Scheibes Kolumne Gepflegter Spam-Exorzismus


Wer Spam-Post bekommt und sich darüber ärgert, kann die Versender ab sofort anschwärzen und der juristischen Nachstellung ausliefern. Stern.de-Mitarbeiter Scheibe sammelt schon mal.

Die Erfindung der E-Mail hat mein Leben verändert. Nie wieder muss ich ein Silvester beschützend neben dem Briefkasten verbringen, nur weil ich aus Versehen 100 Briefe eingesteckt habe, ohne zu bedenken, dass der Kasten vor der Knallerei nicht mehr geleert wird. Stattdessen spare ich Porto und maile. Das ist gut so, denn auf dem Computer kommt der Postbote nicht nur einmal am Tag, sondern alle fünf Minuten.

Vor zwei, drei Jahren meinte mein Onkel aus Amerika, dass er inzwischen eine halbe Stunde am Tag nur mit dem Beantworten seiner Mails verbringt. Whoa, da staunte ich aber. In Deutschland war man der Sache wieder einmal weit hinterher und war froh, überhaupt Mails zu bekommen. Heute sitze ich eine Stunde pro Tag an meinen Mails. Schuld daran ist auch der Spam, der in Deutschland bereits 80 Prozent der empfangenen Mails ausmacht. Zum Glück sortiert mein IncrediMail alle Mails von Anwendern, die er nicht kennt, gleich in einen speziellen Junk-Ordner ein. Ein paar Mal am Tag schaue ich hier rein. In der Regel kann ich die 20, 30 Mails, die sich hier sammeln, gleich in einem Rutsch löschen. Das sind ja doch nur Sexmails, Viagra-Verkaufslisten, Viren oder Newsletter, die ich nie abonniert habe.

Spam ist böse

Der Spam stört mich, weil er mich zeitlich aufhält. Ich lösche das Zeug bestimmt bis zu zehn Mal am Tag. Da sich aber doch ab und zu ein paar schräge Highlights in den Spam-Nachrichten finden, die mich zu dem einen oder anderen Artikel inspirieren, verzichte ich darauf, einen richtigen Spamfilter zu installieren. Mich nervt dabei noch viel mehr, wie die Spam-Flut nicht nur mein eigenes Leben, sondern insgesamt das Verhalten im Netz verändert.

Zahllose Onliner schützen sich inzwischen mit den verrücktesten Maßnahmen vor den Spam-Botschaften. Viele setzen auf Blockadesysteme, die nur noch Mails von bekannten Kommunikationspartnern durchlassen. Das führt dazu, dass sich bei mir virtuelle Bodyguards melden und mich dazu auffordern, im Web per Mausklick zu bestätigen, dass ich kein Spammer bin. Da muss ich dann auch manchmal Buchstaben von einer Minigrafik abtippen, um zu beweisen, dass ich ein Mensch und kein tumber Spam-Roboter bin, der so etwas nicht kann. Erst nach diesem Kunststück wird meine Mail dann an den Empfänger zugestellt. Manchmal kommen meine Mails auch gar nicht an. Dann meint eine Amok-laufende Spamkiller-Maschine, dass meine E-Nachricht selbst Spam ist - und löscht sie ohne Rückfrage. Damit es zu dieser Verurteilung mit sich anschließender Vollstreckung kommt, reicht es bereits aus, wenn bestimmte Schlüsselwörter in der Mail enthalten sind.

Aus Angst vor der Flut

Ärgerlich ist auch, dass es immer schwieriger wird, an die Mail-Adressen der Leute heranzukommen. Auf den Homepages werden die Adressen oft nicht mehr genannt. Oder sie sind als Bild in die Seiten integriert, sodass ein Spam-Roboter sie nicht auslesen kann. Dafür kann ich sie dann auch nicht als Mail-Link anklicken - und muss die Adresse von Hand abtippen.

Besonders lästig finde ich die Online-Formulare, die immer mehr um sich greifen. Hier muss ich lauter Eintragungen vornehmen, die mein Mail-Programm ansonsten von ganz alleine verwendet. Das bedeutet, dass das Mail-Schreiben für mich auf einmal deutlich länger dauert als vorher. Und überhaupt: Ich habe das Gefühl, dass Nachrichten aus einem Online-Formular sowieso nie gelesen oder beantwortet werden. Letztens hatte ich jemanden am Telefon, der gab freimütig zu, meine E-Mail gar nicht bekommen zu haben. Denn die Mail-Adresse, die er auf die Homepage geschrieben habe, gebe es gar nicht in Wirklichkeit. Die sei nur da, um den Spammern eins auszuwischen. Na prima.

Ein Ventil für die Wut

Nun bin ich gereizt genug: Soll es den Spammern doch an den Kragen gehen! Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv, www.vzbv.de/go/) richtet jedenfalls extra dafür die Mail-Adresse beschwerdestelle@spam.vzbv.de ein. Jeder, der eine Spam-Nachricht erhält, kann sie fortan an diese Adresse weiterleiten (siehe www.vzbv.de/go/presse/608/index.html). Das vom Bundesverbraucherministerium geförderte Projekt möchte die einzelnen Fälle prüfen, um ggf. juristisch gegen die Spam-Versender und ihre Auftraggeber vorzugehen. Dabei soll auch versucht werden, den Spammern ihre Gewinne abzunehmen.

Das ist gut so. Aber: Ist diese Stelle denn überhaupt dazu in der Lage, der Flut der zu erwartenden Mails Herr zu werden? Und wird der Dienst nicht auch missbraucht, um harmlose Geschäftsleute zu erpressen, die sich mit dem Versand von Serien-Mails noch nicht so richtig auskennen? Etwa nach der Art: Schickst du mir noch mal eine Mail, dann leite ich dich an die vzbv weiter. Ätsch. Haste dann davon!

Das ist nämlich die nächste große Gefahr. Dass die Anwender sich bald nicht mehr trauen, eine Mail an eine andere Person zu schicken, weil sie vielleicht als Spam abgeurteilt wird. Schließlich reicht eine einzige Werbe-Mail an jemanden, der die Mail gar nicht empfangen möchte, bereits aus, um sich ein Schreiben von einem Anwalt einzufangen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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