HOME

Gregor Gysi: Politik. Macht. Einsam.

Er erlitt drei Herzinfarkte, seine Ehe zerbrach, seine Partei liegt in Trümmern, Freunde haben ihn verlassen. Gregor Gysi hat sein Leben der Linken geopfert - und es damit ruiniert.

Von Jens König

Gregor Gysi balanciert zwei Teller mit gefüllten Paprikaschoten durch die Luft. "Gucken Sie mal, was ich Leckeres für Sie gekocht habe", säuselt er. Der Tisch ist gedeckt, eine Kerze brennt, ein romantisches Dinner für zwei.

"Stopp!", ruft ein Mann aus dem Hintergrund. Die Fernsehkamera läuft noch nicht. "Das Ganze noch mal von vorn, bitte." Gysi trägt die Teller ein zweites Mal herein. Er lässt sich nichts anmerken. Er ist zu Gast bei Inka Bause. "Drei Wünsche frei" heißt die Sendung, sie läuft im Sonntagnachmittagsprogramm des MDR. An diesem Dienstag wird sie im Studio 3 der Media City in Leipzig aufgezeichnet.

"Hhm, lecker, Frau Bause, das habe ich extra für Sie gekocht", sagt Gysi. Die Paprikaschoten kommen aus der Kantine, den Tisch musste er selbst decken.
Bause guckt irritiert. "Herr Gysi, wo ist die weiße Tischdecke?"
"Brauchen wir nicht."
"Na klar, weiße Tischdecken beim Dinner werden überschätzt", sagt Bause spitz.

Gregor Gysi, 64, Rechtsanwalt, weltläufiger Fraktionschef der Linken, selbst ernannter Rächer der Geknechteten und Erniedrigten - ihm macht es nichts aus, in der Kulisse dieser hirnlosen Fernsehshow von rechts nach links geschubst zu werden. Er genießt es. Für anderthalb Stunden darf er die Hauptrolle spielen, wieder mal. Gysi soll zehn Wünsche aufschreiben, doch er schafft nur drei. Die restlichen sieben steckt ihm ein Redakteur schnell noch zu. Jetzt überreicht er Inka Bause wie ein kleiner Junge einen Wunschzettel nach dem anderen. "Ich möchte gern alle Fremdsprachen dieser Welt beherrschen", liest sie von einem der Zettel ab.
"Warum das denn?"
"Überall, wo ich hinkäme, nach Ägypten, nach China, würden mich die Leute verstehen", sagt er. "Ich könnte mit allen reden."

Typisch Gysi. Er würde gern die ganze Welt vollquatschen. Stille kann er nicht ertragen. Überall wo er hinkommt, versucht er, die Leute zum Lachen zu bringen. Er kann einfach nicht aufhören damit, er ist süchtig nach Applaus, wie ein Junkie, der an der Nadel hängt. In der Linken diskutieren sie gerade, wer sie als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl 2013 führen soll. Gysi tut so, als überlege er noch, in Wahrheit hat er sich bereits entschieden: Er wird antreten. Er macht weiter, immer weiter. Solange die Musik spielt, tanzt Gysi auf der Bühne.

Vielleicht liegt es daran, dass Gregor Gysi seit Dezember 1989, als er in der DDR durch einen historischen Zufall in die Politik gespült wurde, immer und immer wieder kämpfen musste, allein gegen alle, der kleine, clevere Anwalt des Ostens gegen den großen, übermächtigen Westen. Gysi ist gehasst, angegriffen und bei öffentlichen Auftritten bespuckt worden: als Retter der SED, als Linker, als Jude, als angeblicher Stasi-IM. So einer sehnt sich irgendwann danach, von den Leuten geliebt zu werden.

Diese Sucht hat von Gysi Besitz ergriffen. Sie ruiniert sein Leben. Das Politische und das Private sind da längst nicht mehr voneinander zu trennen. Gysi hat drei Herzinfarkte, einen Hörsturz und eine schwere Gehirnoperation hinter sich. Er ist mehrfach knapp am Tod vorbeigeschlittert. Seine Frau hat ihn verlassen, vor zwei Jahren zog sie mit der gemeinsamen Tochter Anna aus. Viele seiner Freunde fühlen sich von ihm im Stich gelassen. Mit Oskar Lafontaine, seinem einstigen Verbündeten, hat er sich überworfen. Sein Traum von einer gesamtdeutschen Linkspartei liegt in Trümmern.

Gysi ist wie der Mann, der zum Psychiater kommt und sagt, er sei erschöpft und traurig. Der Psychiater rät ihm, in den Zirkus zu gehen, sich einen Clown anzugucken. Lachen mache gesund. Das könne er nicht, sagt der Mann. Warum?, fragt der Psychiater. Der Mann: "Ich bin der Clown."

Vor vier Monaten hielt Gregor Gysi auf dem Parteitag der Linken in Göttingen eine große, ernste Rede. Er warf seiner Partei einen pathologischen Hang zur Selbstzerstörung vor, er sprach von "Hass" und einer "verkorksten Ehe". Nie zuvor hatte ein Parteioder Fraktionschef den Zustand seines eigenen Ladens so schonungslos offengelegt. Es sah aus, als könnte Gysi auf seine alten Tage sich doch noch in einen ernsthaften Politiker verwandeln, der die Gräben in seiner Partei nicht mit Ironie zuzuschütten versucht. Genau das ist seit Jahren ja der Gysi-Style: die Konflikte der Linken charmant und geistreich erklären, sie aber nicht lösen zu können.

Gysi ist nach der strengen Rede jedoch schnell in seine alte Rolle zurückgefallen. Er schlägt sich schon wieder mit Witzen durchs Leben. Er reist mit ihnen im Gepäck durchs Land, sieben Tage die Woche, rastlos, allein in seinem silberfarbenen Audi, begleitet nur von seinem Fahrer. Am Tag der Deutschen Einheit spricht er in Brackenheim, Baden-Württemberg. Der Saal ist rappelvoll. Gysi eröffnet mit den Worten: "Also, wenn ich am 3. Oktober frei hätte und der Gysi käme, ich wüsste was Besseres, als dahinzulatschen."

Gysi besucht Atommülllager in Niedersachsen, Wirtschaftstagungen in Berlin, Antinazitreffs in Sachsen, sitzt heute bei Markus Lanz, morgen bei Anne Will und übermorgen bei Kurt Krömer. Manchmal hat er vier Auftritte an einem Tag. Er gibt vor, die Linkspartei retten zu wollen, ist aber stets auch in eigener Sache unterwegs: Mit dem irren Pensum betäubt er seinen Schmerz.

Fragt man Gysi, warum er sich das alles immer noch antue, seine chaotische Partei, den Kampf, den Stress, dann sagt er: "Sie unterschätzen mein Alter. Ich brauche die Öffentlichkeit nicht. Ich bin nicht abhängig von der Politik."

Gysi betrügt sich damit, dass er nebenbei als Anwalt arbeitet. Und er hat im Deutschen Theater in Berlin eine eigene Gesprächsreihe, er interviewt prominente Zeitgenossen, das Haus ist immer ausverkauft. Er glaubt, das mache ihn frei, er könne jederzeit von der Politik lassen.

Als Lothar Bisky Gysis Worte hört, muss er schmunzeln. "Ja, diese Selbsttäuschung ist ihm viel wert." Bisky war bis vor zwei Jahren Chef der Linken, er kennt Gysi seit 1989, sie gingen zusammen in die Politik. Sie waren enge Freunde. "Gysi ist wie ein Gaukler", sagt Bisky. "Er braucht die Bühne, auf der er seine Kunststücke vollführen kann. Das ist ihm zur zweiten Natur geworden."

Hinter der Maske des lustigen, liebenswürdigen Plauderers Gregor Gysi versteckt sich ein einsamer, verlassener Mann. Er wohnt mutterseelenallein in seinem viel zu großen Haus in Berlin-Pankow. Dabei erträgt er nichts weniger, als allein zu sein. Wann immer es geht, flieht er aus dem Haus.

Gysi gehört zu der Sorte von Männern, die ohne Frau und Kinder leicht ihren Halt verlieren. Er war schon einmal in dieser Gefahr, vor fast 40 Jahren, nach der Trennung von seiner ersten Frau. Gerettet hat ihn damals, dass er das alleinige Sorgerecht für seinen Sohn George zugesprochen bekam. "Das hat verhindert, dass ich verkomme", sagte Gysi später.

Heute erkennt er sich manchmal selbst nicht wieder. Vor einigen Wochen, so erzählt er es selbst, kam er nachts nach Hause, zappte durchs Fernsehprogramm und sah sich in der Talkshow von Erwin Pelzig sitzen. Er war entsetzt: Was, dieser fette Kerl da bist du? Er wog 80 Kilo, der Anzug spannte, sein Gesicht war rund wie ein Mond. Gysi beschloss, radikal abzunehmen. Seitdem trinkt er Almased-Diätshakes. Er bestraft sich selbst.

Gysi hat zu spät bemerkt, dass ihm sein Leben und seine Partei entgleiten. Das hat viel mit Oskar Lafontaine zu tun. Gysi brauchte Lafontaine, um seinen Traum von einer Partei links neben der SPD wahr werden zu lassen. Er hat sich nicht vorstellen können, dass Lafontaine nicht nur diesen Traum, sondern auch ihn, den Romantiker Gysi, zerstört.

Am Abend des 7. Mai 2012 saßen die beiden in einem Restaurant in Essen, sechs Tage vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, die mit einem Desaster für die Linke endete. Gysi und Lafontaine wollten besprechen, wie es mit den verfeindeten Lagern in der Linken weitergeht und wer neuer Parteichef wird. Sie hatten sich zuvor versprochen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

Da Lafontaine und Gysi ihren Vertrauten später von dem Abend erzählt haben, lässt sich der Kern des Gesprächs rekonstruieren.

Lafontaine forderte von Gysi aus heiterem Himmel, Sahra Wagenknecht zur gleichberechtigten Fraktionschefin zu machen. Ausgerechnet Wagenknecht - Lafontaines neue Lebensgefährtin. Diese Frau und ihre kommunistischen Thesen hatte Gysi immer bekämpft. Er traute ihr nicht über den Weg, trotz ihrer Wandlung in jüngster Zeit. Er hielt sie für eine Autistin. Und jetzt wollte Lafontaine sie an seine Seite zwingen. Erst in diesem Moment begriff Gysi, dass Lafontaine und Wagenknecht die ganze Macht an sich reißen wollen. Er geriet außer sich vor Wut. (...) Das war der Bruch. Nie zuvor hatte Gysi Lafontaine so hart widersprochen. Das Traumpaar der Linken überreichte sich bei diesem Abendessen die Scheidungspapiere.

Gysi entschloss sich noch am selben Abend, auf dem Parteitag in Göttingen mit der Arroganz der Westlinken abzurechnen. Mit Lafontaine redete er die nächsten vier Wochen kein Wort. In seine Pläne weihte er ihn nicht ein.

In Göttingen, Anfang Juni, war ihm seine Wut immer noch anzumerken. Die Flügelkämpfe in der Partei, die Tricksereien, die Denunziationen, all das hatte er so satt. "Seit Jahren befinde ich mich zwischen zwei Lokomotiven, die aufeinander zufahren", sagte Gysi in seiner Rede. "Ich bin es leid." Seine Worte spuckte er regelrecht aus.

Gregor Gysi, der harmoniesüchtige Intellektuelle, hat sich im kraftprotzenden Machtpolitiker Oskar Lafontaine getäuscht. Gysi umschwärmte Lafontaine, er duldete dessen radikalen Anti-SPD-Kurs, er verteidigte Lafontaines autoritäre Art. Am Ende spielte er sogar noch den Seelentröster - alles gegen seine Überzeugung, alles für die Partei.

Als Lafontaines Ehefrau Christa Müller 2009 von den Gerüchten hörte, ihr Mann habe eine Affäre mit Wagenknecht, wünschte sie sich dessen Rückkehr ins Saarland. Gysi fuhr zu ihr nach Hause und besänftigte sie: Lafontaine werde für die Wahl in Berlin gebraucht. (...) Lafontaine verdächtigte Bartsch, die Affäre mit Wagenknecht ausgeplaudert zu haben. Gysi tat im Januar 2010 auch das - obwohl er mit Bartsch befreundet war.

Gysi wollte nicht wahrhaben, dass er für Lafontaine nur ein Werkzeug im Kampf um die Macht ist. Gysi ist ein sensibler Typ. Die harte Seite der Politik war ihm stets zuwider. Früher in der Schule hat er sich nie geprügelt, der junge Gregor war klein, weich und rund. Als Gysi vor Monaten vom Westlinken Ulrich Maurer verbal bedroht wurde, er solle bloß auf sich aufpassen, jagte ihm das Angst ein.

Lafontaine hingegen ist skrupellos. Er schreckt nicht davor zurück, die Schwächen seiner Gegner auszunutzen. Der Stress hatte Gysi im Herbst 2011 so sehr zugesetzt, dass er einen Hörsturz erlitt. Er verschwieg ihn der Partei, erzählte nur fünf Leuten davon. (...)

Gregor Gysi steht am Yachthafen von Boltenhagen und schaut auf die Ostsee. Er schweigt. Ein seltener Gysi-Moment. Er dauert nur ein paar Sekunden. "Ich liebe das Meer", sagt er plötzlich. "Es ist so unendlich."

Der Parteitag liegt Wochen zurück. Gysi hat gerade auf einer Tagung von Betriebsräten gesprochen, jetzt geht er ins Hotelrestaurant. Es ist Nachmittag um vier. Es wird seine erste Mahlzeit an diesem Tag. Sein Gesicht ist schmaler geworden. Er bestellt Zanderfilet. "Ohne Kartoffeln", ruft er dem Kellner hinterher.

Die folgenden dreieinhalb Stunden Gespräch haben nur ein Thema: Gysi. In seinem Universum ist er der Fixstern. Er erzählt, dass seine Mutter einmal behauptet habe, ihr Sohn habe den Beruf verfehlt, im Grunde sei er ein begnadeter Schauspieler. Gysi tut so, als habe er alles wieder unter Kontrolle: sich selbst, Lafontaine, die Linke. Dann folgt eine Geschichte, die erklärt, was für einen Rucksack er schleppen muss. Es geht um den Höllentrip seiner Eltern.

Sein Vater Klaus, ein jüdischer Kommunist, bekommt 1940 in Toulouse von der KPD-Auslandsleitung einen Auftrag, der einem Himmelfahrtskommando gleicht: Er soll mit seiner Frau Irene das Exil in Frankreich verlassen und ins faschistische Deutschland zurückkehren. In Europa tobt Hitlers Krieg, die beiden sollen den Widerstandskampf gegen die Nazis in ihrer Heimat fortsetzen. Sie besorgen sich gefälschte Papiere und fahren mit dem Zug nach Berlin. Hinter Freiburg setzen sich plötzlich sechs SS-Leute in ihr Abteil. Klaus Gysi erzählt ihnen einen Judenwitz nach dem anderen. Er redet seine Todesangst einfach weg.

"Für meinen Vater war die Partei wichtiger als das eigene Leben", sagt Gregor Gysi. Trotzdem hat er lange nicht verstanden, warum sein Vater, der in der DDR zum Kulturminister aufstieg, gegenüber der SED nie so mutig war wie im Zug bei den SS-Leuten. Gysi hat die Geschichte später einmal Helmut Kohl erzählt und ihn gefragt, ob er eine Antwort auf den fehlenden Mut seines Vaters habe. "Das verstehen Sie nicht?", fragte Kohl zurück. "Hätten die Nazis ihn umgebracht, wäre er als Held gestorben, als Teil der kommunistischen Familie. Hätte er der Partei den Rücken gekehrt, wäre er einsam zugrunde gegangen."

"Ist das nicht irre?!", ruft Gysi im Restaurant in Boltenhagen. "Ich war dem Alten zu nah, ich kam nicht auf die Antwort. Aber Kohl kannte sie."

Will Gysi seiner Partei deswegen nicht den Rücken kehren, weil er Angst hat, sonst einsam zu enden? Weil die Partei immer noch größer ist als der Einzelne?

In Gregor Gysi steckt womöglich mehr von der Überzeugung seines Vaters, als ihm lieb ist. Kein Wunder, er ist Teil des Gysi- Clans. Er gehört zu einer außergewöhnlichen bürgerlichen, jüdisch- kommunistischen Familie. Sein Zuhause in Ostberlin war voll mit Büchern, es gab ein Hausmädchen, seine Eltern empfingen Freunde aus aller Welt. Seine Mutter stammt aus einer russischen Industriellendynastie. Seine Tante ist die weltberühmte Schriftstellerin Doris Lessing. Seine Oma Erna war seit 1923 KPDMitglied, sein Vater seit 1931.

So einer kann gar nicht aufhören, seine Partei zu retten. Es wäre ein Verrat an seiner Familie. "Der kann doch gar nicht anders", sagt Frank Castorf, der Theaterregisseur, der Gysi gut kennt. "Er versteht sich als moderner Karl Liebknecht."

Zwei Tage nach dem Göttinger Parteitag hat Gysi Freunde zum Grillen und Biertrinken zu sich nach Hause eingeladen. Genauer gesagt, Exfreunde: Bisky, Bartsch, den früheren Brandenburger Fraktionsvize Heinz Vietze. Sie haben Gysi nicht verziehen, dass er Lafontaine lange gedient und mit Bartsch einen aus ihrem Kreis gedemütigt hat. Bisky sprach damals von "Stalinismus". Gysi schrieb ihm daraufhin Dutzende SMS, er bettelte um ein Gespräch, Bisky ließ ihn abblitzen.

Gysi, Bisky, Bartsch, Vietze, André Brie - sie waren eine verschworene Gruppe, früher, in den 90er Jahren. Sie traten in einen Hungerstreik, um die PDS vor dem finanziellen Ruin zu retten, sie haben zusammen gesoffen und Skat gespielt.

Der Grillabend in Pankow war ein Versuch, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen. Die vier haben gegessen, geredet, aber die Stimmung von früher war weg. "Gregor will, dass die ganzen Jahre nicht umsonst gewesen sind", sagt Dietmar Bartsch. "Er will sich selbst beweisen, dass wir immer noch Freunde sind und die Sache im Griff haben. Aber es gibt kein Zurück in die Neunziger."

Lothar Bisky macht sich Sorgen um Gysi: "Es wird einsam um Gregor. Er kommt mir in seinem Haus ganz schön verloren vor."

Gysi braucht Nähe. Freunde, guten Wein, Spaß neben der Politik. Er wollte nie von ihr abhängig werden, er hat an der Politik immer auch gelitten. Deswegen hat er sich dreimal aus ihr verabschiedet - und ist doch jedes Mal wiedergekommen. Aber die Angst blieb. Als er von Lafontaines 65. Geburtstag zurückkehrte, erzählte er schockiert, dass so gut wie keine privaten Freunde auf der Feier gewesen seien, niemand aus der SPD, nicht mal Lafontaines Sohn, einzig Peter Gauweiler. "So allein will ich nicht enden."

Heute ist Gysi auf dem Weg dahin. Deswegen klammert er sich so an die alten Freunde. Ihn plagt das schlechte Gewissen. Im März verunglückte André Brie schwer. Er stürzte in seinem Haus die Treppe hinab, zog sich sechs Schädelbrüche zu. Er wurde mehrfach operiert, es war nicht klar, ob er überleben würde. Als Brie aus dem Koma erwachte, fuhr Gysi sofort ins Krankenhaus.

Die beiden waren früher unzertrennlich, Brie war Gysis Wahlkampfchef. Gysi hat ihm mal ein Buch geschenkt, darin stand: "André, ich liebe dich. Das habe ich noch nie zu einem Mann gesagt. Gregor". Ihre Freundschaft ist in die Brüche gegangen. Brie warnte früh vor dem "Lafontainismus", Gysi vertrug die Kritik nicht.

Jetzt stand Gysi an Bries Krankenbett und hatte Tränen in den Augen. Brie begann zu weinen. Er war verzweifelt, seine Sprache war weg. Gysi wurde ganz ernst: "André, vor acht Jahren war ich auf dem Weg zu deiner Hochzeit, kam aber nie an. Du dachtest bestimmt, Gregor, der blöde Arsch, drückt sich. Ich erlitt auf der Fahrt zu dir aber meinen dritten Herzinfarkt. Ich brauchte Monate, um wieder gesund zu werden. Du schaffst das auch."

Brie sagte später zu seiner Frau, er glaube, der Besuch habe ihn mit Gysi versöhnt.

Gregor Gysi hat die letzten 23 Jahre seines Lebens der Politik geopfert, und wie es aussieht, werden noch ein paar folgen. Er findet einfach keinen Ausweg. Er wird, wenn er die Linke über die Fünfprozenthürde schleppt, bis 2017 im Bundestag sitzen, dann als fast 70-Jähriger. Es hat etwas Trauriges, fast Verzweifeltes.

In der Fraktion hat Gysi neulich einen Witz erzählt, er klang wie sein Angsttraum: Bewaffnete Terroristen stürmen den Bundestag. "Wer ist Gregor Gysi?", fragen sie. Gysi hebt die Hand. Er spürt, seine letzte Stunde hat geschlagen. "Runter!", rufen ihm die Terroristen zu. Er duckt sich, sie eröffnen das Feuer. Alle im Bundestag kommen ums Leben - außer Gysi.

Seine Genossen lachten. "Ihr habt wohl nicht richtig zugehört", sagte Gysi. "Ich bin der Einzige, der übrig bleibt. Ich, ganz allein."