SCHEIBE Im Bann der Werbegeschenke

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Dieses Gebot zählt zur Zeit vor allem in der Presselandschaft wieder etwas. Journalisten sollen mit kleinen Gimmicks gnädig gestimmt werden.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Dieses Gebot zählt zur Zeit vor allem in der Presselandschaft wieder etwas. Denn wenn die Konsumenten nicht von sich aus konsumieren möchten, müssen sie eben mit Hilfe eines veröffentlichten Produkttestes auf Kurs gebracht werden. Journalisten soll das Verfassen dieser Texte mit kleinen Gimmicks schmackhaft gemacht werden.

Blöcke und Schreiber

Auf meinem Schreibtisch schaut mich »Zartog aus dem All« mit grünem Lächeln an. Dabei handelt es sich um einen Haftie-Block, der zugleich Werbung für ein neues Taschenbuch machen soll. Ich lege den Block zu meinem anderen, der mir bei jeder neu abgerissenen Notiz verrät, dass Firma X tolle DVD-Filme produziert. Auch von Micky Maus schwirrt irgendwo ein dicker Block herum – ich habe den Überblick verloren. Auf den Seiten schreibe ich mit meinem schwarz eingefärbten Bleistift, auf dem dick »Hannibal« steht. Zum Glück beißt er mich nicht, wenn ich mit ihm schreibe. Er will auch nicht meine Nieren verspeisen – wie sein Namensgeber Hannibal Lecter. Notfalls hätte ich aber immer noch einen Kugelschreiber von diversen Hardware-Herstellern oder einen Bleistift mit Comicfigur Werner.

Ist das Bestechung

Das ist doch Bestechung, meint ein Freund. Ihr Journalisten dürft doch nix annehmen. Sonst könnte man doch schnell glauben, ihr schreibt nur freundliche Texte, weil ihr so viele Geschenke bekommt. Ich grübele nach und schraube dabei mit dem Werkzeugkoffer meinen Rechner auf. Der Koffer war einmal ein Werbegeschenk für eine neue PC-Bauarbeiter-Simulation. Er leistet mir gute Dienste, sodass ich das Gehäuse abbekomme und mit dem Miniventilator reinblasen kann – der ist übrigens ein Geschenk von der Funkausstellung. Die Staubflusen eines Jahres fliegen durch das Büro.

Ich wehre ab. Ich habe um nichts gebeten. Weder um den Gummi-Helmut-Kohl noch um Kindernuckel an der Kette noch um Hunderte Schlüsselanhänger und PIN-Nadeln für das Brustrevers. Gut, die zig Tonnen Gummibärchen und Pralinen habe ich aufgefuttert und auch den Christstollen zu Weihnachen verspeist. Macht mich das zu einem bösen Schreiberling? Ich hab doch eh bereits nach einem Tag vergessen, wer mir nun eigentlich die riesige Plastikspinne geschenkt hat, die jetzt von der Decke des Büros baumelt.

PR-Frauen tragen Größe S, PC-Journalisten aber Z

Vor allem meine Mitarbeiterin Tini freut sich. Vor allem über die vielen T-Shirts mit diversen Werbebotschaften. Leider kann ich sie nicht selbst anziehen. Die fitnessgestählten und wahrscheinlich spargeldürren PR-Mitarbeiterinnen gehen wahrscheinlich alle von sich selbst aus und bestellen die Promotion-Shirts immer nur in der Größe M. Na klar, sie selbst tragen S und da packen sie eben noch eine Größe drauf. Journalisten – vor allem im PC-Bereich – sitzen aber den ganzen Tag vor dem PC, fressen Junkfood und schlürfen Cola. So passt ihnen nicht einmal XXL. Sie benötigen bereits die Größe Z. Z wie Zelt. Bei mir ist das natürlich nur wegen meiner breiten Schultern so. Völlig aus dem Ruder läuft die Geschenk-Arie auch, wenn es um Käppis geht. Baseball-Caps kommen vor allem oft mit neuen Computerspielen daher, seitdem sich niemand in der Branche mehr über Mauspads freut. Nur leider sind die Caps oft so groß, dass sie keinem Dickschädel dieser Hemisphäre mehr über die Birne passen – schade drum.

Alle Werbegeschenke, mit denen ich nichts anfangen kann, landen in einer Kiste. Die habe ich letztens mit auf einen Kindergeburtstag genommen. Die Kinder haben sich vielleicht gefreut. Über mit Blut gefüllte Kugelschreiber, die wie Spritzen aussehen. Über bunte Tattoos, die sich auf die Haut kleben lassen. Über aufblasbare Weltkugeln. Über zerfleischte Plastikfinger zum Überstülpen über die eigenen Finger. Über Minipistolen, die richtig Krach machen. Und über die Monstermaske, die sich über das Gesicht stülpen lässt und jede Mama zum Kreischen bringt. Eine aufmerksame Mutter konnte aber gerade noch rechtzeitig ein paar Packungen Promotion-Kondome vor den neugierigen Händen der Kinder retten. Upps. Das wäre fast schiefgegangen.

Events sind wieder in

Während ich noch über die Ethik oder Nichtethik bei der Annahme von Gratis-Klemmbrettern mit Firmenlogo nachdenke, ändern die PR-Agenturen bereits wieder ihre Taktik. Anstelle von Naturalien gibt es inzwischen Events als Köder für die schreibende Zunft. Ein Anruf aus Hamburg holt mich glatt vom Hocker. Man möchte mich Berliner nach Berlin einfliegen lassen, um bei der Vorstellung eines neuen Kriegsspiels für den PC mit dabei zu sein. Ich werfe ein, dass ein Kriegsspiel angesichts der angespannten Weltlage vielleicht zur Zeit etwas deplatziert ist. Aber, aber, werde ich belehrt, es kommt doch nur auf die Sichtweise an. Im neuen Spiel könnte ich ja den Krieg verhindern. Ach so... Und damit ich auch wirklich nach Berlin komme, wird mir noch gesteckt, dass ich auf einem Truppenübungsplatz selbst einen echten Panzer über das Terrain lenken kann. Das kommt mir dann aber doch etwas zu makaber vor. Krieg verhindern oder nicht: Da nutze ich lieber weiter die Bleistifte, die ich in meiner Post vorfinde.

Carsten Scheibe

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