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"Thief: Deadly Shadows": Alte Diebe rosten nicht

Mit "Thief: Deadly Shadows" kehrt Meisterdieb Garrett zu seinem dritten Schleich-Abenteuer zurück. Grafik und Story sind so gelungen, dass einem die paar Designmängel gestohlen bleiben können.

Was für eine Nacht: Ein laues Lüftchen weht, die Grillen zirpen, und flackernde Fackeln tauchen die Straßen der Stadt in ein sanftes Licht. Alles scheint friedlich an einem Ort, wo Ordnungshüter und Passanten sich noch freundlich "Gute Nacht" sagen. Doch während die einen sich um ihren knurrenden Magen sorgen und die anderen frische Luft schnappen, schnappt sich ein dritter heimlich ihre Geldbeutel. Langfingerlegende Garrett ist zurück – und fest entschlossen, für seine Nachtarbeitszuschläge notfalls selbst zu sorgen.

"Thief: Deadly Shadows", der dritte Teil der Schleichsaga um einen Meisterdieb, ist keine Rückkehr mit Paukenschlag. Trotz verbesserter Grafik, einer tollen Geschichte und mehr Bewegungsfreiheit haben die Spielentwickler bei vielen kleineren Veränderungen nicht unbedingt ein glückliches Händchen bewiesen. Doch vielleicht passt ein leises Comeback ohne Sensationen am besten zu dem berufsbedingten Heimlichtuer, und wahrscheinlich ließen vier Jahre Wartezeit die Erwartungen der Fangemeinde sowieso in unerreichbare Höhen klimmen.

Das Ende ist nah - die Feinde auch

Garrett jedenfalls schleicht, unbeeindruckt von alten Geschichten und somit auch für Neueinsteiger nachvollziehbar, erneut durch seine düstere Mittelalterwelt. Eigentlich will der Gute nur seine Ruhe - und den einen oder anderen Wertgegenstand, der ihm ins Auge und wenig später in die Hände fällt. Und wie es sich für einen Helden wider Willen gehört, landet er unversehens - mal wieder - im Mittelpunkt einer Verschwörung. Am Anfang steht eine einfache Bitte der mysteriösen Hüter, heimliche Herren der Stadt und Garretts ehemalige Ausbilder: Junge, besorge uns einige Artefakte und verhindere das Zeitalter der Dunkelheit - so oder ähnlich waren ihre Worte. Doch mit seiner unkonventionellen Art, Besorgungen zu machen, zieht Garrett - mal wieder - die Aufmerksamkeit von Hammeriten und Heiden auf sich. Erstere, fanatische Industrialisierungsfreaks, hämmern Ungläubigen ihre Weltsicht zur Not auch handfest und vor allem tödlich ein. Die heidnischen Grünpflanzenfans hingegen setzen in Sachen Missionierung auf grimmige Golems, mutierte Ratten und blutige Rituale in den Höhlen unter der Stadt. Die Aufmerksamkeit dieser verfeindeten Lager bezahlt Garrett entweder mit der Erledigung kleinerer Aufträge oder mit seinem Leben. Egal was er tut: Irgendjemand wird es ihm verdammt übel nehmen. Aus dem intrigenreichen Machtkampf der drei Parteien spinnt sich ein Netz, das auch Garretts geschickte Finger zittern lassen dürfte.

Schleichen, schauen, klauen

Die auffälligste Veränderung im Spielgeschehen ist Garretts neue Bewegungsfreiheit: Zwischen den Missionen ist es nicht nur möglich, sondern sogar notwendig, ausgiebig ins Stadtleben einzutauchen. Denn nur in den verwinkelten Gassen kann Diebesbeute in bare Münze und diese wiederum in notwendige Ausrüstungsgegenstände umgesetzt werden. Außerdem gilt es, beim Belauschen braver Bürger wertvolle Informationen zu ergattern - sei es zur eigenen prekären Lage oder zu lohnenden Minimissionen am Rande. Ein Wohltäter wie unser Meisterdieb kann zudem nicht umhin, Passanten von der Last all zu schwerer Geldbeutel zu befreien oder tätig auf die Gefahren schlecht gesicherter Haustüren hinzuweisen - frei nach dem Motto: Es gibt viel zu sehen, packen wir's ein. Nur die Ordnungshüter wissen diese Konkurrenz gar nicht zu schätzen und reagieren auf Garretts Anblick dementsprechend angriffslustig.

Thief: Deadly Shadows

Hersteller/Vertrieb

Ion Storm/Eidos Interactive

Genre

Action-Adventure

Plattform

PC, Xbox

Preis

45 Euro (PC), 55 Euro (Xbox)

Altersfreigabe

ab 12 Jahren

Offizielle Website

Thief3.com

Im Verlauf des Spiels erschließen sich immer mehr Stadtteile. Mit einem sollte der Spieler beim Gang durch die Stadt aber von vornherein gerüstet sein: Geduld. Die Karte ist in viele einzeln zu ladende Zonen unterteilt, die man am ungesund aussehenden blauen Nebel und beträchtlichen Wartezeiten erkennt. Auch innerhalb der Missionen tauchen solche Übergänge auf - praktisch für den, der sich gerade einen Kaffee holen wollte, nervig für den Rest und auf jeden Fall ein Stimmungskiller. Ein Jammer, denn die Hauptmissionen sind vielfältig, spannend und voll düsterer Bedrohungen (auch die beliebten Zombies dürfen wieder mitspielen). Gruseliger Höhepunkt ist ein Abenteuer in einem ehemaligen Waisenhaus, das zwischenzeitlich als Irrenanstalt diente - wer sich hier nicht zitternd an der Tastatur festhält, ist ein Tageslichtspieler.

"Thief: Deadly Shadows" ist ein Spiel, mit dem man sich die Nächte um die Ohren schlagen kann. Es bietet nicht nur um die 20 Stunden Spielvergnügen, es wirkt auch erst bei minimaler Lichtzufuhr richtig gut. In Garretts Welt ist es so dunkel, als hätten die Götter das Licht ausgeknipst. Fackeln, Kerzen, Kaminfeuer und Öllampen schaffen wunderschöne Licht- und Schatteneffekte. Bewegt man sich unachtsam vor eine Lichtquelle, so lehrt der eigene Schatten an der nächsten Wand schnell das Fürchten. Hat man auf diese Weise die Wachen auf sich aufmerksam gemacht, so hat man sogar Grund zur Furcht. Denn Garrett ist vieles, nur kein Actionheld. Knüppel und Dolch taugen nicht für den direkten Kampf, sondern nur für einen Überraschungsangriff von hinten, der besser gut gezielt sein sollte. Mehr Möglichkeiten bietet der Griff zum Bogen und ins große Pfeilsortiment: Neben gewöhnlichen Breitkopfpfeilen verfügt Garrett über Moospfeile für gedämpfte Schritte (und interessante asthmatische Reaktionen bei den Wachen), Gaspfeile für den leisen und Feuerpfeile für den etwas lauteren Tod sowie Wasserpfeile, die Fackeln löschen und eventuelle Blutlachen beseitigen können.

Bloß nicht erwischen lassen

Das kann hilfreich sein - je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad bemerken die Wachen verdächtige Spuren, fehlende Kameraden und geöffnete Türen. Sie reagieren darauf mit dem Ruf nach Verstärkung und eifriger Suche nach dem Übeltäter. Dieser sollte sich in einer dunklen Ecke verkriechen oder das Weite suchen. Die Lust am Stöbern verlieren die bösen Jungs schon von alleine und oft recht schnell. Gut gelungen sind die gegnerischen Unterhaltungen während der Fahndung. Ein "Ich sehe dich auf der Treppe, Feigling" oder "Hinter dieser Kiste muss er stecken" können beim ertappten Spieler zum unwillkürlichen Zusammenzucken vor dem Monitor führen.

Licht und Schatten

Wirklich genießen kann das jedoch nur, wer der englischen Sprache mächtig ist. Eine deutsche Synchronisation wurde dem Diebesabenteuer nicht spendiert, und die Untertitel bewegen sich teils quälend langsam. Ob die kurz nach Erscheinen des Spiels gestartete Online-Petition für eine eingedeutschte Version Erfolg haben wird, darf bezweifelt werden. Ansonsten ist die Geräuschkulisse der mittelalterlichen Stadt sehr anheimelnd und der Sound insgesamt ein großer Pluspunkt des Spiels. Grafisch weisen die Texturen weniger Fehler und mehr Details als in den Vorgängern auf, und die Physik-Engine lässt dem unvorsichtigen Schleicher das eine oder andere Hindernis realistisch vor die Füße poltern. Dass betäubte Gegner sich teilweise in abenteuerlichen Verrenkungen gen Boden beugen und alle Figuren dazu neigen, an Hindernissen wie Mauervorsprüngen oder Straßenlampen hängen zu bleiben, ist manchmal ärgerlich, meist jedoch unfreiwillig komisch. Wie in anderen Spielen schon längst üblich, kann Garrett nun auch aus der Verfolgerperspektive gesteuert werden. Dieb-Veteranen belächeln diese Möglichkeit, ungefährdet um Ecken zu spähen und die Entfernung zum nächsten greifbaren Geldbeutel besser abschätzen zu können. Doch Neueinsteigern wird es die nächtliche Arbeit erleichtern.

Eines jedoch muss jeden Spieler mit Entsetzen erfüllen: das neue Optionsmenü. Schon die Farbgebung in völlig unpassendem Discoblau lässt einen denken, man sei im falschen Spiel. Karten und Aufgaben sind in Untermenüs versteckt, die Liste der Speicherplätze ist unübersichtlich, die Schriftgröße wirkt wie aus einem Lesebuch für Erstklässler, das Scrolling ist unkomfortabel und die Aufreihung der Aufgaben wird lang und länger, weil nicht einmal erledigte Nebenquesten aus der Sammlung verschwinden. Kurz: Beim Anblick des Menüs möchte man sich am liebsten unter Garretts Kapuze verkriechen.

Glücklicherweise bietet "Thief - Deadly Shadows" eine so mitreißende Geschichte und so viel Spannung, dass die Versuchung groß ist, es in einem Rutsch durchzuspielen. Lauscht man dann noch seinen Auftraggebern aufmerksam und behält den Überblick über seine Ausrüstung, so muss man das Menü nicht allzu häufig öffnen. Die meisterlichen Leistungen Garretts als Langfinger und Spielgefährte kann es nur wenig trüben.

Claudia Fudeus
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