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"Alan Wake": Eingeholt von den eigenen Geschichten

Das Horror-Adventure "Alan Wake" entführt Videospieler in die albtraumhaften Visionen eines ausgebrannten Grusel-Schreiberlings. Die Geschichte ist so spannend, dass sie einige spielerische Mängel ausgleicht.

Horror-Autoren schreiben gerne über andere Horror-Autoren - und davon, wie es ist, die Tage mit Albträumen zu verbringen, um diese Albträume mit Millionen anderer Menschen zu teilen. Insbesondere Stephen King ist dafür bekannt, dass er vorzugsweise von Schreiberlingen erzählt, die Opfer ihrer eigenen Geschichte werden. Auch die interaktive Gruselmär "Alan Wake" vom bekannten Games-Entwickler Remedy ("Max Payne") folgt dieser Spielart des Grusel-Genres. Und das derart unverblümt, dass man Alter Ego Alan Wake sogar allenthalben Stephen King zitieren lässt. Oder anders ausgedrückt: "Alan Wake" ist nicht mehr und nicht weniger als eine spielbare King-Erzählung - nur eben ohne dessen offizielles Siegel.

Fünf Jahre sind seit der ersten Ankündigung des Titels vergangen. Und man darf sich fragen, ob die Macher zwischenzeitlich eine kreative Pause einlegen mussten - so eine, wie sie sich auch Alan Wake gönnt. Einst ein gefeierter Autor leidet er seit zwei Jahren unter einer Schreibblockade und bringt nicht mal mehr einen schaurigen Kinderreim zu Papier. Darum überredet seine Frau Alice ihn zu einem vermeintlich entspannenden Urlaub in ländlicher Idylle: Ein gemütliches Häuslein auf einer Insel im See soll das Paar so lange beherbergen, bis Alans Batterien wieder aufgeladen sind. Die auf psychisch labile Künstler spezialisierte Nervenheilanstalt im nahe gelegenen Bergdorf Bright Falls soll ihr Übrigens tun, um den Verstand des einstigen Erfolgsautors wieder auf Kurs zu bringen.

Leider haben die beiden ihre Rechnung ohne die dunklen Kräfte gemacht, die das scheinbar so friedliche Örtchen und das Haus am See im Griff haben: Ein gestaltloses Dunkel lässt Alans Manuskript Wirklichkeit werden - ein Manuskript, von dem der Schriftsteller nicht mal mehr weiß, dass er es überhaupt verfasst hat. Denn kurz nach Ankunft in der Ferienhütte verschwindet Alice kreischend aus der Hütte ... und Alan wacht eine Woche später wieder auf, ohne sich auch nur an das Geringste zu erinnern! Scheinbar hat er in genau dieser Zeit eine Geschichte zu Papier gebracht, von deren albtraumhaften Gestalten er jetzt verfolgt wird.

Ob Restaurant-Bedienung, Axt-bewehrter Holzfäller, Bergarbeiter oder Polizist: So ziemlich alles, was in und um Bright Falls herum unterwegs ist, wird vom Dunkel in Beschlag genommen, um den von allen Höllenhunden gehetzten Alan Wake aufzuhalten. Einmal von der finsteren Energie in besessen, stürzen sich die nun willenlosen Landeier stöhnend und knurrend auf das Alter Ego des Spielers - und das mit teils erschreckender Geschwindigkeit.

Die Waffe ist - Licht!

Die einzige wirkungsvolle Waffe im Kampf gegen die Kinder der Dunkelheit ist - Licht! Ganz gleich, ob es gebündelt durch die Linse einer Taschenlampe strahlt oder von Leuchtfackeln und Blendgranaten verströmt wird: Es schwächt die Finsterlinge so sehr, dass sie wieder für die Auswirkungen konventioneller Waffen zugänglich sind.

Hin und wieder genügt aber auch die Einwirkung von Licht allein, um die Gegnerschar in Schach zu halten: Sind es keine Lebewesen, sondern tote Gegenstände, die in Poltergeist-Manier von den Schatten belebt werden, dann bedarf es keiner Munition - Traktoren, Mähmaschinen, aber auch Jauchebehälter, Benzinfässer, Kronleuchter oder störrische Türen geben buchstäblich den Geist auf, wenn man ihnen nur lange genug heimleuchtet.

Einfach sind die Kämpfe deshalb aber noch lange nicht: Munition, Taschenlampen-Batterien und andere Lichtproduzenten sind rar gesät. Und nicht selten sucht der Spieler sein Heil so lange in der Flucht, bis er endlich einen rettenden Generator erreicht. Dann wird das bockige Ding mit Hilfe eines kurzen Geschicklichkeitsspiels so schnell wie möglich in Gang gebracht, damit die angeschlossene Lichtquelle der mordgierigen Schattenmeute rechtzeitig Einhalt gebietet.

Kämpfe werden monoton

Obwohl das Spiel mit Licht und Schatten ohne Zweifel Klassiker-Potenzial hat, ist es zugleich die größte Schwäche des Titels: Entwickler Remedy verlässt sich derart penetrant auf dieses Element als einzigen Stimmungsmacher, dass leider viel zu selten gepflegte Grusel-Atmosphäre aufkommt. Obendrein werden die Kämpfe schnell monoton: Dauernd gleiche Gegner zu bestrahlen und ihnen dann das Licht auszuknipsen - das wird schnell langweilig und kann nicht immer von der interessanten Geschichte kompensiert werden, deren Vorwort als Mini-TV-Serie auf www.brightfalls.com zu sehen ist.

Was bleibt, das ist eine fantastische und obendrein spannend erzählte Mystery-Story, die zwar hin und wieder unter veralteter Technik und spielerischen Unzulänglichkeiten leidet, aber allem Ärger zum Trotz angenehm unterhält. Das episodenhaft erzählte "Alan Wake" hat seine Längen - aber es ist so spannend, dass man bis zum bitteren Ende am Ball beziehungsweise an der Taschenlampe bleibt. Teil zwei kann kommen - wir warten.

Alan Wake

Hersteller/Vertrieb

Remedy/Microsoft

Genre

Action-Adventure

Plattform

Xbox 360

Preis

ca. 50 Euro

Altersfreigabe

ab 16 Jahre

Robert Bannert/Teleschau / TELESCHAU
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