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Analyse

Tim Cook bei Apple: Zu viel Buchhalter

Stagnierende iPhone-Verkäufe, sinkende Kurse - und das nächste große Ding ist nicht zu sehen: Die Kritik an Apple-Chef Tim Cook wird immer lauter. Ist er noch der Richtige für den Chefposten des wertvollsten Konzerns der Welt?

Die Kritik an Apple-Chef Tim Cook wächst

Die Kritik an Apple-Chef Tim Cook wächst

Jahrelang ging es für Apple nur in eine Richtung: steil nach oben. Ein Rekord folgte dem nächsten. Die sensationelle Börsenrallye verdankt der Konzern im Wesentlichen einem Produkt, dem iPhone. Doch jetzt wurde Apple Opfer seines eigenen Erfolgs: Weil mittlerweile zwei Drittel des Umsatzes auf das iPhone entfallen, dessen Nachfrage aber allmählich nachlässt, musste Apple vor Kurzem den ersten Umsatzrückgang in einem Quartal seit 13 Jahren verkünden. Damit nahm die Erfolgsgeschichte ein jähes Ende. Seitdem befindet sich Aktie im freien Fall, die Börse straft den Konzern aus Cupertino ab.

Kritik an Tim Cook wächst

An einer Person entlädt sich der Unmut: Apple-Chef Tim Cook. Immer mehr Kritiker wagen sich aus der Deckung, einer der lautesten ist derzeit Chamath Palihapitiya, Chef des Wagnisfinanzierers Social Capital. Er bezeichnete den Apple-Chef als "lebende Schlaftablette". Der Investor Jeff Macke nannte Cooks Auftritt in der Finanzsendung "Mad Money", bei der Cook um Schadensbegrenzung bemüht war, "verzweifelt". Sein Fazit: "Cook sollte ohne ein neues Produkt nicht ins Fernsehen." Andere fordern bereits offen eine neue Nummer eins.

Vor allem eine Sache fliegt Cook um die Ohren: Immer wieder heizt er die Erwartungen an, ohne zu liefern. 2014 sprach er in einem Fernsehinterview davon, Apple arbeite an Produkten, "über die noch nicht einmal spekuliert wird". Doch ganz so revolutionär waren die folgenden Geräte dann doch nicht: Das iPhone und iPad wurden größer, der Apple TV wurde aufgemotzt, der Streamingdienst Apple Music konnte noch nicht wie erhofft zünden, und bei der Apple Watch befindet sich der Konzern laut Cook selbst noch in der Lernphase.

Vor einigen Tagen versprach Cook wieder Dinge, "ohne die Menschen nicht mehr leben können, aber heute noch nicht wissen, dass es sie gibt" (2016). Doch die Börse lässt sich davon offenbar nicht mehr einlullen. Der Kurs gab auch am Freitag nach.

Buchhalter statt Visionär

Dass die Kritik Tim Cook trifft, ist wenig überraschend. Als er im Sommer 2011 den Chefposten von Apple-Visionär Steve Jobs übernahm, spürte er den Gegenwind zum ersten Mal. Schon damals hieß es, für eine Lifestyle-Marke sei er zu wenig Rampensau und zu sehr Buchhalter. Das weiß auch Cook, auf Produktvorstellungen überlässt er deshalb extrovertierteren Apple-Managern wie Eddy Cue, Craig Federighi oder Phil Schiller die Bühne. Die Visionen überlässt Cook lieber anderen, etwa Design-Chef Jony Ive, der seit 1992 bei Apple arbeitet und für legendäre Produkte wie den ersten iMac oder das iPhone verantwortlich war.

Stattdessen konzentriert sich Cook darauf, den Konzern nach seinen Vorstellungen umzubauen. Er wechselte Teile des Führungsteams, veränderte die Strukturen. Er optimiert lieber Zulieferketten und treibt das China-Geschäft voran. Zudem gibt er sich menschennah: Er reiste in die Werkstätten nach China, in denen die iPhones zusammengeschraubt werden, und engagiert sich für Menschenrechte und Umweltschutz. Damit punktet er bei den Kunden, nicht aber bei den Anlegern.

Cook und die Innovationen

Steve Jobs mag als Chef deutlich ruppiger gewesen sein, doch ihm gelang es immer wieder, revolutionäre neue Produkte auf den Markt zu bringen. Cook dagegen ist kein Tüftler und Querdenker. Er muss in seinem fünften Jahr als Apple-Chef erst noch beweisen, dass er einen Markt aus eigener Kraft umkrempeln kann. Und glaubt man der Gerüchteküche, wird das nächste große Ding - das Apple Car - noch eine Weile auf sich warten lassen.

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Was meinen Sie: Ist Tim Cook der richtige Apple-Chef?

Fragt sich bloß, ob Apple mit jemand anderem an der Spitze - etwa Elon Musk, dem Enfant terrible des Silicon Valley - in einer besseren Position wäre. Denn ein Wurf wie das iPhone gelang im vergangenen Jahrzehnt keiner anderen Firma. Und auch Tesla verbrennt bislang nur jede Menge Geld. Elon Musk mag zwar von der Marsbesiedlung träumen, doch er schafft es bislang noch nicht einmal, profitable Autos zu verkaufen.

Apple schwimmt im Geld

Aller Kritik zum Trotz: Sorgen machen muss sich Tim Cook nicht. Objektiv betrachtet läuft es für Apple immer noch rund. Zuletzt vermeldete man 50 Milliarden US-Dollar Umsatz und 10 Milliarden Gewinn - und das in nur drei Monaten. Der Geldspeicher platzt mit satten 233 Milliarden Dollar Barreserven aus allen Nähten. Nach solchen Zahlen würden sich andere Konzerne die Finger lecken.

Doch Apple spielt längst in einer anderen Liga und muss sich an seinen eigenen Ansprüchen messen lassen. Es wird also höchste Zeit, dass Tim Cook seine Versprechen einhält.

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