Cloud Computing "Drei Bildschirme und eine Wolke"

Nach dem Marktstart von Windows 7 widmet sich Microsoft nun verstärkt dem Hype-Thema Cloud Computing. Auf einer Entwicklerkonferenz wurde dafür die Plattform Azure ausführlich vorgestellt. Größte Überraschung: Microsoft macht gemeinsame Sache mit Open-Source-Entwicklern.

Vor einem Monat hat Microsoft sein neues Windows vorgestellt. Verpackt im Pappkarton und installiert auf dem PC steht Windows 7 für das traditionelle Software-Konzept. In dieser Woche nun forciert der Marktführer den Aufbruch in neue Welten. Eine bis Donnerstag dauernde Entwicklerkonferenz in Los Angeles steht ganz im Zeichen von Windows Azure, dem ersten Betriebssystem von Microsoft für das "Cloud Computing". "Drei Bildschirme und eine Wolke" - unter dieses Motto stellte der "Chief Software Architect" von Microsoft, Ray Ozzie, in seiner Eröffnungsrede die Informationstechnik der Zukunft. Die drei Bildschirme stehen für den PC, das Handy und den Fernseher. Die Wolke (englisch: Cloud) ist das allgegenwärtige Netz von Servern, Rechenzentren und Internet-Diensten, bei denen man nicht so recht weiß, an welchem Ort sich diese gerade befinden.

Und genau das macht viele misstrauisch, wenn es um wichtige Daten geht. Das Cloud Computing verspricht zwar Kosteneinsparungen von 30 bis 90 Prozent, weil die Ausgaben für Anschaffung und Wartung der Hardware entfallen. Aber kann man wirklich mit gutem Gewissen sensible Daten einem IT-Dienstleister überlassen?

Windows Azure im Zentrum

Der bei Microsoft für Plattformstrategien zuständige Manager Timothy O'Brien betont, dass dies jeder selbst entscheiden müsse. "Unsere Strategie besteht darin, dass unsere Kunden die Wahl haben sollen, wo ihre Anwendungen laufen", sagt O'Brien im. Er erwartet keinen Exodus der Software von PC und Server ins Internet, sondern eher einen Trend zu "Hybrid-Lösungen": Bei Datenbanken bedeutet das etwa, dass sensible Firmendaten auf dem Server des Unternehmens liegen. Um alle anderen Daten kann sich "SQL Azure" kümmern, die Microsoft-Datenbank in der Cloud.

Bislang waren in der IT-Branche meist andere Namen im Gespräch, wenn es ums Cloud Computing ging: Amazon.com bei der Bereitstellung von Hardware-Ressourcen und Google bei Software. Auf seiner "Professional Developers Conference" (PDC) in Los Angeles ergreift Microsoft jetzt aber die Flucht nach vorn. Ray Ozzie und der Chef des Server-Geschäftsbereichs, Bob Muglia, stellten eine Fülle von neuen Cloud-Projekten vor.

Im Zentrum steht Windows Azure, eine Plattform, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Dienste anbietet - nicht nur die von Microsoft. Für einiges Aufsehen in der Entwickler-Community sorgte zur Eröffnung der Konferenz die Mitteilung, dass dazu auch Techniken gehören, die man bislang in keiner Weise mit Microsoft in Verbindung gebracht hat: Die Skriptsprache PHP, die Open-Source-Datenbank MySQL und die Server-Software Apache.

"Da gibt es noch ein riesiges Potenzial"

Diese drei IT-Dienste sind zum Teil erfolgreicher als entsprechende Angebote von Microsoft, weil sie nicht nur kostenlos verfügbar, sondern aufgrund der Mitarbeit von zahllosen Freiwilligen auch immer besser geworden sind. Auf der Auftaktveranstaltung der Entwicklerkonferenz trat überraschend der Mitbegründer des weit verbreiteten Blog-Systems WordPress, Matt Mullenweg, auf und erklärte, wie Wordpress mit SQL Azure betrieben werden kann. Mit der Unterstützung der Open-Source-Techniken wolle Microsoft denjenigen Programmierern entgegenkommen, die bislang nicht die Entwicklungsangebote des Marktführers wie Visual Studio genutzt hätten, erklärte O'Brien.

"Wir befinden uns noch ganz am Anfang des Cloud Computings", sagte Ozzie. "Da gibt es noch ein riesiges Potenzial." Das neue Modell verspreche neben geringeren Kosten auch mehr Effizienz und ständige Verfügbarkeit. In den USA kann die von Microsoft in eigenen Rechenzentren eingerichtete Azure-Plattform ab sofort genutzt werden. Europa und Asien sollen nach Angaben Muglias mit Beginn des neuen Jahres folgen. Zu den ersten Kunden gehört T-Systems mit einer als Stromboxx bezeichneten Lösung für Stromabrechnung und Gerätesteuerung bei Unternehmen.

Für die Entwickler von Cloud-Anwendungen hat Microsoft einen Online-Marktplatz mit der Bezeichnung PinPoint eingerichtet, zusammen mit einem Datendienst mit dem Codenamen "Dallas". Die Entwickler können wählen, ob sie ihre Programme, Dienste und Daten in Rechenzentren in Chicago, San Antonio, Dublin, Amsterdam, Singapur oder Hongkong bereitstellen.

Wer heute Datendienste nutzt, greift bereits ständig auf solche Cloud-Angebote zu. "Viele nutzen sie, ohne sich das bewusstzumachen", erklärt O'Brien und nennt als Beispiele E-Mail und Terminplanung im Web sowie Musik- und Video-Portale. "Man kann sich eigentlich kaum noch Software vorstellen, die die Cloud nicht einbezieht."

Peter Zschunke/AP AP

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