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"The Lost Crown": Geister haben keine Eile

Nichts für schwache Nerven: Im Point&Click-Adventure "The Lost Crown" von Jonathan Boakes und Darkling Room untersucht der Spieler paranormale Phänomene und kommt dabei gruseligen Geheimnissen auf die Spur.

Man sollte seine Nase eben nicht in Dinge stecken, die einen nichts angehen: Nigel Danvers schnüffelt in brisanten Daten seines Arbeitgebers Hadden herum, wird prompt dabei erwischt und muss sich aus dem Staub machen. Dazu steigt er in den erstbesten Zug, den er kriegen kann und landet in dem verschlafenen englischen Kaff Saxton, direkt an der Nordseeküste. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - welch ein Kontrast zur Hektik der Großstadt: Mürrische Einheimische geben nur widerwillig Auskunft und ergehen sich gerne in rätselhaften Andeutungen. Danvers kommt in einem verfallenen Cottage unter - mehr Müllhalde als Wohnung und furchteinflößend obendrein.

Alljährlich im Frühjahr fallen die Fremden in Saxton ein - Schatzsucher, die in der Umgebung wertvolle, von den Wellen der Nordsee angeschwemmte Beute machen wollen. Darunter auch die geheimnisvolle Krone eines mittelalterlichen angelsächsischen Königs. Doch als Nigel plötzlich einer vollständigen Geisterjägerausrüstung mit Nachtsichtkamera, Diktafon und Messgerät zur Aufzeichnung elektromagnetischer Schwingungen habhaft wird, offenbaren sich ihm noch aufwühlendere Geheimnisse des trostlosen Ortes.

Der Einstieg ins Abenteuer verwundert zunächst: Die Grafik ist bis auf wenige Farbakzente komplett in Schwarz-Weiß gehalten, was die düstere Thematik eindrucksvoll unterstreicht. Eine Geduldsprobe für gehetzte Stadtmenschen hingegen stellen die ebenso unbeholfenen wie unglaublich langsamen Animationen der Charaktere dar. Nigel bewegt sich stets im Schneckentempo über den Bildschirm, rennen kann er nicht, nur gelegentlich darf man per Mausklick gleich in den nächsten Bildschirm springen. Auf eine Hotspot-Anzeige wurde komplett verzichtet. Zuweilen reagiert die Maussteuerung auch etwas ungenau und löst zunächst nicht die beabsichtigte Aktion aus - nervig!

Wer mit dem gemächlichen Erzähltempo von "The Lost Crown" zurechtkommt, erlebt im Folgenden jedoch eine spannende, vielschichtige Geschichte, in der man sich durch eine Vielzahl intelligenter und logischer Puzzles knobeln darf. Die unvermeidlichen Zahlenrätsel gehören ebenso dazu wie das Kombinieren von Gegenständen aus dem Inventar oder das Auswerten aufgefundener Schriftstücke und Tondokumente. Besonders interessant (und gänsehautfördernd) wird es natürlich, wenn Nigel die Schauplätze mit der Nachtsichtkamera in Augenschein nimmt oder per Tonbandgerät Stimmen aus dem Jenseits einfängt. All dies fügt sich perfekt in die Handlung ein, auf plumpe Schockeffekte wird in "The Lost Crown" erfreulicherweise völlig verzichtet.

The Lost Crown

Hersteller/Vertrieb

Darkling Room/dtp entertainment

Genre

Adventure

Plattform

PC

Preis

ca. 30 Euro

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Insgesamt hinterlässt "The Lost Crown" einen zwiespältigen Eindruck: Durch die packende Atmosphäre der Story, die stimmungsvolle Grafik samt eindringlicher Klangkulisse und passabler Spachausgabe hebt sich das Spiel positiv von Mainstream-Adventures ab. Weniger überzeugen kann die kaum mehr zeitgemäße technische Umsetzung mit ihren deutlichen Mängeln. Wer jedoch Grusel-Spannung mit Tiefgang mehr schätzt als hochglanzpoliertes Blendwerk, wird an "The Lost Crown" für mehr als 30 Stunden seine morbide Freude haben.

Herbert Aichinger/Teleschau / TELESCHAU
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