"Siedler"-Produzent Benedikt Grindel Hoher Wuselfaktor


Vom Fremdenführer und Zauberer zum Produzenten von Deutschlands erfolgreichster Computerspielereihe "Die Siedler". Benedikt Grindel bringt die Menschen gerne zum Staunen - nicht nur mit seinem Lebenslauf.
Von Nina Ernst

Benedikt Grindels Lebenslauf erinnert an das Kursangebot der Volkshochschule. High School in Minnesota, Studium der algebraischen Zahlentheorie und Nebenjobs als Fremdenführer, Anzeigensetzer und Zauberer. Später wird er Marketingmitarbeiter eines französischen Teppichbodenherstellers. Ein roter Faden ist nicht erkennbar. Außer dem, dass dieser Mensch ständig Neues ausprobiert und andere gerne zum Staunen bringt.

Inzwischen ist der vielseitig interessierte Düsseldorfer in der Computerspielebranche gelandet. Als Produzent beim Entwickler Blue Byte. Dort entstehen die meisten Computerspiele der Reihe "Die Siedler". Mit über sechs Millionen verkauften Exemplaren ist die Strategieserie die bestverkaufte PC-Spielereihe Deutschlands. Fast jeder Deutsche kennt die kleinen Männchen, die auf dem Bildschirm mit viel Liebe zum Detail mittelalterliche Städte bauen, Rohstoffe heranschaffen und ihrem Handwerk nachgehen. Der Spieler muss Städte planen, Produktionsketten optimieren und seine Siedler mit Seife, Kleidung und Tavernen beglücken.

"It's wuselig"

"Wuselig" nennen Hersteller und Fans das Treiben auf dem Bildschirm. Sogar die englischsprachigen Kollegen und Geschäftspartner sagen "It's wuselig", weil sie kein eigenes Wort für die geschäftigen Männchen haben. Der Begriff "Wuselfaktor" ist zum Synonym für die Serie geworden und könnte ebenso gut für Benedikt Grindels Leben stehen, in dem ständig so viel passiert.

Während er seine Freizeit mit zahlreichen Hobbys, Sport und Reisen verbringt, kümmert er sich im Job ähnlich wie ein Filmproduzent um Organisation und Abläufe der Siedler-Entwicklung. Darum, dass alle Hand in Hand arbeiten und rechtzeitig fertig werden. "Das ist eine sehr schöne Arbeit. Auch, weil es manchmal frustrierend sein kann", sagt der 39-Jährige. Schön, weil er mit vielen kreativen Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen zusammenarbeitet. Frustrierend, weil es auch hier wuselig zugeht und jeder seinen Bereich optimieren will. Während die Grafiker sich hübsche Umgebungen voller Details wünschen, wollen die Programmierer weniger Pracht, da diese Rechenleistung kostet. Grindel muss abwägen und einen Spagat zwischen Möglichem und Nötigem machen. Hat alles endlich funktioniert, ist die Freude umso größer: "Die Leute spielen in ihrer Freizeit unser Spiel, um Spaß zu haben, obwohl sie etwas anderes machen könnten. Das ist ein schönes Gefühl".

Im Moment arbeitet Grindel als Berater für "Die Siedler: Aufbruch der Kulturen", das auf dem Spielprinzip des Klassikers "Die Siedler II" beruht und vom Studio Funatics entwickelt wird. Außerdem arbeitet er an einem Projekt, das noch geheim gehalten wird. Wenn er nicht gerade Probleme löst, berät und Produktionspläne bearbeitet, besucht Grindel Siedler-Fan-Treffen oder Foren im Internet und hört sich die Wünsche der Fans an. Und die wissen meist genau, was sie wollen: möglichst wenig Neuerungen. Ihr Lieblingsspiel soll so bleiben, wie es ist. Andererseits müssen die Entwickler Neues bieten, um am Ball zu bleiben und neue Käufer zu gewinnen. Wieder ein Spagat.

Ein deutsches Phänomen

Die Siedler sind ein deutsches Phänomen. Über 80 Prozent der verkauften Spiele sind über deutsche Ladentheken gegangen. Auf dem internationalen Markt gibt es kaum vergleichbare Games. Grindel glaubt, dass der hohe Beliebtheitsgrad hierzulande nicht nur daher kommt, dass es sich um eines der wenigen deutschen Produkte handelt: "Es ist einfach ein sehr deutsches Thema, ein Wirtschaftssystem aufzubauen." Auch die sprichwörtliche Schaffe-Schaffe-Häusle-Baue-Mentalität und die Liebe der Deutschen für strategische Brett- und Kartenspiele kurbeln seiner Meinung nach den Erfolg der Siedler an.

Die Serie hat mit 30 Prozent einen ungewohnt hohen Anteil an weiblichen Spielern. "Das liegt daran, dass es hier trotz Kampf darum geht, etwas aufzubauen statt zu zerstören", sagt Grindel. Außerdem glaubt er, dass Frauen sehr empfänglich für das Visuelle sind. Beim Zoomen in das Wuseln der Männchen gibt es viele Details zu entdecken. Man kann die Bewohner beim Fegen des Hofs, bei der Arbeit oder beim Feiern beobachten.

Grindels Lieblingssiedler ist der Gaukler. Dem fühlt er sich durch seine Nebentätigkeit verbunden: der Zauberei. Der Produzent zeigt seine Kunststücke auf Feiern und Kleinkunstbühnen und sitzt im Juli in der Jury der Deutschen Meisterschaften der Zauberkunst. "Wie viele Jungs habe auch ich damit angefangen, weil man dadurch etwas Besonderes ist", sagt Grindel. Nur hat er im Gegensatz zu vielen anderen Kindern nie damit aufgehört. Er hat andere Zauberer kennen gelernt, ist zu Kongressen auf der ganzen Welt gereist und hat schließlich den Schritt auf die Bühne gewagt. "Ich mag es, etwas zusammen mit dem Publikum zu machen. Zusammen mit anderen zu staunen", sagt Grindel.

Länder erschaffen statt bereisen

An seinen ersten Job in der Spieleindustrie ist Grindel 1998 durch Zufall gekommen. Der begeisterte Spieler hat eine Stellenanzeige gelesen und sich beworben. Bei Blue Byte arbeitet der langjährige Siedler-Fan nun schon sieben Jahre. Eigentlich wäre er gerne Reiseveranstalter geworden. Reisen sind seine große Leidenschaft. Immer ist er derjenige, der alles organisiert, wenn es privat oder beruflich auf Reisen geht.

Nun überwacht Grindel den Designprozess von virtuellen, exotischen Ländern. "Auch die Siedler reisen gerne. Das liegt aber nicht an mir", sagt Grindel. "Die Reise der Siedler ist noch nicht zu Ende." Grindel möchte sich noch nicht verabschieden, auch wenn der umtriebige Düsseldorfer nicht für immer den Siedlern treu bleiben will. Er möchte "das Potenzial der letzten Teile weiter ausschöpfen" und noch ein Spiel abliefern, das seiner Meinung nach perfekt ist. Dann geht es auf neue Reisen.


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