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"The Witcher": Jenseits von Gut und Böse

Alles vergessen? Keine Ahnung, wohin die Reise gehen soll? Keine Sorge. So geht es auch Geralt, dem Helden des Atari-Rollenspiels "The Witcher". Und es ist überaus spannend, nach und nach herauszufinden, was dem Recken alles widerfahren ist ...

Beim hochdramatischen, ungeheuer effektvoll in Szene gesetzten Intro klappt dem Rollenspieler zunächst mal die Kinnlade runter: rasante Kamerafahrten, schnelle Schnitte, ein vom unheilschwangeren Dröhnen der Pauken beherrschter Monumentalfilm-Soundtrack - das alles erinnert an Hollywood. Bei all dem Gedöns vergisst man jedoch glatt, den roten Story-Faden zu suchen, der hinter der ausufernden Bilderflut steckt. Das macht nichts - denn auch während der ersten Stunden des Spiels teilt man das Schicksal des Helden Geralt, der aus noch unbekannten Gründen sein Gedächtnis verloren hat: Man tastet sich durch die düstere Fantasy-Welt von Kaer Morhen und versucht, den großen Zusammenhang zwischen den disparaten Handlungs- und Dialogfetzen zu ergründen. In dieser Phase ist es ganz gut, dass "The Witcher" dem Spieler keine uneingeschränkte Bewegungsfreiheit zugesteht, sondern ihn in recht engen Bahnen durch das Geschehen lenkt.

Es ist ein langer Weg, bis sich schließlich alle Story-Elemente zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen. Geralt legt dabei lange Fußmärsche zurück, auf denen er sich mit viel kampfeslustigem Gesocks herumschlagen muss. Dabei geht es hart zur Sache - mitunter rollen sogar Köpfe. Das Point&Click-Kampfsystem versucht dabei, mit schnellem, starkem und gruppenorientiertem Kampfstil etwas Taktik ins Gemetzel zu bringen. Theoretisch kommt es dabei auf gutes Timing an, doch die träge Steuerung macht diesem Ansatz immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Meist ist Geralt mit Stahl- oder Silberschwert und Dolch zugange - Waffenvielfalt spielt genauso wie Magie eine untergeordnete Rolle. Zwischen den kräftezehrenden Schlachten entspannt sich der Held dann in den Betten der holden Damenwelt und lässt dabei nichts anbrennen. Kein Wunder, dass der Hexer-Mär die Jugendfreigabe versagt blieb.

"The Witcher" teilt die Welt nicht einfach nur in Gut und Böse. Hier hat jeder irgendwie Dreck am Stecken. Auch der Protagonist ist nicht von Edelmut getrieben, sondern erweist sich als kalt berechnender Söldner, der schon mal Kohle für eine gute Tat sehen will. Immer wieder gilt es auch, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Egal, ob dabei Altruismus oder Eigennutz siegen, die Auswirkungen zeigen sich oft erst viel später und bringen nicht immer das erwartete Ergebnis. "The Witcher" präsentiert eine Welt, die vor allem eines ist: unberechenbar.

Die Grafik vermittelt diese Atmosphäre mit bedrohlich ausgeleuchteten Schauplätzen sehr gekonnt - wenn man über die stets gleichen Möbel-Versatzstücke in den Räumen und über die mangelnde Physiognomien-Vielfalt beim übrigen Polygon-Volk hinwegsieht. Was einen aber vor allem immer wieder aus dem Hexer-Traum reißt, sind die langen Ladezeiten bei Szenenwechseln sowie die haarsträubende Unübersichtlichkeit von Fertigkeitenbaum und Inventar. Vieles wurde unnötig umständlich gelöst - oder warum muss Geralt erst neben einem Feuer meditieren, um als Alchemist einen Trank mixen zu können?

The Witcher

Hersteller/Vertrieb

CD Projekt/Atari

Genre

Rollenspiel

Plattform

PC

Preis

ca. 50 Euro

Altersfreigabe

ab 18 Jahren

Für die ganze Grafikpracht erfordert "The Witcher" satte zwei Gigabyte RAM und eine flotte Grafikkarte, wenn es richtig Spaß machen soll. Auch nach dem ersten Patch, der bereits rund 200 (!) Grafik-, Bedienungs-, Logik- und Sound-Bugs ausmerzte, ist das Spiel immer noch fehlerbehaftet und stürzt gelegentlich komplett ab. Schnell wird klar: Nach vier Jahren Entwicklungszeit wollte Atari wohl nicht länger warten und warf das Spiel voreilig zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt. Doch trotz all der unbestreitbaren Schwächen in Design und Technik ist "The Witcher" ein stimmungsvolles Rollenspiel geworden, das den Spieler nach einem spröden Einstieg durchaus vereinnahmt. Der ganz große Wurf ist es allerdings nicht geworden.

Herbert Aichinger/Teleschau / TELESCHAU
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