Scheibes Kolumne Schlumpiwutz-Ausreden


Wenn Termine drängen oder bereits verstrichen sind, lohnt es sich, an einem PC-Arbeitsplatz weit weg vom Auftraggeber zu sitzen. Stern.de-Kolumnist Scheibe stolpert immer wieder über Ausreden, die zu gut sind, um wahr zu sein.

Die Uhr ist unerbittlich, da helfen auch keine DSL-Verbindung und keine ultraschnelle Festplatte. Dass die Zeit am Rechner generell schneller verstreicht, wissen alle Workaholics, die am heimischen Computer ihren Lebensunterhalt verdienen - im Auftrag eines Chefs, der in einem anderen Büro oder gar in einer anderen Stadt sitzt.

Viel zu schnell ist der von einem Auftraggeber gesteckte Termin verstrichen - und es gibt Ärger. Ach, könnte man doch angesichts eines drohenden Tadels nur die Zeit anhalten, um so in aller Ruhe die letzten Handgriffe an einem Text, einer Präsentation oder einer Webseite zu vollenden! Viele Auftragnehmer wünschen sich, in diesen Momenten der geplatzten Deadline, ein Zeitloch zu finden. Entweder, um es zu nutzen oder um darin zu verschwinden. Da es diese Möglichkeit nicht gibt, hilft nur eins - eine gute Ausrede zu erfinden. Da der Auftraggeber meist nicht vor Ort ist, kann auch niemand ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Die folgenden Schlumpiwutz-Ausreden stehen auf dem Podest der besonders häufig genutzten Phrasen ganz weit oben:

Ausrede 1: "Die E-Mail habe ich nie bekommen."

Na klar. Der Spamfilter schluckt jeden Mist und löscht alle Meldungen, in denen Wörter wie "Viagra", "Sex" oder "Kredit" vorkommen. Das ist aber bei der Mail vom Boss garantiert nicht der Fall gewesen. Also liegt sie auch im Mail-Programm vor. Denn das ist so sicher wie in Stein gemeißelt: Keine wirklich wichtige Mail dieser Welt geht verloren. Leider.

Ausrede 2: "Ein Virus hat meine Arbeit gelöscht. Ich war gerade fertig."

99,9 Prozent aller Viren, die zurzeit unterwegs sind, sind Skriptviren. Die gefallen sich darin, einen unsichtbaren SMTP-Server zu installieren, der sofort neue Viren-Mails versendet. Nur noch gaaaanz wenige Viren besinnen sich auf ihren destruktiven Ursprung und löschen einzelne Dateien oder gleich die ganze Festplatte. Und sowieso: Jeder PC-Arbeiter sollte seine Arbeit doch täglich in einem Backup sichern, oder?

Ausrede 3: "Die Festplatte ist ausgefallen. Da war auch der Backup drauf."

Diese Ausrede wird gerne gleich zwei Mal nacheinander genutzt. Meist fällt die zweite Festplatte nur wenige Tage aus, nachdem sie die erste ersetzt hat. So verhindern Auftragnehmer, dass sie ihrem Auftraggeber irgendetwas Verwertbares vorweisen müssen. Vor allem Programmierer nutzen diese Ausrede gerne: "Der ganze Code ist jetzt futsch, ich muss wieder von vorne anfangen". Komischerweise gehen die Festplatten immer nur dann kaputt, wenn der Abgabetermin bereits heillos überzogen ist. Und nie vorher.

Ausrede 4: "Der PC wollte plötzlich nicht mehr. Der Service-Techniker hat ihn übers Wochenende mitgenommen."

Wetten, dass der Rechner noch vorhanden ist? Und dass er gerade am Wochenende benutzt wird wie noch nie zuvor? In diesem Fall nutzt der Arbeitnehmer nämlich den herausgeschundenen Aufschub, um die verlorene Zeit wieder hereinzuholen.

Ausrede 5: "Ich bin krank"

Da müssen doch alle Mitleid haben. Mitten im größten Stress wird der Arbeitnehmer plötzlich krank. Schreibt er jedenfalls per Mail. Meistens ist es die Grippe. Oder eine Mandelentzündung. Seltener eine Augen- oder eine Sehnenscheidentzündung. Beim ersten Mal gibt es auf die Phrase oft noch Mitgefühl - und ein "Ruhen Sie sich aus. Hilft ja nix." Häufen sich die Krankheitsfälle aber immer zum Abgabetermin hin, wird jeder Chef misstrauisch. Und schaut sich den Kranken dann doch einmal vor Ort an.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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