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Kolumne Winnemuth Eine Welt voller Wunder

Winnemuth-Kolumne: Eine Frau mit staunendem Gesichtsausdruck
Bei so mancher Erfindung kann man nur staunen, findet stern-Kolumnistin Meike Winnemuth - und sei es nur in ungläubiger Weise
© bowie15/iStockphoto
Weniger zu kaufen ist gar nicht so schwer. Wären da nicht so dolle Angebote wie der Strumpfband-Safe oder der Thermoflamm-Unkrautvernichter.

Habe ich es übertrieben? "Ach, liebe Frau Winnemuth", so lautete kürzlich ein Facebook-Kommentar, "erst soll ich meine Bücher wegschmeißen. Dann den Klöterkram aus den Regalen und ungetragene Klamotten. Jetzt auch noch Chips und Wein? Haben Sie doch Erbarmen …" Und das war sogar noch vor meiner Kolumne über das Fasten in der letzten Woche.

Also erstens: Sie doch nicht, liebe Leserinnen und Leser! Wann immer ich Neues schreibe über mein leider nur unregelmäßig betriebenes Hobby, klar Schiff zu machen im Leben, meine ich wirklich nur mich. Niemand sonst soll was sollen und muss was müssen.

Zweitens: Ach, wäre ich nur konsequent darin. Gerade sitze ich hier, glücksglucksend, bei der Lektüre meines jährlichen Produktpornos, des Pro-Idee-Katalogs. Es ist eine Leistungsschau des galoppierenden Wahnsinns, des Absurden, Überflüssigen, Lächerlichen - und bei jedem zweiten Teil denke ich: Doll, das müsste man dringend mal ausprobieren. Elektrische Rollschuhe mit 19 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit! Der Rollkoffer mit integriertem Arbeitstisch ("Wartezeiten im Airport und andernorts nutzen Sie jetzt mit Komfort")! Die Strandmatte, durch die der Sand hindurchrieselt! Der Kosmetikspiegel mit Multimediacenter, über den man sogar Anrufe entgegennehmen kann! Der Thermoflamm-Unkrautvernichter! Der "geniale Strumpfband-Safe für Geld, Handy, Schlüssel, Lipgloss" im Spitzenlook!

Jede noch so bekloppte Idee wird Wirklichkeit

Der Pro-Idee-Katalog ist vielleicht der letzte Ort der Welt, an dem noch mit "Nasa-Technologie" aufgetrumpft wird oder einer Studie, durchgeführt "mit 15 ausgewählten Personen an der renommierten schwedischen Modo Sports Academy". Die Preisgestaltung ist … sagen wir, mutig. Ein Klappmesser für 690 Euro, ein schreihässlicher Lautsprecher in Form einer sonnenbebrillten Französischen Bulldogge, in deren Kopf man ein iPhone rammen kann, für schlappe 1499 Euro. Oh, ich vergaß: "Im eingeschalteten Zustand leuchtet der Pfotenrand in sphärischem Blau." Und die Musik kommt aus der Sonnenbrille. Ja, dann ...

Was mich so entzückt am Pro-Idee-Katalog, ist die Tatsache, dass jede noch so bekloppte Idee, von Zwölfjährigen auf dem Schulhof oder beim vierten Bier am Kneipentisch ersonnen, hier Wirklichkeit geworden ist. Allein der Party-Stehtisch "Kick & Cool" mit integriertem Tischkicker und darunterliegender Eiswanne zum Flaschenkühlen! Bitte, wer denkt sich so was aus? Und wer baut so was dann auch noch? Es ist alles so fabelhaft überkandidelt, so zum Kichern kindisch und gleichzeitig so ungebrochen zukunftsoptimistisch, dass ich jedes Mal gerührt bin vom Einfallsreichtum unserer Spezies. Im Pro-Idee-Katalog ist das Leben mit den richtigen Hilfsmitteln plötzlich wieder effektiv und leicht und lustig, es ist ein endloser Kindergeburtstag für zivilisationsübersättigte Erwachsene.

Zukunft oder nur merkwürdiger Teil der Gegenwart?

Gleichzeitig denke ich: Was, wenn ich all das, was wir heute für unentbehrlichen Alltagskram halten - Smartphone, Mikrowelle, Epiliergerät -, in einen Katalog packen und ihn per Zeitreise-Post meiner Oma Lina, Gott hab sie selig, schicken würde? Würde sie nicht kichern, den Kopf schütteln und den Katalog dann mit dem schönen Gefühl, all das nicht zu brauchen, zur Seite legen? Und war nicht vor wenigen Jahren der Staubsaugroboter ein Ding aus dem Pro-Idee-Katalog, ist heute aber Saturn-Standardware? Vielleicht ist es die Zukunft, die mir da aus dem Katalog entgegenschaut. Vielleicht aber nur ein besonders merkwürdiger Teil der Gegenwart.

Und jetzt noch mal zurück zu diesem vollautomatischen Würstchen-Toaster …


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