanjahus umgedeutet.
Vor allem beweist der Clip aber eines: Ob etwas wirklich passiert ist oder nicht – das wird man künftig nicht mehr mit einem Videoclip als Beweis belegen können.
Krieg der KI-Fakes
Und das ist gerade in der aktuellen Situation eine furchterregende Erkenntnis. Der Irankrieg ist der erste globale Konflikt, der von einer wahren Flut an KI-Videos begleitet wird. Unzählige Clips von Raketen, die in Dubai einschlugen, weinenden Kindern und Explosionen wurden im Nachhinein als Fakes überführt. Allerdings in der Regel erst, nachdem ein großer Teil der Zuschauer schon darauf hereingefallen war.
Nach den Erkenntnissen einer aktuellen Studie ist es hauptsächlich der Iran, der auf KI-Videos setzt, um sich stärker erscheinen zu lassen. US-Präsident Donald Trump warnte auf einem Post bei „Truth Social“ bereits davor, dass „KI eine weitere Desinformations-Waffe“ geworden sei, die der Iran für sich nutzen würde. Auch gegenüber der Presse betonte Trump: „KI kann sehr gefährlich sein.“ Man müsse damit vorsichtig sein, betonte er.
Als Vorbild taugt Trump allerdings nur im negativen Sinne. Der Präsident und das Weiße Haus posteten in den vergangenen Monaten immer wieder Videos, die ihre Gegner mit KI-Hilfe verunglimpften. Einer der Clips ging selbst für Trumps Verhältnisse zu weit. Das Video, in dem sein Amtsvorgänger Barack Obama und dessen Frau Michelle als Schimpansen gezeigt wurden, zog Trump nach viel Gegenwind zurück. Entschuldigen wollte Trump sich für den Post aber nicht. „Ich habe keinen Fehler gemacht“, betonte er.
Quellen: Pressekonferenz, X, Truth Social, Studie