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Scheibes Kolumne Als ich lernte, die Bombe zu fürchten


stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe staunt: Mit Google Maps kann man eine ganze Menge Unsinn im Web machen. Ab sofort ist es sogar möglich, eine Atombombe auf die eigene Heimatstadt fallen zu lassen - oder einen Asteroiden von der Größe, die damals zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat.

Ich gehöre zu der Generation, die nach dem Krieg groß geworden ist. Ich weiß nur noch, dass ich als Kind in West-Berlin immer Angst hatte, dass die Russen über Nacht einmarschieren. Deswegen hatte ich immer Pfeil und Bogen neben dem Bett zu liegen. Man weiß ja nie. Es kamen aber keine Russen.

Was wäre wenn ...?

Und kurz vor dem Mauerfall, als sich die Lage zwischen Ost und West bereits anspannte und niemand wusste, was daraus erwachsen würde, da war ich mit meiner Frau auf Tenneriffa urlauben. In dieser Situation rief mein Schwiegervater an: Falls es zum Äußersten kommen sollte, sollten wir einfach da bleiben und nicht wieder nach Hause kommen. Sie würden schon ohne uns klar kommen. Das war es auch schon. Als Berliner musste ich nie zum Bund, ich war auch nicht freiwillig da. Meine Erfahrung von Krieg basiert auf einschlägigen Kinofilmen wie "Apocalypse Now" oder "Full Metal Jacket". Und trotzdem: Bei der angespannten Weltlage überlegt man es sich manchmal doch, ob es nicht sicherer gewesen wäre, gleich nach Mallorca auszuwandern - oder wenigstens an die Nordsee. Jetzt wohnen wir direkt im Speckgürtel von Berlin und überlegen manchmal - was wäre wenn? Etwa, wenn Terroristen eine Atombombe in Berlin zünden würden?

Große Auswahl an Atombomben

CarlosLabs kennt die Antwort. Der Web-Dienst holt einen beliebigen Kartenausschnitt von Google Maps auf den Bildschirm, also auch eine Karte von Berlin. Im "Weapon Selector" kann ich nun verschiedene Atombomben wählen, etwa eine tragbare Kofferbombe, wie sie wohl in Russland hergestellt wurde - als taktische Waffe für mobile Kommandos. Ich kann auch die "Little Boy" selektieren, die 1945 von der Enola Gay über Hiroshima abgeworfen wurde. Oder die "Fat Man", die auf Nagasaki gefallen ist. Auch moderne Bomben wie die chinesische DF-31 oder die amerikanische B61 oder MK28 kommen zum Einsatz. Der Dienst kennt auch die erste Wasserstoffbombe Ivy Mike und die Wirkkraft eines einschlagenden Meteoriten von der Größe des Chicxulub, bei dem man davon ausgeht, dass sein Einschlag zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat.

Ausnahmezustand in Berlin-Mitte

Probeweise verwende ich die "Fat Man" mit 21 Kilotonnen Sprengkraft und lasse sie in Berlin Mitte hochgehen. Umgehend zeigt mir CarlosLabs in drei Karten die thermische Entwicklung, die Ausbreitung der Druckwelle und den radioaktiven Fallout in Abhängigkeit von den aktuellen Windverhältnissen an. Das automatisch generierte Kartenmaterial ist erschreckend und beängstigend - und verfehlt ihre abschreckende Wirkung nicht. Die thermale Wirkung würde im Umkreis von zehn Kilometer alles vernichten - von der Friedrichstraße bis hin zur Landsberger Allee. Schlimmer wäre noch die Druckwelle, die bis zur Straße des 17. Juni reicht. Der radioaktive Fallout würde vom Wind genau in die Richtung meines Wohnortes geweht werden - zig Kilometer bis hin zur Stadtautobahn am Siemensdamm. Bei der "Fat Man" wäre ich in Falkensee bei Berlin aber noch sicher.

Ein erschreckendes Experiment

Bei der Verwendung einer modernen MK28 mit 1,4 Megatonnen Sprengkraft sieht das Szenario schon ganz anders aus. Eine solche Bombe ist - zumindest laut CarlosLabs - dazu in der Lage, ganz Berlin im thermalen Blitz schmelzen zu lassen. Die Druckwelle reicht bis an die Stadtgrenzen und der Fallout würde über Falkensee hinweg bis nach Nauen, Wustermark und Ketzin in Brandenburg geweht werden. Dank der Windverhältnisse wären wir im Ort verstrahlt, bevor wir auch nur mit dem Auto das Krisengebiet räumen könnten. Ein echter Schock.

Bei einem Asteroiden-Einschlag sieht es übrigens noch schlimmer aus. Würde der Himmelskörper genau über Berlin niedergehen, dann wäre nicht nur Falkensee "weg", sondern auch noch der Rest von Europa und die Hälfte der USA. Krass.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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