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"Leaving Neverland": Darf ich das mit meinem Kind sehen? Die wichtigsten Fragen zur Michael-Jackson-Doku

ProSieben zeigt am Samstagabend die Michael-Jackson-Doku "Leaving Neverland" - zur besten Sendezeit. Doch kann ich das mit meinen Kindern gucken? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu dem Film.

Von Jochen Siemens

Michael Jackson und Wade Robson 

Michael Jackson und Wade Robson 

Meine Kinder sind große Michael-Jackson-Fans. Kann ich mit ihnen den Film ansehen?

Das muss jeder selbst entscheiden. Der Film hat keine Altersempfehlungen. Dennoch können die, sehr detailliert beschriebenen Sexualpraktiken Kinder und Jugendliche verstören, sie sollten den Film auf keinem Fall alleine anschauen. Der Sender ProSieben wird wie im amerikanischen Original eine Warntafel zu Beginn der Doku einblenden mit dem Wortlaut: "Warnhinweis: Die folgende Sendung enthält explizite Beschreibungen sexuellen Handelns an Kindern." Zudem wird der Sender mehrfach auf das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (0800 22 55 530) und das Hilfeportal hinweisen, das ein Angebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs ist.

Haben James Safechuck und Wade Robson Geld für Aussagen in dem Film bekommen?

Nein. Der Regisseur James Reed hat mehrmals betont, dass weder Safechuck noch Robson und auch alle anderen Familienmitglieder, die in dem Film aussagen, kein Geld für ihr Mitwirkung bekommen haben.

Hat James Reed die Aussagen der beiden überprüft?

Soweit es ging, ja. Er habe viel Zeit damit verbracht, Widersprüche, Ungereimtheiten oder mögliche falsche Ort- und Zeitangaben zu überprüfen und nichts gefunden. Was sich aber, laut Aussagen der beiden Männer, zwischen ihnen und Michael Jackson in Schlafzimmern und Betten abgespielt habe, kann nicht überprüft werden. Reed zitiert aber auch Aussagen von ehemaligen Hausangestellten Jacksons, die von sehr fragwürdigen Szenen und Beobachtungen in Jacksons Privaträumen berichteten.

Warum kommen in dem Film weder die Familie Jackson noch andere Freunde vor, die von einem anderen Michael Jackson berichten könnten?

Dan Reed sagt zu dieser Frage, dass es kein Film über Michael Jackson sei, sondern ein Film über Safechuck und Robson. Das ist aber eine schwache Begründung. Es kann und wird durchaus so sein, dass es zahlreiche andere, damals junge Fans gab, die mit Michael Jackson befreundet waren und möglicherweise in seinem Haus übernachtet haben und die nie von ihm berührt wurden. Darum geht es aber nicht. Es geht in diesem Fall um zwei Männer, die detailliert berichten, von Michael Jackson missbraucht worden zu sein. Missbrauch wird nicht geringer oder unglaubhaft, wenn er in anderen Fällen nicht stattgefunden hat.

Und was soll die Familie Jackson dazu beitragen?

Sie streitet alles ab, aber keiner von ihnen war, wie auch alle anderen, je dabei. Michael Jackson war oft in Deutschland und ist auch hier damals mit jungen deutschen Fans gesehen worden, in Hamburg hat er sogar bei einer Familie gewohnt.

Ist das verdächtig?

In einem offenen Brief wies die Familie Schleiter aus Hamburg alle Verdächtigungen gegen Jackson zurück. Die Familie sei von 1995 bis mindestens 2006 mit Jackson befreundet gewesen, 2006 besuchte der Weltstar die Familie in ihrem Haus in Hamburg-Niendorf. "Wir sprechen hier für Michael, weil er es verdient hat und weil er der beste Freund war, den wir uns vorstellen konnten", so die Familie. Im März 1998 will auch der Münchener Michael Jacobshagen, damals mit 14, mit Jackson eine Nacht in einer Hotel-Suite im Hotel "Bayerischer Hof" verbracht haben. Dabei habe sich Jackson an ihn gepresst und seinen Nacken geküsst, so Jacobshagen zur "Bild"-Zeitung. Die Angaben konnten nicht überprüft werden.

Warum sagten Safechuck und Robson in einem Prozess 2005 noch für Michael Jackson aus und verklagten die Erben aber 2017, acht Jahre nach Jacksons Tod, auf Missbrauch und Schadensersatz?

Das ist der komplizierteste Teil des Films. Beide berichten, dass sie in dem Verfahren 2005 noch nicht bereit waren zu realisieren, missbraucht worden zu sein und auch das Gefühl hatten, einem alten Freund helfen zu wollen. Erst durch persönliche Erlebnisse wie Väter zu werden und der langsamen Aufarbeitung ihres Traumas, seien sie erst 2017 bereit gewesen, auszusprechen, was sie erlebt hätten. Ihre Klage wurde 2017 abgewiesen, weil, so das Gericht, eine Erbengemeinschaft nicht für das, was Jackson angeblich getan habe, verantwortlich sei. Außerdem sei der Vorfall verjährt. Das Verfahren ist in der Revision.

Also geht es beiden doch nur um Geld?

Kann man so sehen, aber wenn schon. Zwei Männer berichten von einem mehrjährigen Verbrechen an ihnen, das zu Traumata und anderen seelischen Schäden geführt hat. Auf was anderes als auf Schadensersatz sollen sie klagen? Mal abgesehen davon, dass langjährige Therapien auch Geld gekostet haben. Und die laute Gegenklage der Jackson-Familie, dass sich hier zwei Männer nur am Vermögen Jacksons bereichern wollten, kommt von einer Seite, die genau um dieses Vermögen fürchtet, sollten die Vorwürfe die immer noch sprudelnden Einnahmen aus Michael Jacksons Musik, schmälern.

Gibt es nach vier Stunden "Leaving Neverland" irgendetwas, was Michael Jackson entlastet?

Entlastet nicht, es bleibt nur bei der Aussage der beiden Männer. Michael Jackson kann dazu nicht mehr gehört werden. Und Beweise im klassischen Sinne gibt es auch keine. Nur: Was ist ein Beweis, wenn ein Siebenjähriger davon berichtet, von Michael Jackson vor 25 Jahren im Schlafzimmer berührt und missbraucht worden zu sein? Bettlaken, DNA-Spuren oder blaue Flecken auf der Haut wurden damals nicht aufgenommen, weil alles in verschlossenen Schlafzimmern passierte. 

Warum sagen Safechuck und Robson in dem Film, dass sie sich als Kinder nicht missbraucht gefühlt haben?

Weil das so war. Sieben- oder Achtjährige wissen noch nicht, was es bedeutet, wenn ein erwachsener Freund mit ihrem oder vor ihnen mit seinem Penis spielt. Und Jackson, so die beiden, ihr King und der Weltstar, schwor sie ein, dass es alles Liebe unter Freunden sei und unter Freunden behalte man so ein Geheimnis unter sich. "Ich dachte später, ich werde dieses Erleben nie erzählen und mit ins Grab nehmen", sagte James Safechuck.

Ist es redlich, zehn Jahre nach Jacksons Tod, diese Vorwürfe jetzt öffentlich zu machen? Hat der Tote nicht Ruhe verdient?

Nein. Die Aufdeckung und Aufarbeitung von Verbrechen, wie sie Jackson vorgeworfen werden, sind zeitlos. Auch im Fall des englischen TV-Stars Jimmy Savile, der 2011 starb, kamen die Vorwürfe des 500-fachen Kindesmissbrauches erst nach seinem Tod vollständig ans Licht und sorgten für einen Skandal bei der britischen BBC. Eine Aufarbeitung und Untersuchung ist das Mindeste, was man für die Opfer tun kann, die mit den, an ihnen vollbrachten Taten, leben müssen.

Ist "Leaving Neverland" ein guter Film?

Es ist ein eindringlicher Film. Um nicht nur vier Stunden Gespräche zu zeigen, hat James Reed aus Ermangelung anderer Bilder viele Passagen mit Luftaufnahmen über Kalifornien und Los Angeles überbrückt und mit Musik unterlegt, was den Film etwas unnötig dehnt. Reed verzichtet aber auch bei den dramatischsten Aussagen auf jede Skandalisierung oder Kommentierung, was wohltuend ist.

ProSieben strahlt "Leaving Neverland" am Samstag, 6. April, um 20.15 Uhr aus.

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