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Scheibes Kolumne: Multimedia im Flieger

Stern.de-Kolumnist Scheibe ist aus dem Urlaub zurückgekehrt. Seinen Zivilisationschock erlebte er bereits im Flugzeug. Auf engstem Raum zeigte sich überdeutlich, wie viele Medien bereits zum Muss eines normalen Bürgers gehören.

Noch auf dem Weg zu ihren Plätzen im Interkontinentalflieger halten die Reisenden ihr Handy ans Ohr, während sie mit dem Handgepäck in der anderen Hand den Urlauber vor sich in den Rücken pieksen. Damit der schneller läuft. Nur sehr widerwillig und murrend schalten die Leute dann kurz vor dem Start ihr Handy aus. Die Stewardess muss ein paar Mal rigoros eingreifen, um auch noch den letzten Handy-Benutzer dazu zu bringen, die Funkquäke auszumachen. Schließlich möchte der Pilot seinen Donnervogel in die Luft bringen, ohne dass der Flieger dabei Handy-ferngesteuert Loopings fliegt.

Kaum hat der Jet seine optimale Höhe erreicht, kramen die Fluggäste auch schon wieder in ihren Taschen. Doch es werden keine Fluppen herausgeholt, um heimlich auf der Bordtoilette eine zu rauchen. Auch die Kondome bleiben stecken: Der Miles High Club muss um neue Mitglieder bangen, seitdem kein Pärchen mehr auf die Idee kommt, es in der engen Klokabine mit dem Sex über den Wolken zu probieren. Das einzige Pärchen, dass ich in meiner nächsten Umgebung sehe, hockt gebeugt über einem alten Game Boy und daddelt, dass es mir in den Ohren düdelt.

Geblendet vom Notebook

Vor mir würde meine Frau gerne schlafen. Das kann sie aber nicht. Denn ihr Nachbar hat erst den schwarzen U2-iPod herausgekramt, um über einen schweren Sony-Kopfhörer Musik zu hören. Dann hat er sein Notebook aus dem Rucksack befreit, um während des Flugs seine E-Mails und die Outlook-Termine zu bearbeiten. Dabei leuchtet der schräg gestellte Bildschirm meiner Frau grell mitten ins Gesicht.

Dabei handelt es sich aber noch lange nicht um alle Technikgeräte, die die Fliegenden in ihren Gepäckstücken aufgestöbert haben. Hinter mir schaut sich jemand seine Urlaubsfotos auf dem Display seiner Digitalkamera an. Zwei Kinder haben sich mit ihren tragbaren Spiele-Konsolen verkabelt und treten nun bei einem Autorennen gegeneinander an. Dabei können sie in den Kurven weder die eigenen Arme noch die Beine stillhalten. Und so prügeln sie aus Versehen immer wieder gegen die Rücklehne ihres Vordermanns. Der ist schwer begeistert.

Weiß leuchtet das iPod-Kabel

Die weißen Kopfhörer des iPods sind auf einigen Plätzen zu sehen. Viele Reisende haben aber auch normale MP3-Player bei sich. Die eigene Musik ziehen sie dem Musikprogramm des Fliegers anscheinend vor. Das ist betrüblich, denn die Airline verschenkt inzwischen sogar ihre Kopfhörer. Auf vier Flügen habe ich jetzt 16 Kopfhörer eingesammelt, die allesamt mit einem kleinen Klinkerstecker ausgestattet sind und auch in den MP3-Player passen. Das ist ein guter Vorrat für die Zukunft.

Ich wundere mich nur darüber, dass es an Bord keinen Gast mit einem Mini-DVD-Player gibt. Denn die Bildschirme an Bord sind so mies, dass es kein Vergnügen ist, auf ihnen den angebotenen Kinofilm zu schauen. Komisch, dass die Fluglinien da nicht mitziehen. Das eigene Computerterminal am Sitzplatz mit Internet-Zugang und Spielepaket: So ließe sich doch auch der längste Flug auf angenehme Weise überbrücken.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania