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PC-Bedienkonzepte: Wie ein Riesen-iPhone

Industriedesigner haben eine neue Aufgabe - sie gestalten nicht mehr nur die attraktive Hülle von Produkten, sondern ein gesamtes Erlebnis. Der Schlüssel zur Schönheit mit inneren Werten ist oft die Software.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Mark Rolston sitzt in einem neonbeleuchteten Konferenzzimmer in der Innenstadt von San Francisco und tappst munter mit den Fingern auf dem Bildschirm seines PCs herum. So wählt er Musik aus, spielt Videos ab, bearbeitet seine Fotos. "Fass das nicht an!", bekommen Kinder oft zu hören - doch wenn es nach Leuten wie Rolston geht, dem Kreativchef der Agentur Frog Design, ist es damit rund um den Rechner bald vorbei. Im Auftrag von Hewlett-Packard entwickelte die Agentur ein komplett neues Bedienkonzept für die zweite Version des HP TouchSmart PC, einen Rechner, der als Heimcomputer für die gesamte Familie gedacht ist.

Dank eines berührungsempfindlichen Bildschirms kommt der TouchSmart IQ500, der ab Herbst auch in Deutschland erhältlich sein soll, weitgehend ohne Maus und Tastatur aus. Fast alles lässt sich mit den Fingern steuern - ähnlich, wie man das von Apples iPhone kennt. Dennoch sei der HP-PC keine Reaktion auf das umschwärmte Handy des Silicon-Valley-Nachbarn gewesen, beteuert Rolston. "Die Geräte sind sich ähnlich, weil sie dasselbe Konzept nutzen, um Einschränkungen, die es bei der Bedienung normalerweise gibt, zu umgehen", erklärt der 39-jährige Kreative. Malen, Zeigen, Wischen, Ziehen - oft geht das mit den Fingern einfacher als über den Umweg mit der Maus.

Neue Rolle für den PC

Unter der Haube ist der TouchSmart ein ganz normaler Windows-PC. Dem ursprünglichen Modell sah man das noch an, dem neuen in der Regel nicht mehr - und das ist Absicht. HP kam zu Frog mit dem Auftrag, die Rolle des Computers im Privathaushalt neu zu erfinden, erzählt Rolston. "Bisher steht der PC im Arbeitszimmer", sagt der Designer. "Uns ging es um die Frage: Wie müsste die Bedienung aussehen, wenn der Computer Teil des Alltags im gesamten Haus werden soll?" Also entwickelten die Frog-Mitarbeiter eine Software, die Windows umhüllt wie ein Mantel und versucht, den Rechner zum freundlichen, unkomplizierten Helfer in allen Lebenslagen zu machen. Nirgends ist ein Start-Menü in Sicht, und von Rollbalken keine Spur. (Siehe Video.) "Die Innovation steckt in der Software", sagt Rolston. "Damit lässt sich ein Produkt ganz neu definieren."

Vor beinahe 40 Jahren, als der Deutsche Hartmut Esslinger das Unternehmen gründete, drehte sich Design in erster Linie um gefällige Formen. Markante Produktgestaltung half Marken wie Sony, AEG und Bang & Olufsen, sich von der Konkurrenz abzuheben. Doch mit einem ansprechenden Äußeren ist es meist nicht mehr getan. "In vielen Fällen entscheidet heute das Nutzer-Erlebnis über den Erfolg oder Misserfolg eines Produkts", sagt John Canny vom Berkeley Institute of Design. Das gelte für Telefone genauso wie für Autos, Fernseher oder Fotoapparate - zumal in immer mehr Geräten genügend Elektronik steckt, um sie ansatzweise intelligent zu machen. Das wiederum hilft den Designern. "Die Möglichkeiten, ein reichhaltigeres Bedienerlebnis zu gestalten, wachsen ständig", erklärt Canny, "und die Kunden erwarten auch immer mehr."

Das Gerät verwandelt sich

Software, bestätigt der Berkeley-Professor, fällt dabei die Schlüsselrolle zu: "Die Möglichkeiten, die Software einem gibt, sind schier endlos." Das iPhone ist ein gutes Beispiel dafür - es besitzt nur vier mechanische Knöpfe, der Rest wird ganz nach Bedarf auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm eingeblendet. Je nach Anwendung verwandelt sich das gesamte Gerät - mal ist es ein Telefon, mal ein Musikspieler, mal ein Internetbrowser. Und während mittlerweile jeder Auftragshersteller in Asien ansprechende Gehäuse für die Hardware im Programm hat, bietet das digitale Innenleben noch viele Möglichkeiten, sich von der Konkurrenz abzuheben, glaubt Frog-Kreativchef Rolston. "Die größten Chancen warten bei der Software, bei den Anwendungen", sagt er. "HP begreift das gerade, andere noch nicht so - aber alle, die es nicht begreifen, werden es auf lange Sicht schwer haben zu überleben."

Nicht immer finden sich auf Anhieb Kunden für neue Konzepte, die Frog-Entwickler - viele von ihnen in Deutschland - sich einfallen lassen. Rolston klappt sein Macintosh-Laptop auf und führt eine neue Art von Programmführer vor, der sich irgendwann im Fernseher der Zukunft wiederfinden könnte: Alles ist in Bewegung, plastisch, dreidimensional, fast so unterhaltsam wie manche TV-Sendung selbst. "Wir spielen gern mit solchen Ideen", sagt der Designer, ganz der Berufsjugendliche in Jeans und T-Shirt, das blonde Haar kreativ zerzaust. "Aber natürlich brauchen wir auch Kunden, die sie umsetzen." Oft genug allerdings siegt bei Firmen das Motto "Business as usual" über die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren. "Die unmittelbaren Geschäftsziele können recht konservativ sein und der Vision für die Zukunft im Wege stehen", sagt Rolston.

Rezeptbuch auf dem Bildschirm

Er hat noch so ein Projekt, das spannend aussieht, aber bisher keinen Abnehmer gefunden hat: eine Software, die Rezepte vorschlägt auf der Basis dessen, was sich in der Speisekammer an Zutaten findet. Es ist die Umkehrung der üblichen Idee, bei der man erst das Rezept sucht und dann Einkaufen geht. Die Software ist kinderleicht zu bedienen, Rolston führt sie auf dem TouchSmart PC vor: Er tippt auf die Tomaten, auf Zwiebeln, auf eine Dose Bohnen. Der Bildschirm verwandelt sich in ein Kochbuch, in dem die Rezeptvorschläge stehen. Rolston kann darin blättern wie in einem richtigen Buch - er berührt einfach die Seiten, schon geht es vor und zurück.

Es ist eine Software, wie für den TouchSmart gemacht. "Dies ist ein Beispiel für etwas, das wir aus eigenem Antrieb entwickelt haben, um einem Kunden zu sagen: Wir haben uns euer Produkt einmal näher angeschaut, und uns ist da eine Idee gekommen - wie wär's damit?", erklärt Rolston. Noch müssen Käufer des fingerfertigen HP-Rechners ohne das Rezept-Programm auskommen, doch falls es den Weg in die Serienfertigung schafft, dürften Hobby-Köche froh sein über die großen Buchstaben, in denen die Anleitungen auf dem Display erscheinen. "Es soll ja lesbar bleiben, wenn ich durch die Küche laufe", erklärt Rolston. "Alles ist an die Bedien-Situation angepasst." Entsprechend groß sind auch die Kästchen, mit denen man die Kochschritte abhakt. Rolston macht es vor, er tippt wieder mit den Fingern auf dem Bildschirm herum, patsch, patsch, patsch. Nur gut, dass er nicht wirklich in der Küche steht; nur gut, dass er saubere Hände hat.

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