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Sturm "Sandy": New Yorks Horrornacht

Die Bewohner von Big Apple hatten gehofft, "Sandy" erweise sich wie "Irene" als Lüftchen. Dieses Mal haben sie sich verrechnet. Ein Bericht aus der Stadt, die einen Albtraum erlebt.

Von Martin Knobbe, New York City

Um 20.37 Uhr wird es richtig ernst im East Village. Ein großer Blitz, ein dumpfer Knall, dann ist es dunkel. Das kleine Elektrizitätswerk an der 14. Straße bricht zusammen. Später ist von einer Explosion die Rede. Von der Avenue B blinkt es nur blau und rot, die Polizei auf Patrouille, eine knatternde Durchsage mahnt: Bleiben Sie in den Häusern! Der Stromausfall währt die ganze Nacht.

Dann kommt sie, die Flut. Vom East River her plätschert das Wasser die 6. Straße entlang, aus den Gullis drücken kleine Fontänen nach oben. Die Nachbarn aus dem Untergeschoss klopfen, man möge bitte nicht mehr die Toilette benutzen, ihr Apartment stehe unter Wasser, die Kloschüssel laufe schon über.

Die New Yorker wollten es nicht glauben ...

Zwei Stunden ist es her, dass im benachbarten Community-Garden ein großer Baum umgefallen ist, hoch wie das Gebäude, an dem er stand, war er gewesen, fünf Stockwerke. Nun liegt er da, die mächtige Wurzel ragt empor. Der Stamm erdrückt die Beete, welche die Nachbarn den Sommer über gehegt und gepflegt hatten. Es ist nur ein trauriges Symbol für die Kraft, die "Sandy" am Ende entfaltet, als er mit 130 Kilometern in der Stunde die Stadt trifft. New York, die ewig Unruhige, wird am Abend vom Sturm zum völligen Stillstand gezwungen.

Die New Yorker wollten es ja nicht recht glauben, als Bürgermeister Michael Bloomberg die Tage zuvor notorisch mahnte, das Naturereignis ja ernst zu nehmen. Zu stark war noch die Erinnerung an den August vergangenen Jahres, als die Offiziellen große Panik vor Hurrikan "Irene" verbreiteten, der in der Stadt am Ende doch nur als strenges Lüftchen ankam. Warum sollte es mit "Sandy" anders sein?

Stunden vor dem Sturm freuen sich die meisten vor allem über einen zusätzlichen Urlaubstag. Fast alle Geschäfte und Büros bleiben geschlossen. Wie soll man auch zur Arbeit kommen ohne U-Bahn oder Bus? Selbst die meisten Taxifahrer hatten beschlossen, lieber zu Hause zu bleiben. Dafür lädt man zum gemeinsamen DVD-Nachmittag, der neu eröffnete Croissant-Shop an der Avenue A macht den Rekordumsatz seiner noch jungen Existenz, im Internet kursieren To-do-Listen für den drohenden Ausnahmezustand: "Kaufe eine Flasche Wodka. Kaufe reichlich Zigarettenvorrat. Klage lauthals." In den wenigen Supermärkten, die noch geöffnet hatten, bilden sich lange Schlangen. New York erlebt nicht nur hier ein großes Happening der Nachbarschaft.

Alle Tunnels und Brücken gesperrt

Von Stunde zu Stunde nimmt die Intensität des Sturms zu. Am späten Nachmittag sperrt die Polizei den Franklin D. Roosevelt East River Drive, die autobahnähnliche Schnellstraße am East River, die Wellen schwappen schon über die neu gebaute Promenade. Die Anwohner der angrenzenden Sozialwohnungen drehen mit dem iPhone noch eben Videos zum Andenken an diesen Monstersturm, manche setzen sich zum Schutz vor herumfliegenden Teilen einfach ihren Fahrradhelm auf. In der 57. Straße bricht an der Spitze eines neu gebauten Wolkenkratzers der Arm eines Krans ab und baumelt nun über der Straße. Die umliegenden Gebäude werden evakuiert, auch ein komplettes Hotel. Um 19 Uhr werden alle Tunnels und Brücken gesperrt. Zu der Zeit ist der Lincoln-Tunnel die einzige Verbindung von der Insel Manhattan zum Festland nach New Jersey.

Im Fernsehen sind die ersten Flutbilder zu sehen, aus Long Island, dem Rockaway Beach, Red Hook in Brooklyn, dort, wo auch Ikea residiert, und aus der Casino-Stadt Atlantic City. Stunden später, als die Dunkelheit über Manhattan hereinbricht, wird das Herz der Stadt getroffen. An den Straßen nahe des Hudson und des East River stehen plötzlich Autos halb unter Wasser. Die Baustelle am 9/11-Memorial, dort, wo der neue World-Trade-Center-Turm entsteht, läuft voller Wasser, genauso wie zahlreiche U-Bahn-Schächte.

Behörden haben aus "Irene"-Panne gelernt

Menschen mit schnell gepackten Rucksäcken irren umher, die hektisch ins Handy sprechen, manchmal auf der Suche nach einer Notunterkunft bei Freunden oder Verwandten. In den 24-Stunden-Shops stellen Mitarbeiter Kerzen auf, die Kühlschränke tropfen, Wechselgeld gibt es keines, die Banken hatten ja zu. Im ganzen südlichen Manhattan fällt der Strom aus.

Die Behörden sind dieses Mal bestens vorbereitet, hatten sie doch aus dem Versagen von vor zwei Jahren gelernt, als sie von einem Schneesturm kurz nach Heiligabend völlig überrascht worden waren. Die Stadt war damals für zwei Tage stillgelegt, so lange, bis endlich alle Schneeräumarbeiten organisiert waren. Diesmal wurden die flutgefährdeten Gebiete frühzeitig evakuiert, Bürgermeister und Gouverneur hielten eine Pressekonferenz nach der anderen ab. Radio- und Fernsehmoderatoren predigten unisono Verhaltensregeln: Nur nach draußen gehen, wenn unbedingt nötig. Taschenlampen und Kerzen bereithalten. Wasser abfüllen, für den Fall, dass die Pumpen ausfallen.

Doch offenbar erreichten die Mahnungen nicht jeden. Bis Mitternacht meldet Gouverneur Andrew Cuomo fünf Tote im Bundesstaat New York.