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Scheibes Kolumne: Berlin als Silicon Valley

Stern.de-Kolumnist Scheibe trifft sich mit seinen Freunden Jörgi, Robert und Cookie zum Schmaus im Falkenseer "Kronprinzen". Hier gibt es leckere deutsche Küche. Während die Jungs auf ihr Essen warten, diskutieren sie, ob Berlin das neue Silicon Valley wird.

Ich hebe mein Bierglas und halte es gegen die Sonne. Kein einziger Strahl Licht schafft es, das Köstritzer Schwarzbier zu durchdringen. Perfekt. Ich nehme einen großen Schluck und eröffne die Runde: "Jungs, ich bin begeistert. Ich war letztens am Potsdamer Platz. Der helle Wahnsinn. Das Sony Center, das riesige Premieren-Kino. Tolle Bars, edle Restaurants. Die Blue Men Group, das neue Spielcasino. Fast hätte ich geglaubt, ich wäre in New York. Oder in Las Vegas. Ich glaube, Berlin macht sich langsam, das sieht alles so mondän, elektronisch und chic aus. Wir schaffen es bestimmt bald, München in Sachen Coolness zu übertrumpfen. Dann sind wir die hippste Stadt. Bald kommen alle wichtigen Firmen nach Berlin. Dann werden wir das neue Silicon Valley."

"Das siehst Du falsch"

Jörgi winkt ab und verschüttet dabei etwas von seinem Warsteiner: "Nein, nein, nein, das siehst du völlig falsch. Der Potsdamer Platz ist eine künstliche kleine Insel des Kommerzes in einem von Grund auf heruntergewirtschafteten Berlin. Klar gibt es am Potsdamer Platz tolle Kinopremieren. Damit das Fernsehen darüber berichten kann. Und die tollen Restaurants sind für die Touristen. Irgendwas müssen die sich doch anschauen. Der Ku'damm ist doch eh nur noch für die Russen da. Jetzt gibt es halt mit dem Potsdamer Platz ein Vergnügungsviertel für gut betuchte Reisende. Das ändert aber nix daran, dass Berlin noch weit davon entfernt ist, Vorreiter in Sachen Medien zu werden. In München atmet schließlich die ganze Stadt Computer-Technik. Hier interessiert sich der normale Bürger einen Scheißdreck für neue Techniken oder den ganzen Computerkram."

Der Frust muss raus

Cookie stimmt zu. Er schwenkt eine Cola und verzichtet aufs Bier: Er muss uns am Ende alle nach Hause fahren. Er meint: "Berlin hat jetzt zwar jede Menge Fernsehsender. N-tv ist hier, SAT.1 auch. Naja, die müssen ja auch. Berlin ist schließlich die Hauptstadt. Aber: Fahre doch mal in München mit der U-Bahn. Da sitzen dann lauter Männer im Anzug auf den Bänken und halten den Notebook auf dem Schoss. Bei der Fahrt diskutieren sie dann über die neueste Prozessor-Generation. Ich meine, ich kenne mich echt gut mit dem PC und so aus, aber wenn ich da zuhöre, lege ich mir die Karten. Und was passiert, wenn ich in Berlin U-Bahn fahre? Ich darf froh sein, dass mir kein besoffener Alkie auf die Füße kotzt, dass mich kein Skinhead für einen Ausländer hält und dass der mit Heroin vollgespritzte Möchtegern-Musikant mir nicht eins mit seiner Gitarre überzieht und meine Geldbörse klaut. Würde ich in der U-Bahn mit meinem Notebook arbeiten, hätte ich es nicht mehr lange. Irgendwelche randalierenden Kids würden es mir noch vor der nächsten Station klauen."

Ich nicke. Auf mich ist in der Berliner U-Bahn schon einmal geschossen worden. Ich versuche trotzdem, die Wogen etwas zu glätten: "Zugegeben, in München ist die Chance deutlich höher, jemanden zu treffen, der aus der Medienbranche kommt. Aber denkt doch einmal nach, Freunde. Wir haben Ebay, wir haben Jamba. Das ist doch schon etwas. Sicherlich ziehen schon bald viele weitere Firmen hierher. Magix und die Telekom sind doch auch in Berlin, oder?"

Zweifelhafte Sonderangebote

Robert muss lachen. "Das sind doch nur Peanuts, Ausnahmen. Aber ich muss dir Recht geben. Wenn ich heute im Kreuzberger LOCUS sitze und auf meinen Taco warte, dann kommen keine zwielichtigen Leute mehr vorbei, die mir einen Raubdruck vom neuen John Grisham andrehen möchten. Stattdessen holen sie ein nagelneues Notebook aus dem Rucksack hervor und behaupten, dass der aus einem Insolvenzverkauf stammt. Für 300 Euro könnte ich ihn kaufen. Und das passende Office-Paket gibt es auch gleich dazu. Für 50 Euro."

Cookie nickt: "Ich war letztens auf dem Flohmarkt am Gleisdreieck. Da stand einer neben der Pommes-Bude, der hatte schon vor dem offiziellen Release einen Stapel Doom3-Raubkopien zur Hand. Und zwar in der blutigen Original-Version. Hierzulande wird ja alles Rot aus dem Spiel getilgt, sonst wird es ja gleich indiziert. Der Mann wusste ganz genau, was er da für Gold in den Händen hatte. 40 Euro hat ne Kopie gekostet."

Jörgi kürzt die Sache ab, weil da auch schon der Kellner mit dem Essen um die Ecke kommt. Er trägt vier üppig beladene Teller auf den Händen: "Wir können doch schnell feststellen, wie es um Berlin als Medienhauptstadt bestellt ist. Scheibe, du bist doch Journalist vor Ort und wirst zu Pressekonferenzen eingeladen. Wie viele Einladungen bekommst du im Monat aus München?"

Ich überlege kurz: "Wirft man die Postsendungen und die Faxe zusammen mit den E-Mails in einen Topf, so müssten es etwa 30 sein. Eine Einladung pro Tag."

Jörgi legt nach: "Und wie viele kommen aus Hamburg?"

Ich rechne noch einmal: "Nun, vielleicht die Hälfte."

Jörgi gibt nicht nach: "Wie viele sind es aus Berlin?"

Da muss ich nicht rechnen: "Naja, im Juli kam eine Einladung zur Filmvorführung von 'I, Robot'. Gestern kam eine von einer Spielefirma, die das renovierte Olympiastadion für eine Vorführung gemietet hat. Eine Einladung pro Monat etwa."

Jörgi grinst: "Siehste, da haste deine Medienhauptstadt. In Sachen Fernsehen und Kino passiert da vielleicht schon ein bisschen was. Der Potsdamer Platz ist auch ein Anfang. Mit dem Thema Computer kann man Berlin aber noch nicht besetzen. Da trägt die Stadt trotz Ebay und Jamba die rote Laterne vor sich her. Und jetzt lass uns von etwas anderem reden, da kommt mein Essen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania