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Computerspiel: "In Memoriam" - Gedenkwürdige Killerhatz

Der interaktive Thriller "In Memoriam" ist eines der ungewöhnlichsten Spiele des Jahres. Die Suche nach zwei Vermissten, die von einem Serienkiller verschleppt wurden, wartet mit vielen Rätseln auf - und schleicht sich in den Alltag des Spielers.

Wo sind Jack und Karen? Seit Monaten sind der Journalist Jack Lorski und seine Partnerin Karen Gijman verschwunden. Lorskis Arbeitgeber, die Agentur SKL Network, ist höchst besorgt: Der Pole und die Niederländerin verfolgten eine Riesenstory, eine lebensgefährliche Riesenstory: Einem Serienkiller waren sie auf die Spur gekommen, hatten sich ihm immer weiter genähert. Und dann, im Februar, brach plötzlich der Kontakt ab. Dass das Schlimmste eingetreten war, wurde spätestens dann deutlich, als bei SKL Network eine CD-ROM eintrudelte. Erstellt von einem Menschen, der sich "Phönix" nennt und seine beiden Verfolger offensichtlich in seiner Gewalt hat. Um sie zu retten, muss die mit Rätseln gespickte CD-ROM "geknackt" werden. In der Agentur hat das bis jetzt niemand geschafft, deshalb ist jeder Helfer willkommen. Helfer wie die Spieler des interaktiven Thrillers "In Memoriam".

In Memoriam

Hersteller/Vertrieb

Lexis Numérique/ Ubisoft

Genre

Adventure

Plattform

PC/Mac, mit Internetzugang

Altersfreigabe

ab 16

Preis

ca. 45 Euro

Der Spieler bleibt er selbst

Seit "Das Schweigen der Lämmer" und "Sieben" wissen wir: Serienkiller spielen gern, spielen mit der Polizei, spielen mit ihren Opfern. "Warum nicht auch gegen Computerspieler?", dachte sich der französische Autor und Regisseur Eric Viennot und entwickelte mit "In Memoriam" eines der ungewöhnlichsten PC-Games des Jahres. Denn man taucht nicht ein eine künstliche Welt, in der man eine Rolle spielt. "In Memoriam" kommt zum Spieler, schleicht sich in seinen Alltag, bezieht den Menschen, der vor dem PC sitzt, als solchen in das Geschehen ein.

Einem kranken Hirn entsprungen

Der Spieler steigt ein in das Geschehen bei der bereits erwähnten Veröffentlichung der "Phönix"-CD durch SKL Netzwork (in der Realität liegt diese CD in der Verpackung des Spiels). Auf dem Datenträger hat der offensichtlich ebenso kluge wie irre "Phönix" das Videotagebuch, das Jack und Karen während ihrer Recherchen geführt haben, in kleinen Häppchen versteckt. Um an diese heranzukommen und so ihre Recherchen nachzuvollziehen, gilt es, Rätsel zu lösen und Geschicklichkeits- (und manchmal auch Gedulds-)proben zu bestehen. Alle Aufgaben sind sehr bizarr und optisch und akustisch so abgefahren gestaltet, dass die Illusion, sie seien von einem irren Killer entworfen worden, überzeugend erzeugt wird.

Und plötzlich schickt das Spiel eine Mail...

So weit, so gut, so üblich für Vertreter des Adventure-Genres. Ungewöhnlich wird "In Memoriam" durch die Einbeziehung des Internets in den Spielablauf. Wer bei der Suche Jack und Karen mithelfen will, muss sich mit einem Nicknamen und einer E-Mail-Adresse registrieren lassen und einen Online-Zugang (der nicht die ganze Zeit aktiv sein muss) zur Verfügung haben. Mitgefangen, mitgehangen: Der Spieler bekommt nun Mails: von der Agentur, die Informationen über den Fall und Beweismaterialien im Internet zur Verfügung stellt; von unbekannten Helfern ("Ich habe Deinen Namen in der SKL-Datenbank gefunden. Ich kann Dir helfen…"), die wichtige Tipps geben. So werden die Spannung und das Interesse an der Geschichte auch aufrechterhalten, wenn man gerade nicht spielt. Es ist faszinierend und angenehm gruselig, zwischen seinen privaten Mails eine Nachricht zu finden, die sinngemäß besagt: "Für das Rätsel X solltest Du unbedingt das Tool benutzen, das ich dir neulich geschickt habe." Fehlt nur noch ein "Du lahmer Sack". Einen Anschiss von einem PC-Spiel zu kassieren, das gar nicht läuft - das hat schon was.

Such, Maschine, such!

Ebenso wichtig wie die E-Mail-Kommunikation ist für die Lösung von "In Memoriam" die Recherche im Internet, viele Aufgaben von "Phönix" lassen sich nur über eine beherzte Google-Suche lösen. Wobei es sich tatsächlich um die echte Suchmaschine handelt und nicht um eine Imitation, die innerhalb des Spiels stattfindet. Rund 300 Websites wurden für "In Memoriam" ins Netz gestellt, von der herrlich dilettantischen Homepage einer Hobby-Archäologin bis zur Internetpräsenz eines Forschungsinstituts, auf der man sich sogar den mehrseitigen Antrag für ein Stipendium herunterladen kann. Und häufig finden sich die Antworten auch auf Webseiten, die eigentlich gar nichts mit dem Spiel zu tun haben.

"In Memoriam"-Schöpfer Eric Viennot, der bereits auf eine lange Karriere als anerkannter Multimedia-Künstler zurückblicken kann, wollte "eine neue Form des Erzählens entwickeln, die die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit verwischt". "In Memoriam" ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Und trotz aller hoch trabenden Ambitionen ist es auch einfach eine spannende, technisch gut gemachte Crime-Story, die das alte Detektivspiel-Gen aktiviert.

Ralf Sander
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