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Anschlag auf Boston Marathon: Die heikle Jagd der Hobby-Fahnder

Wer sind die Boston-Bomber? Eine Gruppe von US-Bürgern hat die Fahndung selbst in die Hand genommen und bereits angebliche Täter präsentiert. Es ist eine gefährliche Online-Hetzjagd.

Von Nico Schmidt und Christoph Fröhlich

Dicht an dicht drängten sich die Menschen entlang des Copley Squares im Zentrum von Boston. Mehr als eine halbe Million von ihnen standen nahe der Ziellinie, hatten gute Sicht auf die Strecke des Marathons. Sie fotografierten die Läufer, die Menge und vielleicht auch den Täter, der die Bomben in ihrer Nähe deponierte. Bei der Suche nach dem Täter hat die US-Polizei die Bevölkerung um Hinweise gebeten. Doch vielen geht die Arbeit der Fahndungsbehörden offenbar nicht schnell genug und werden selbst aktiv: Im Online-Forum "Reddit" haben sie eine Art digitale Bürgerwehr gegründet, die akribisch Fotos und Dokumente auswertet. Ihr Ziel: Sie wollen den oder die Täter finden, die drei Menschen getötet und Hunderte verletzt haben.

Der Mann mit der blauen Jacke

Schnell wurden zwei Verdächtige identifiziert. Einem gaben sie den Spitznamen "Blue Robe Guy", er trägt eine blaue Fleece-Jacke und einen Rucksack. Der sehe einem Rucksack ähnlich, in dem nach Angaben des FBI eine der zwei Bomben transportiert wurde. Knapp 350 Einträge ist die Diskussion lang, die sich mit dem potentiellen Rucksack-Bomber befasst. "Er sieht so aus, wie ich mir den Täter vorstelle", schreibt ein User. Der Rucksack des "Blue Robe Guy" hänge so tief, dass nur etwas Schweres wie ein Schnellkochtopf darin sein könne, mutmaßt ein anderer.

Einige Nutzer werten die Körperhaltung des Mannes als Indiz für seine Schuld, andere mahnen zur Vorsicht: Wenn eine Diskussion auf Spekulation basiere, sei eine digitale Hetzjagd nicht weit. Fotos in dem Beitrag zeigen den angeblichen Täter aus mehreren Perspektiven, sein Gesicht ist dutzendfach unverpixelt im Netz zu sehen.

Doch was, wenn der Mann unschuldig ist und mit dem Verbrechen überhaupt nichts zu tun hat? "Reddit bietet unzählige Gelegenheiten, Unbeteiligte zu beschuldigen", sagt Eric Notarnicola stern.de. Er hatte laut eigener Aussage bereits kurz nach dem Attentat die Bestandteile der Bombe analysiert und herausgefunden, dass sie aus den Einzelteilen eines Spielzeug-Autos gebastelt wurde. Die Informationen habe er auf "Reddit" zur Verfügung gestellt. Das FBI sei zu diesem Zeitpunkt noch davon ausgegangen, die Bombe sei mit einem Telefon gezündet worden. Obwohl Notarnicola an der Web-Fahndung beteiligt ist, ist er besorgt, die Diskussion könnte ausufern. Unschuldige seien wahllos an den Pranger gestellt worden, sagt er. Insgesamt wurden mehr als zehn potentielle Täter identifiziert.

Hobby-Detektive im Netz

Das Netz sammelt eigenständig Fotos, Videos und Zeugenaussagen und kombiniert schnell. Oft sogar schneller als das FBI. Gwen, eine 23-jährige Studentin am Massachusetts Institute of Technology, analysierte die Überbleibsel eines der explodierten Kochtöpfe. Ihre Erkenntnisse könnten wichtig sein für die US-Bundespolizei, doch die hat bislang noch keinen Zugriff auf die Daten. Der New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky sagte stern.de, die Masse verschwende die Zeit der Polizisten. Sie verstopfe die Informationskanäle des FBI. Denn allen Hinweisen müsse nachgegangen werden, auch wenn es nur Mutmaßungen sind.

Wichtiges lässt sich schwer von Unwichtigem unterscheiden. Zwischen Spekulation und Fakten liegt oft nur ein Mausklick. Hunderte Hobby-Detektive geben sich im "Reddit Bureau of Investigation" die Klinke in die Hand. Neben der Explosion von Boston suchen sie nach einem vermissten Mädchen aus Utah und einem verlorenen USB-Stick, voll mit persönlichen Fotos. In der Vergangenheit wurde auf "Reddit" bereits offen zu Selbstjustiz aufgerufen, etwa im Fall eines von zwei Mitschülern vergewaltigen Mädchens aus Steubenville, Ohio. Auch im Fall von Rehtaeh Parsons, einem kanadischen Mädchen, das nach einer Vergewaltigung Selbstmord begangen hatte, wurden die Täter über "Reddit" gesucht.

Hexenjagd mit Folgen

Zumindest einige "Reddit"-Nutzer scheinen sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie erinnern an Richard Jewell: Zeitungen und Fernsehsender hielten ihn 1996 für die zentrale Figur eines Bombenanschlags auf die Olympischen Spiele in Atlanta, schnell befanden große Teile der Öffentlichkeit den Wachmann für schuldig. Obwohl er nie angeklagt wurde, litt er nach den Verleumdungen an chronischer Fettsucht und Diabetes, später an Nierenversagen. Richard Jewell bezahlte die öffentliche Hetzjagd mit dem Leben.

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