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Neues Buch "Dark Mirror" Mainway: Wie die NSA aus Telefondaten die Blaupause für den Überwachungsstaat legte

APT28 Fancy Bear Sofacy Hacker
Die Geheimdienste legten im Laufe der Zeit ein gigantisches Netzwerk an (Symbolbild)
© FangXiaNuo / Getty Images
Seit Jahrzehnten überwacht der US-Geheimdienst die Welt. Ein nun erschienenes Buch zu Edward Snowden zeigt auf, wie der Geheimdienst dabei vorgeht und etwa aus unscheinbaren Telefondaten ein komplexes soziales Netzwerk erstellte, das jederzeit sämtliche Verbindungen eines Menschen ausspucken kann.

Als Edward Snowden 2013 mit seinen Enthüllungen zu den Programmen der NSA an die Öffentlichkeit ging, erschütterte das Ausmaß der Überwachung die Welt. Im neuen Buch "Dark Mirror" arbeitet der ehemalige "Washington Post"-Journalist Barton Gellman die Enthüllungen und ihre Folgen auf. 

Ein Kapitel widmet er dabei dem Programm "Mainway". Er sieht es sozusagen als Blaupause des modernen Überwachungsstaates. Die NSA wollte "alle Beziehungen identifizieren, aufspüren, speichern, manipulieren und auf Stand halten", so Gellman. Und das über sämtliche Kommunikationsplattformen hinweg. Das endgültige Ziel: eine globale Liveüberwachung.

Mit Telefondaten zum sozialen Netzwerk

Den Grundstein dafür legte nach Gellmans Ansicht Mainway. Kurz nach dem Terror-Anschlag des 11. September schusterten die Geheimen auf Geheiß von Vizepräsident Dick Cheney die Infrastruktur zusammen, um Telefonverbindungen in den USA verfolgen zu können. Doch aus der ursprünglichen Datenbank entwickelte sich laut Gellman bald mehr: Ein soziales Netzwerk, das sämtliche Personen auf Knopfdruck miteinander vernetzen konnte - ohne, dass die etwas davon ahnten.

Dazu sammelte der Geheimdienst unermüdlich Daten. Eine Milliarde Telefon-Verbindungen am Tag fütterte alleine das FBI in die gigantische Daten-Verarbeitungsmaschine, eine weitere Milliarde stammten vom NSA selbst. Doch die Metadaten der Anrufe - wer sprach mit wem, wie lange und wo - wurden nicht nur gesammelt, sondern auch gleich verarbeitet. 

Das Ergebnis erschreckte selbst den auf Geheimdienste spezialisierten Journalisten. Auf einen Knopfdruck konnten befugte Mitarbeiter nicht nur jeglichen Kontakt einer Person zu einer anderen ermitteln - sondern sich auch gleich die Kontakte der mit ihm verbundenen Personen anzeigen lassen. Und wiederum deren Kontakte. Und so weiter. Über Billionen von Datensätzen hatte die NSA ein nahezu komplettes soziales Geflecht der USA geschaffen. Nur mit den Metadaten von Telefonanrufen. Die Stasi hätte von diesen Möglichkeiten noch geträumt.

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Nur ein Instrument von vielen

Wie bekannt, blieb es nicht dabei. Mit weiteren Programmen wie PRISM, MARINA und Unmengen potenter Hacking-Werkzeuge konnten - und können - die Geheimdienstler die Beziehungen und die Personen dahinter längst viel ausführlicher ausleuchten. Hinzu kommt der technische Fortschritt, etwa die Verbreitung von Smartphones mit GPS sowie die viel weiter entwickelte künstliche Intelligenz bei der Auswertung der gigantischen Datenmengen. 

Während die Überwachung für die meisten Menschen ein rein abstraktes Problem ist, bekam Gellman sie selbst am eigenen Leib zu spüren. In einem Kapitel beschreibt er, wie er wegen der Berichterstattung und seiner Kontakte zu Snowden zunehmend selbst ins Visier der Geheimdienste geriet - und etwa live zuschauen musste, wie sein iPad über die Funkverbindung gehackt wurde. Auch auf seinem Laptop entdeckten Experten plötzlich unerklärliche Hintergrundprozesse. Halbwegs sicher fühlte sich Gellman - der seine Arbeit in einem Interview mit der von Julian Assange verglich - erst als er einen neuen Laptop kaufte. Über Dritte, damit sein Name nicht mit dem Gerät verbunden werden konnte.

Trotzdem stellt sich der Journalist angesichts der Entwicklung auch die Frage, ob Edward Snowden mit seinen Enthüllungen wirklich vor allem Gutes getan hat - oder die Bevölkerung nur unnötig nervöser machte. Er nehme Snowden ab, dass der glaube, das Richtige getan zu haben. "Er hat ein sehr schwarz-weißes Bild von richtig und falsch", sagte Gellman dem "Guardian". "Aber ich glaube, er traf seine Entscheidungen von Herzen. Nach meiner Ansicht hat er am Ende mehr Gutes als Schaden verursacht."

Quellen: Dark Mirror, Guardian

mma

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