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Bundesservice Telekommunikation Mit einem Anruf um 2 Uhr nachts: Hackerin will Geheimdienst hinter mysteriöser Behörde enttarnt haben

Die Außenfassade des Bundesministeriums des Innern, davor ein Blaulicht
Enttarnt: Die Berliner Hackerin und IT-Aktivistin Lilith Wittmann ist sich ziemlich sicher, wer hinter dem Bundesservice Telekommunikation steckt.
© Jens Krick/Geisler-Fotopress / Picture Alliance
Lilith Wittmann will es geschafft haben: Die Tarnung des Bundesservice Telekommunikation sei dahin. Ihre spannende Recherche erinnert an die Arbeit eines Geheimdienstes.

Vor wenigen Tagen stieß die Berliner IT-Aktivistin und Hackerin Lilith Wittmann auf einen ungewöhnlichen Eintrag in einem offiziellen Verzeichnis des Bundes zu Abteilungen sämtlicher Behörden. Ein sogenannter Bundesservice Telekommunikation war zu sehen. Den kannte die versierte Expertin, die sich häufig mit Behörden beschäftigt, aber nicht – und sie fragte bei offiziellen Stellen nach. Einzige Reaktion? Der Eintrag verschwand aus besagter Liste und niemand äußerte sich zu dem Fall. Eine Karteileiche konnte es aber nicht sein, denn an der Adresse hängt ein passender Briefkasten. Hier beginnt der zweite Teil der Recherche um den Bundesservice Telekommunikation, den Wittmann Schritt für Schritt in ihrem Blog beschreibt.

2500 Quadratmeter – für was?

So war für Wittmann nach Hinweisen von Mitsuchenden auf der Webseite der Hausverwaltung von besagtem Bürokomplex relativ schnell festzustellen, dass sich hinter dem Briefkasten ein 2500-Quadratmeter-Büro befindet, vermietet an ein "Bundesministerium". Der Screenshot dieser Angabe ist in ihrem Blog zu finden, auf der Webseite ist er verschwunden – bekannte Muster. Und obwohl sich diese Information zunächst als Sackgasse erwies, stattete Wittmann der Adresse einen Besuch ab. Mehr als zugezogene Vorhänge und vorbildlich gepflegte VW T6-Busse in der Tiefgarage gab es nicht zu sehen. Immerhin: Die Busse erkannte Wittmann aus anderen Berichten über den Verfassungsschutz wieder.

Zurück am Rechner ging es dann weiter. Wittmann stöberte durch die sogenannte RIPE-Datenbank. Das ist, einfach gesprochen, ein Grundbuch für europäische IP-Adressen. Nach dem Motto: Wem gehört eigentlich der Anschluss an dieser Adresse? Und siehe da: Für Berlin steht in der Datenbank ein Mann mit einer E-Mail-Adresse des Bundesinnenministeriums. Doch entschlüsselt man diese Adresse, Sie ahnen es, stößt man auf Granit. Denn eigentlich enthält eine Adresse wie "Z27_1@..." Informationen über die Abteilung, die Unterabteilung, das Referat und das Postfach. Das alles bringt aber nichts, wenn besagte Abteilungen im Organigramm des Ministeriums fehlen.

BMI-Adressen, die es eigentlich nicht gibt

Kurz vorgespult – nach weiteren Ausflügen in öffentliche Datenbanken stand Folgendes fest: An der Adresse in Berlin sitzt das Bundesministerium des Innern (BMI). Das BMI sitzt aber nach offiziellen Angaben nicht dort. Auch nicht in Köln, wo ein weiterer Datenbank-Eintrag nach bekanntem Muster hinführt. In der Nähe beider Adressen sitzt allerdings das Bundesamt für Verfassungsschutz und beide Einträge teilen sich laut RIPE ein bislang unbekanntes E-Mail-Schema, welches auf "@bmi-ort" lautet, aber in dieser Form vom Bundesinnenministerium allem Anschein nach gar nicht verwendet wird.

An dieser Stelle ihrer Recherche verbindet Wittmann die Hinweise so, dass bei ihr der Eindruck entsteht, beim Bundesservice Telekommunikation handelt es sich um eine Tarnbehörde des Verfassungsschutzes. Kurz eingehakt: Eine stern-Anfrage an das Bundesministerium des Innern vom 13. Januar bleibt weiterhin unbeantwortet. Auch eine Antwort auf eine solche Frage von Journalist Tilo Jung, die er während einer Bundespressekonferenz stellte, blieb aus.

Aber: Selbst wenn die befragten Mitarbeitenden des BMI Bescheid wissen, müssen Sie laut Bundesverfassungsschutzgesetz Paragraph 8 Absatz 2 zu einer Tarnidentität einer Behörde keine Auskunft erteilen. Am 18. Januar 2022 entscheidet sich Wittmann daher um 1.58 Uhr morgens, die Telefonnummern aus der RIPE-Datenbank mal zu wählen. Und es klingelt.

Es ist zwei Uhr nachts

Tatsächlich meldet sich unter der Nummer des BMI Treptow ein Mann, der sich dem Eintrag in der Datenbank entsprechend vorstellt. Wittmann überrumpelt ihn und stellt die Frage, die sie seit Tagen beschäftigt: "Spreche ich mit dem Verfassungsschutz?" Wenig überraschend und nur eine erneute Nachfrage später entgegnet er: "Wir hören jetzt hier mal auf zu reden!". Ende.

Lilith Wittmann schreibt sofort danach eine E-Mail an ihn und nutzt dafür sämtliche, ihr bekannten Kürzel von Behörden, bei denen sie sein Postfach vermutet. Und siehe da: Die Adresse mit der Endung "@bfv" geht durch, der Rest kommt mit einem Fehler zurück. "bfv" steht für "Bundesverfassungsschutz". Bingo.

Stern Logo

Nach dem gleichen Schema geht sie in Köln vor und ruft dort ebenfalls an, von einem Verfassungsschutz will man dort wieder nichts wissen, man gibt sich als Call-Center des Bundesministeriums des Innern aus. Wir erinnern uns: Das BMI hat in Köln offiziell keinen Standort, in Berlin offiziell auch nicht. Wozu dann ein Call-Center, welches sich als solches ausgibt?

Ein Airtag geht auf Reisen

Um ihre Theorie trotz allem zu bestätigen, verschickt Wittmann nun Post. Eine Reisezeitung mit einem versteckten Airtag, Apples Such-Chip (lesen Sie hier den Test), geht an das Postfach des BMI Köln, dessen Nummer Wittmann aus der öffentlichen RIPE-Datenbank gezogen hatte. Und wo kommt es an? Im Gebäude des Bundesverfassungsschutzes in Köln-Chorweiler.

Warum Wittmann sich die Mühe gemacht hat und was sie daraus für Forderungen ableitet, erfahren Sie im Blog der IT-Expertin.


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