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High-Tech-Expertin Chris Shipley: "Technik muss unsichtbar werden"

Auf der "Demo"-Konferenz in San Diego präsentieren High-Tech-Tüftler ihre neuesten Entwicklungen. Im stern.de-Interview spricht "Demo"-Chefin Chris Shipley über echte und falsche Zukunftstrends.

Von Dirk Liedtke, San Diego

Zweimal im Jahr wird in San Diego (Kalifornien) "demonstriert". Die "Demo"-Konferenzen sind eine Plattform für Entwickler und Tüftler zur Präsentation neuer Techniken. Genau sechs Minuten stehen den Erfindern auf der Bühne zur Verfügung, um ihr Produkt vor Investoren und Medien darzustellen. Neben der Zeit gibt es noch eine weitere Einschränkung: Powerpoint-Präsentationen sind verboten. Bei der bis Donnerstag laufenden Herbst-"Demo" sind fast 70 Firmen zugegen. Wer besonders gelungene Auftritte hinlegt, wird zum "DemoGod" gekürt. Zu den bekanntesten Produkten, die auf einer Demo erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wurden, gehören die Web-Programmiersprache Java, der Handheld-Computer Palm Pilot und der in den USA sehr erfolgreiche Festplattenrekorder Tivo.

Mit Chris Shipley, der Organisatorin des einflussreichen Trend-Barometers der High-Tech-Branche, sprach stern-Redakteur Dirk Liedtke am Rande der Konferenz. Die Journalistin Shipley hat in zehn Jahren bereits 24 Demo-Versionen auf die Beine gestellt und betreibt neben ihrer journalistischen Arbeit ein Beratungsunternehmen.

Wie haben Sie die Auswahl von 67 Firmen für die diesjährige Demo getroffen?

Chris Shipley: Seit Februar habe ich mir über 350 Firmen in neun Ländern angeschaut. Ich versuche Innovationen zu finden, wo immer das sein mag. Ein Drittel meiner Zeit bin ich außerhalb der USA auf Reisen.

Gibt es einen besonderen Trend?

Zum ersten Mal seit vielen Jahren sehen wir wieder viele Geräte. Das ist spannend, weil Software und Hardware zu interessanten Konsumentenprodukten verschnürt werden. Die Komplexität verschwindet in einem einfach bedienbarem Gerät wie dem "Dash"-Navi, der in den USA über verschiedene Funknetze Verkehrsinfos einsammelt und mich so Staus umfahren lässt.

Alle reden über Web 2.0 - auch bei Demo?

Ich hasse das Schlagwort "Web 2.0". Es ist ein Zeichen von Denkfaulheit. Ich verfolge das Web seit 1994. Es hat sich schon so oft verändert. Wir sind wahrscheinlich schon beim Web 20.0! Im Silicon Valley gerät man leicht in einen Sog, weil alle einen Trend hip finden. Dann wollen alle neuen Firmen dazugehören, weil sie dann automatisch als wertvoll gelten und Investorengelder ergattern.

Was hat der Konsument denn von dem Hype?

Ich beobachte eine Verschiebung zu einer individuelleren Beziehung zu Technik. Wir entscheiden ganz bewusst, welches Telefon wir kaufen, welches DSL oder welchen Handytarif. Und im Web gibt es immer mehr neuartige Anwendungen, etwa zur Verwaltung meiner Fotos online, die für Firmen einfach zu entwickeln und für Konsumenten einfach zu benutzen sind. Der Netzbürger bekommt dadurch mehr Macht.

Wird das Handy für viele Menschen den PC ersetzen - etwa in Entwicklungsländern?

Das kann ich mir mit Einschränkungen vorstellen - aber nur, wenn es keine Telefonnetze gibt oder für bestimmte, reduzierte Anwendungen. Spielen kann man mit dem Handy, auch SMS verschicken. Aber eine Dissertation auf dem Mobiltelefon schreiben? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Planen Sie schon für "Demo 07" im Februar?

Ich habe schon 20 Firmen im Blick.

Was wünschen Sie sich an neuen Trends?

Technik muss viel noch besser eingebettet, unsichtbar werden. Autos musste man früher ankurbeln, den Choke ziehen. Heute setzt man sich überall auf der Welt in einen Leihwagen und fährt los. Man denkt nicht darüber nach, wie das funktioniert. In der Zukunft wird uns Information ähnlich einfach immer dann zur Verfügung stehen, wenn wir sie brauchen - in allen möglichen vernetzten Geräten, ohne dass wir uns über Tarife den Kopf zerbrechen.

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