Scheibes Kolumne Zahlemann & Söhne


stern.de-Kolumnist Scheibe trifft sich mit seinen selbstständigen Freunden Cookie, Robert und Jörgi im neu eröffneten Julchen in Falkensee. Bei guter Hausmannskost aus Berlin und Brandenburg geht das Gespräch dieses Mal darum, wie kleine Unternehmen immer wieder durch Abgaben oder bürokratische Hemmnisse am Arbeiten gehindert werden.

Ich bestelle ein Bauernschnitzel im Bierteig und ein dunkles Louny-Bier. Das Bier kommt zuerst und ich nehme einen großen Schluck. Ah, das tut gut. Dann schaue ich meine Tischnachbarn Robert, Cookie und Jörgi grimmig an und fange auch schon an zu meckern: "Ihr wisst ja, dass ich eine kleine Stadtzeitung herausgebe. Wusstet ihr, dass ich von jeder Ausgabe immer zwei Hefte an die Deutsche Bibliothek senden muss, wo sie dann archiviert wird? Gut, das kostet mich einmal Porto im Monat, das ist zu verschmerzen. Aber jetzt ist eine neue Verordnung zur Pflichtabgabe von Netzpublikationen (Die Verordnung als PDF-Datei) in Kraft getreten. Das bedeutet, dass Online-Magazine ebenfalls archiviert werden sollen.

Online-Archivierung

Nichts Genaues weiß man nicht. Aber es ist wohl so, dass die Deutsche Nationalbibliothek erwartet, dass die Online-Magazine jede Seite als PDF speichern und diese dann via FTP auf einen Bibliotheksserver überspielen. Habt ihr eine Ahnung, was das wieder für eine Zeit kostet? Zumal: Wo soll denn da der Nutzen sein? Strafen bis zu 10.000 Euro winken dem, der sich nicht an die Vorgaben hält, so liest man. Das ist doch wieder so eine Situation, wo meine Arbeitszeit unnötig gebunden wird und ich einfach meinen normalen Job nicht tun kann. Da ist es doch kein Wunder, wenn es mit der Wirtschaftlichkeit im Land den Bach runtergeht. Wenn die unbedingt alles archivieren wollen, warum programmieren die dann keinen Bot, der sich selbst darum kümmert?"

GmbH-Jahresabschlüsse

Jörgi freut sich auf seine Kalbsleber mit Apfelringen und Kartoffelbrei. Er bleibt bei Cola, er muss noch mit dem Auto nach Hause fahren. "Ja, super. Jede Menge Bestimmungen und keiner weiß, wie das mit der Umsetzung funktionieren soll. Mein Steuerberater hat mich letztes Jahr schon darüber informiert, dass GmbHs nun ihre Jahresabschlüsse im Internet (www.unternehmensregister.de) veröffentlichen müssen, sodass jeder Hansel per Mausklick auf den Cent genau sehen kann, wie es um meine Firma bestellt ist.

Das ist natürlich überhaupt nicht in meinem Sinn, wenn Kunden auf einmal zu mir sagen, dass ich mich nicht so anstellen soll, wenn sie ihre Rechnungen später bezahlen - ich hätte ja eh genug Kohle. Darüber hinaus kostet der Dienst auch noch Geld. Ich muss also dafür bezahlen, dass meine Jahresabschlüsse gegen meinen Willen öffentlich im Internet landen. Und ich habe noch Glück, dass mein Steuerberater mitgedacht und das selbstständig angeleiert hat. Ich kenne mehrere Firmen, die haben happige Bußgelder bezahlen müssen, weil sie ihre Abschlüsse eben nicht rechtzeitig übermittelt haben."

Künstlersozialkasse

Cookie winkt ab und die Kellnerin herbei. Er habe Berliner Bierhähnchen bestellt, wo das denn bliebe. Kommt gleich, hört er. Und so kann auch er etwas erzählen: "Meine Firma arbeitet viel mit Externen zusammen. Jetzt kriegen wir auf einmal einen Brief von der Künstlersozialkasse. Die wollen wissen, welche externen Künstler wir in den letzten Jahren engagiert haben. Dazu zählen auch Webdesigner und Layouter. Wenn diese Leute für uns tätig waren und nicht in einer GmbH oder so organisiert waren, dann muss ich ein paar Prozent von den bezahlten Honoraren an die Künstlersozialkasse abdrücken.

Hallo? Tickt's noch sauber? Mit den Geldern werden dann die Sozialversicherungen von Malern, Schriftstellern und anderen Kreativen mit finanziert. Bin ich denn hier das Künstlerförderungsamt, was hab ich mit denen zu tun? Muss ich jetzt einen Maler mitbezahlen, der kein Talent hat und sich den ganzen Tag auf dem Sofa ausruht, während ich meine Kinder auch am Wochenende nicht sehe, weil ich durcharbeiten muss? Wo sind wir denn jetzt angekommen? Meine Konsequenz ist: Ich engagiere nur noch große Firmen, bei denen keine Abgaben an die Künstlersozialkasse fällig werden. Da geht dieser Kniff wohl nach hinten los. Ich hasse diesen Zwang zum sozial sein. Wenn ich einen Maler fördern möchte, kauf ich ihm ein Bild ab. Verkauft er keine Bilder, ist er wohl nicht gut genug. Dann soll er sich einen anderen Job suchen."

Insolvenzüberbrückungsgeld

Jörgi kaut schon kräftig. Er hat Entenbrust bestellt. "Ich habe zehn Angestellte. Einmal im Jahr kriege ich einen Fragebogen von der Berufsgenossenschaft, wie viele Leute ich denn zurzeit noch habe. Dann klingeln auch schon Zahlemann & Söhne bei mir. Dann muss ich nämlich eine Umlage (Information als PDF-Datei) bezahlen, um die staatlichen Aufwendungen für das Insolvenzüberbrückungsgeld mit zu finanzieren.

Das läuft dann so: Geht eine Firma insolvent, dann bekommen die Angestellten noch maximal drei Monate lang ein Insolvenzüberbrückungsgeld ausbezahlt. Dieses Geld wird anteilig auf die angestellten Mitarbeiter von den anderen Firmen in Deutschland bezahlt, denen es noch gut geht. Das bedeutet, dass ich kräftig bluten muss für all die Schlumpifirmen im Land, die ihren Laden vielleicht aus mangelnder Weitsicht, aus betrügerischem Ansinnen oder einfach aus nicht vorhandenem betrieblichen Wissen an die Wand gefahren haben. Je mehr Firmen in die Insolvenz gehen, umso höher wird die jährliche Umlage. Bei manchen Firmen sorgt alleine diese Zahlung dafür, dass sie selbst schon an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gelangen."

Ich winke ab: "Freunde, wir können doch alle nur zahlen und meckern, aber nix ändern. Zumal wir gar nicht richtig Bescheid wissen, wie es um diese vier Posten wirklich steht. Lasst uns unsere letzten Kröten heute abend auf den Kopf hauen, um hier im Julchen noch ein bisschen Spaß zu haben. Die nächste Runde Louny-Bier geht auf mich."

Eine Glosse von Carsten Scheibe

Scheibe@typemania.de, www.typemania.de


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