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Computersucht: Raus aus der Traumwelt

Das "Wichernhaus" bietet als erstes Kinderkurheim eine Therapie für computersüchtige Kids an. Sie lernen dort, ihren Medienkonsum zu kontrollieren. Gestritten wird allerdings, ob es sich wirklich um eine Sucht handelt.

Stundenlang sitzen sie vor dem Computer, spielen, surfen im Internet, vergessen Freunde, Eltern, Schule. Nebenher wird geknabbert, Chips, Schokolade, oder das Essen gerät gänzlich ins Abseits. "Zu Hause hab ich jeden Nachmittag am PC gespielt und abends ferngesehen", erzählt ein 13-Jähriger. Sport, Hobbys? "Keine Zeit, keine Lust." Die "Traumwelt" auf dem Bildschirm fesselte ihn, verdrängte Sorgen, wurde zum wichtigsten "Kommunikationspartner". Als erstes deutsches Kinderkurheim sucht das "Wichernhaus" im mecklenburgischen Ostseebad Boltenhagen einen Ausweg für Jugendliche aus dem Teufelskreis der Mediensucht.

Bisher wird diese Art der Abhängigkeit nicht von den Kassen als Krankheit anerkannt. Lediglich Therapien der gesundheitlichen Folgen wie extremes Über- oder auch Untergewicht, Haltungsschäden, Ängste, Schlaf- und Konzentrationsstörungen würden bezahlt, erklärt Ute Garnew, Geschäftsführerin der Evangelischen Kur- und Erholungsstätten Boltenhagen. Das "Wichernhaus", das seit eineinhalb Jahren spezielle Kuren für medienabhängige Kids durchführt, erarbeitet mit der Berliner Charité eine Studie zur "exzessiven Nutzung elektronischer Medien". Die Ergebnisse sollen im Sommer 2005 vorliegen.

Ist es Sucht oder nicht?

Geklärt werden müsse, ob "Computer-Kids" auch im medizinischen Sinne süchtig sind, sagt Psychologin Simone Trautsch. Bei fast jedem zehnten bisher befragten Kind sei ein "exzessives Computerspielverhalten" festzustellen, Fernsehen scheine eine Art "Einstiegsdroge" zu sein. "Es ist erstaunlich, wie gut Kinderzimmer bereits von Zwölfjährigen ausgestattet sind", sagt die Psychotherapeutin und rät den Eltern zu klaren Absprachen. 80 Prozent etwa hätten bereits einen Computer und 40 bis 60 Prozent einen eigenen Fernseher.

Viele Parallelen habe sie zu Essstörungen gefunden, erklärt Simone Trautsch. Dazu zählten Kontrollverlust, Dosis-Steigerung, Vereinsamung wie auch der Therapie-Ansatz, dass Abstinenz nicht möglich und Heilung nur durch bewussten Umgang mit der "Droge" zu erreichen sei. "Elektronische Medien gehören wie das Essen nun mal zum Leben dazu." Abhängige Kinder seien oft sehr begabt und kreativ und in ihrem Medienwissen weiter als die eigenen Eltern, so Trautsch. "Die Vorbildrolle kippt. Ein Novum, das neue Antworten der Gesellschaft verlangt", fordern die Therapeuten und Pädagogen aus Boltenhagen.

Die Therapie: Bewegung und bewusstes Essen

Die Therapie im "Wichernhaus": Viel Sport, Spiel und Spaß, Sauna und Strandläufe, dazu Kochen und gesundes, regelmäßiges Essen, was dem Gewicht zugute kommt und neue Lebensmuster trainiert. Projektarbeit wie Holz- und Gartenarbeit, Tanz oder Theater ist Pflicht, um "verschüttete" Begabungen aufzudecken. Ziel sei es, das Selbstwertgefühl der Kinder zu steigern, erklärt Ute Garnew. Und da Verbote nichts bringen: Einen Computer gibt es auch, aber nur für E- Mails und Hausaufgaben maximal eine halbe Stunde täglich. Der Fernseher steht im Schrank, und der wird nur für "kontrollierbare" Videos aufgeschlossen.

Ringen um Anerkennung

"Ohne die Eltern geht nichts", wissen die Experten. Diese werden in der vierten Kurwoche einbezogen. Nach Boltenhagen kommen Kinder aus der gesamten Bundesrepublik, Anfragen gibt es bereits aus der Schweiz, aus Schweden, Frankreich und den USA. Die Kosten pro Tag liegen bei 54 Euro. Doch wegen der restriktiven Haltung der Krankenkassen sei das einmalige Kurhaus mit 60 Therapieplätzen im Schnitt nur zur Hälfte ausgelastet, kritisiert Geschäftsführerin Garnew. Für die Zukunft setzt sie auf neue Erkenntnisse der Wissenschaft und die Anerkennung der Medienabhängigkeit von Kindern als Krankheit.

Grit Büttner, DPA / DPA
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