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Scheibes Kolumne: Gebrauchsanweisungen

Neues Jahr, neue Hardware. Bei uns im Büro werden viele Geräte ausgetauscht, die inzwischen schon wieder veraltet sind. Doch was ist das? Bei den Gebrauchsanweisungen, die den Produkten beiliegen, hat sich richtig etwas getan. Anstatt kryptischer Übersetzungen auf losen Zetteln gibt es jetzt wieder richtig dicke Handbücher. Trotzdem sind wir schockiert.

Neues Jahr, neue Hardware. Bei uns im Büro werden viele Geräte ausgetauscht, die inzwischen schon wieder veraltet sind. Doch was ist das? Bei den Gebrauchsanweisungen, die den Produkten beiliegen, hat sich richtig etwas getan. Anstatt kryptischer Übersetzungen auf losen Zetteln gibt es jetzt wieder richtig dicke Handbücher. Trotzdem sind wir schockiert.

Ein schönes Gerät

Der neue Farbtintenstrahldrucker ist ein schönes Gerät. Er lässt sich wahlweise über ein LPT-Druckerkabel oder über eine USB-Verbindung mit dem Rechner verknüpfen. Wir entscheiden uns für USB, weil am Rechner bereits ein LPT-Laserdrucker hängt. So können wir beide Printer gleichzeitig und ohne Weiche verwenden.

Merkwürdige Silberlinge

"Schaut mal", meint Herr Franz. "Gleich zwei CDs mit Druckertreibern".

Wir schauen uns die Silberlinge an, aber beide scheinen auf den ersten Blick völlig identisch zu sein. Der gleiche Druckername, der gleiche Zahlencode. Wie unterscheiden sich die beiden CDs? Wir schauen, staunen und überlegen. Herr Kurda kommt auf die Lösung: "Da, guckt mal her. Die eine CD ist für die Sprachen Russisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Litauisch und weiß der Geier was noch alles. Und die andere CD ist für die normalen Sprachen, also auch für Deutsch."

"Also kann ich die eine CD wegwerfen?" Ich lasse sie über dem Papierkorb schweben. "Nicht, wenn du mal auf Litauisch drucken möchtest." Die CD fällt in den Papierkorb.

"Man reiche mir das Handbuch"

Schnell und ohne Anleitung ist der Drucker an den PC angeschlossen, mit Papier gefüttert, mit der Steckdose verkabelt und mit den beiliegenden Tintenpatronen versehen. Jetzt möchte ich gerne wissen, wie ich einen Probeausdruck mache.

"Man reiche mir das Handbuch", fordere ich würdevoll und strecke die Hand aus. Ein hundert Seiten dickes Buch wird mir auf die Handfläche gedonnert. Endlich. Endlich keine Waschzettel mehr, auf denen Koreaner mit einer automatischen Übersetzungshilfe "deutsche" Texte produziert haben, die nur noch für die Witzseiten der PC-Magazine taugen: "Einfügen Sie Stiefel-Datenträger in den Taschenrechner". Endlich wieder ein richtiges Handbuch, das ich bei all meinen Problem konsultieren kann. Ich freue mich, dass die Hersteller endlich wieder an den Kunden denken.

Kyrillisch?

Freudig blättere ich das Buch auf. Und wundere mich. Zuerst stolpert mein Blick über chinesische Schriftzeichen, dann über kyrillische. Dann tanzen französische, englische und italienische Texte an meinen Augen vorbei. Fast bilde ich mir ein, auch einen litauischen Text gesehen zu haben. "Das ist ja alles ausländisch", packt mich das Grauen. Herr Franz kennt das schon, nimmt mir das Buch aus der Hand und schlägt das Inhaltsverzeichnis auf. Mit kundigem Blick sucht er nach dem richtigen Eintrag, tippt mit dem Finger drauf und schlägt dann eine Seite auf: "Hier, das deutsche Handbuch".

Ich staune. Es gibt genau zwei Seiten in deutscher Sprache, eine Vorder- und eine Rückseite. Hier steht ganz ausführlich, wie ich den Drucker mit meinem Rechner verkabele, an die Steckdose anschließe und mit den beiliegenden Farbpatronen füttere.

Ich schaue zu Herrn Kurda: "Hier steht leider nicht drinnen, wie ich einen Probeausdruck anfertige." Herr Kurda hebt die Schultern und guckt entschuldigend: Kann er auch nix für.

Den Drucker gibt es nicht

Ich vergesse also den automatischen Probeausdruck und drucke stattdessen einfach ein Bild aus. Mit dem infernalischen Kreischen eines startenden Concorde-Triebwerks saugt der Drucker eine erste Seite zur Hälfte ein und ratscht dann mit dem Druckkopf Zeile für Zeile über das Blatt. Der Ausdruck ist schnell gemacht, sieht fabelhaft aus und stinkt nach Chemielabor.

"Ist das normal mit dem Chemiegestank und dem lauten Einsaugkreischen"? frage ich. Herr Franz und Herr Kurda heben erneut die Schultern. Keine Ahnung. Ich habe keine Zeit, mich weiterhin mit dem Problem zu beschäftigen und beauftrage die Jungs damit, vorsorglich schon einmal Ersatzpatronen bei unserem Büroversand zu bestellen. Minuten später ist Herr Kurda wieder in meinem Büro: "Den Drucker gibt es nicht. Er ist weder bei unserem Lieferanten noch bei irgendeinem Online-Shop verzeichnet. Es gibt auch keine Kompatibilitätslisten im Netz."

Ich zeige auf das Handbuch, das noch immer auf dem Bürofußboden liegt. Herr Kurda lacht und schnippst es mit dem Fuß in Richtung Mülleimer. "Die Hotline des Herstellers ist besetzt, in der Zentrale geht keiner ran. Jetzt will sich unser Versand schlau machen, die forschen nach und melden sich dann."

Ich nicke. Anscheinend sind die Handbücher nur internationaler geworden. Am altbekannten Frust hat sich aber nichts geändert. Oh, diese Service-Wüste.

Carsten Scheibe
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